Ärzte Zeitung online, 18.08.2017
 

Diabetes

Gesunder Lebensstil durch engmaschige Kontrolle

Lebensstielveränderung ist möglich: Diabetes-Patienten brauchen dazu ein intensives Coaching und engmaschige Kontrollen.

Von Nina Nöthling

Gesunder Lebensstil durch engmaschige Kontrolle

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe mit dem Leiter des Westdeutschen Diabetes-Zentrums Professor Stephan Martin in Düsseldorf. © Nina Nöthling

DÜSSELDORF. 17 Jahre lang steckte Mathilde Lang (Name geändert) in einem Kreislauf aus Essen und Insulin spritzen fest. "Anfangs dachte ich noch, dass Insulin super ist, weil ich so alles essen konnte und danach einfach gespritzt habe", erzählt sie. Erst als sie 106 Kilogramm wog, setzte sie sich mit dem Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ) in Düsseldorf in Verbindung, um herauszufinden wie sie ihren Diabetes in den Begriff bekommen kann, ohne weiter zuzunehmen. "Ich konnte mich gar nicht mehr richtig bewegen – wenn ich nur 100 Meter gegangen war, tat mir mein Kreuz so weh, dass ich mich irgendwo anlehnen musste."

Das WDGZ unter Leitung von Professor Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie des Verbands Katholischer Krankenhäuser in Düsseldorf, ist spezialisiert auf die Diabetes-Therapie durch Lebensstilveränderung. Frau Lang ist nur ein Beispiel für den Erfolg von Ernährungsumstellung bei Diabetes. "90 Prozent der Diabetiker sind Typ II", erklärt Martin. Dieser Typ entsteht durch falsche Ernährung und wenig Bewegung, sagt er weiter. Eine Veränderung des Alltags mit mehr Sport und gesünderem Essen kann Diabetes sogar komplett besiegen, sagt er. Bei Patienten, die weniger als vier Jahre Diabetes hatten, liege die Quote für eine Remission bei 87 Prozent. Bei Patienten, die vor mehr als acht Jahren erkrankt sind, könnten noch 50 Prozent auch ohne Medikamente gut eingestellt werden. "Viele Patienten wollen ihr Leben ändern, aber das ist manchmal sehr, sehr schwierig."

Studie zur Lebensstil-Änderung

Das WDGZ testete von 2014 bis 2015 mit 200 Patienten, wie erfolgreich eine Lebensstilumstellung sein kann. Die Ergebnisse der randomisierten Studie wurden im Juli 2017 veröffentlicht. Patienten der Test-Gruppe hatten durchschnittlich elf Jahre Diabetes und nahmen mindestens zwei Medikamente, um die Krankheit zu kontrollieren. Sie wurden eine Woche lang auf Pulvernahrung umgestellt und dann langsam an eine kohlenhydratarme Ernährung herangeführt. Gewicht, Blutdruck und Blutzuckerwerte wurden täglich an den Arzt übermittelt. Außerdem wurden die Patienten von Diabetes-Beratern betreut, die sie regelmäßig anriefen, sie motivierten, schulten und ihnen Rückmeldung zu ihren Werten gaben. "Durch die kontinuierliche Überwachung konnten wir die Patienten besser motivieren und unterstützen", erklärt Martin. Einer der Teilnehmer erklärt den Erfolg so: "Früher konnte man dem Arzt einfach sagen, man habe sich bewegt, das geht jetzt nicht mehr." So entstehe ein positiver Druck, weil der Arzt genau sieht, ob man nur faul dem Sofa lag. Das Ergebnis: Der Hba1C-Wert sank durchschnittlich um über ein Prozent, die Patienten konnten ihr Gewicht reduzieren.

Präventive Maßnahmen spielen eine große Rolle bei der Bekämpfung von Diabetes. Das betonte auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bei einem Besuch des Zentrums Anfang August. Diabetes sei ein ernst zu nehmendes Thema, sagte er. "Es geht darum, schon früh und dann durch das ganze Leben gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sicherzustellen", sagte er.

Nationaler Diabetesplan auf Eis

Die Bundesregierung will die Forschung zur Prävention von Diabetes und alternativen Behandlungsmethoden fördern. Dabei soll unter anderem ein Nationaler Diabetesplan helfen. Nach ersten Verhandlungen zwischen der SPD und der CDU 2016 liegt die Entwicklung eines solchen Nationalen Diabetesplans zurzeit auf Eis. Die Parteien konnten sich nicht einigen und verschoben das Thema auf die Zeit nach der Bundestagswahl.

Vertreter der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung forderten anlässlich des Besuchs von Gröhe mehr Freiheit, in alternative Behandlungsmethoden, wie die des WDGZ zu investieren. Bei der Prävention von Volkskrankheiten sei Wettbewerb von Kassen ungeeignet. Matthias Mohrmann vom Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg plädierte für eine Kooperation von GKV und PKV.

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