Ärzte Zeitung, 14.10.2005

Ohne Neuropathie und Trauma kein diabetischer Fuß

Beim klassischen Fußsyndrom zeigt schon die Blickdiagnose, daß eine Neuropathie vorliegt / Patienten kommen erst bei starken Läsionen zum Arzt

BONN (hbr). "Vom Diabetes allein bekommen Patienten nichts am Fuß. Es braucht immer ein Trauma dazu", sagt Dr. Alexander Risse. Und vor dem Trauma steht meist die Entwicklung eines symmetrischen sensiblen Neuropathie-Syndroms.

Fußpflege bei Diabetes: Hornhaut sollte entfernt werden, da sie auf gesundes Gewebe drückt. Foto: AOK

Selten entsteht ein diabetisches Fußsyndrom ohne Neuropathie. 30 Prozent der Neuropathie-Patienten haben zudem gleichzeitig eine periphere arterielle Verschlußkrankheit. Die Folgen der Nervenschäden sind fatal: Die Patienten nehmen Verletzungen immer weniger wahr.

Egal, ob ein Schuh drückt oder sich eine Reißzwecke durch die Sohle bohrt. Ein Ulkus kann sich bilden. Praktisch immer folge darauf eine bakterielle Besiedlung, meist mit vielen verschiedenen Erregern. Zur Therapie gehörten deshalb außer stadiengerechter Wundbehandlung immer Antibiotika, betont Risse.

Der Schmerzmangel trotz Wunde könne anfangs irritieren, weil die Patienten unbeschwert wirkten. Es tut ihnen ja nichts weh. Der Diabetologe aus Dortmund: "Beim klassischen diabetischen Fußsyndrom mit peripheren Läsionen, distalen Nekrosen mit geröteter Umgebung und bläulicher Verfärbung zeigt bereits die Blickdiagnose: Hier liegt eine Neuropathie vor."

Sonst wäre der Patient nämlich um Wochen schneller beim Arzt erschienen. Denn solche Nekrosen entstehen nicht binnen 24 Stunden, wenn der warnende Ischämieschmerz beginnt. Die sensible Neuropathie hat sogar diesen Schmerz verborgen.

Daß Patienten oft erst bei ausgeprägten Läsionen zum Arzt gehen, kann an optischen Problemen liegen. Schmerzfreie Wunden an Fußsohle und -rand fallen bei eingeschränkter Beweglichkeit nicht auf. Die Patienten sehen ihre Füße ja nur von oben. Wird selbst der gut erkennbare dunkle Zeh übersehen, falle der Verdacht auf diabetische Augenschäden.

"Die Patienten haben dann gar keine Möglichkeit mehr, zu ihren Füßen Kontakt aufzunehmen", sagt Risse. "Und in dieser Situation sind viele." Ärzte sollten deshalb auch nach der Sehfähigkeit fragen.

Neuropathie entwickle sich bei Diabetikern nach zwei Gesetzmäßigkeiten, so Risse beim Symposium für praktische Diabetologie in Bonn: "Die dünnsten Nerven sind zuerst dran, außerdem die längsten Nerven an ihrem Ende." Bei autonomer Neuropathie bedeutet das zum Beispiel Probleme für das Herz und die Erektionsfähigkeit.

Zudem verliert sich am Fuß die Schweißsekretion, die Haut wird dadurch trocken und neigt zu Einrissen und Fissuren. Verdacht auf den Beginn eines diabetischen Fußsyndroms wecken zum Beispiel Krallenzehen, die eine motorische Neuropathie anzeigen können, Nagelmykosen und Hyperkeratosen.

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