Ärzte Zeitung online, 29.09.2017

Isoglukose

Experten befürchten "Zuckersirup-Schwemme"

Die Quotenregelung für Isomaltose in der EU läuft aus. Experten befürchten eine "Zuckersirup-Schwemme".

Experten befürchten "Zuckersirup-Schwemme"

Diabetologen fordern nach dem Wegfall der Zuckerregulierungen nationale Reduktionsstrategien für Zucker, Salz und Fett.

© Andrew Howe / iStock / Thinkstock

BERLIN. Am ersten Oktober 2017 entfällt die Zuckermarktordnung für Rübenzucker. Praktisch zeitgleich läuft die Quotenregelung für Isoglukose aus, deren Anteil auf dem EU-Binnenmarkt bislang auf fünf Prozent begrenzt war, so diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) in einer gemeinsamen Mitteilung. Das Resultat sei abzusehen, warnen die Experten: keine Schranken mehr für die billigen Zuckersirup-Importe mit der Sammelbezeichnung "Isoglukose".

Der Sirup aus meist 55 Prozent Fruktose und 44 Prozent Glukose werde zwar als nicht schädlicher als Industriezucker eingeschätzt, sofern sich die Verzehrmengen nicht erhöhen; die Produktion solle sich in den nächsten zehn Jahren jedoch mehr als verdreifachen. Sollte Isoglukose den Zucker nicht nur vom Markt verdrängen, sondern in verarbeiteten Lebensmitteln noch stärker zum Einsatz kommen, nehme der Zucker- und Kalorienverzehr insgesamt noch mehr zu und würde so die Zunahme von Übergewicht und Adipositas, Diabetes Typ 2 und kardiovaskulären Krankheiten weiter begünstigen, fürchten die Experten.

Eine mengenmäßig erhöhte Fruktosezufuhr würde langfristig das Risiko für eine Fettleber oder Typ-2-Diabetes steigern. diabetesDE und DAG plädieren daher für eine zügige Optimierung und Implementierung der nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Salz und Fett in der kommenden Legislaturperiode und fordern ein wissenschaftliches Beratergremium, in das auch Mediziner, Ernährungsexperten und Public Health Forscher eingebunden sind. (eb)

[10.10.2017, 21:50:36]
Dr. Stefan Graf 
Low sugar statt low carb
Hinsichtlich der Aufnahmegeschwindigkeit müssen aber auch die unterschiedlichen Resorptionsmechanismen von Glucose und Fructose beachtet werden. Die Resorption von Fructose erfolgt im Gegensatz zur Glucose passiv unter Beteilung des GLUT5-Transporterproteins entlang des Konzentrationsgradienten.Ist zwischen Intra- und Extrazellularraum das Gleichgewicht erreicht, wird netto keine weitere Fructose aufgenommen. Fructose wird so nie vollständig resorbiert. Die bei übermäßigem Konsum bekannten Darmbeschwerden durch bekteriell zersetzte Fructose sind ja bekannt. Das Problem liegt in der meist aus Maisstärke gefertigter Industriefructose, die in Unmengen Softdrinks, Fertigprodukten usw. zugesetzt werden. Durch die fehlende Insulinpflicht fehlt der Sättigungseffekt und durch fehlende Speichermöglichkeit werden Überschüsse "stante pede" zur hepatischen Lipogenese verwendet. Die Leber verfettet, Blutfette, Viszeral- und Depofette steigen.

"...vor Zucker zu warnen", aber auch über die ernährungsphysiologischen Unterschiede zwischen Mono-/Disacchariden und komplexen Polysacchariden aufzuklären. Anstatt "low carb" sollte die Empfehlung "low/no sugar" heißen. Denn die unverselle Kohlenhydratschelte (auch Ballaststoffe sind Kohlenhydrate)ist ebenso deplaziert, insbesondere, wenn sie mit der Gluconeogenese als geeigneter "KH-Beschffungsmaßnahme" begründet wird.

Dr. Stefan Graf zum Beitrag »
[05.10.2017, 14:19:28]
Dr. Christoph Luyken 
Gefährlicher Zucker - Suchtmittel Nr.1
Danke für diesen sehr informativen Beitrag von Dr.Stenger!
Ihm ist nichts hinzuzufügen - außer der Appell, daß sich die Ärzteschaft für dieses Thema mehr sensibilisieren und jede Gelegenheit nutzen sollte, die Patienten aufzuklären und vor Zucker zu warnen. zum Beitrag »
[02.10.2017, 11:17:47]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Glukose vs. Fruktose
Es ist nicht richtig, dass High Fructose Cornsyrup (HFCS) nicht schädlicher ist als Industriezucker. Dabei geht es um die Geschwindigkeit, mit der der Zucker aufgenommen wird. Beim Industriezucker ist die Aufnahme durch die Tatsache verzögert, dass Sucrose erst durch die Sucrase in Glukose und Fruktose zulegt werden muss. Im Gegensatz zur Glukose wird die Fruktose unkontrolliert aufgenommen. Bei Zufuhr von Fruktose wird die (Leber-)Zelle gezwungen, Phosphat anzuhängen. Das bedeutet, dass die Zelle bei nennenswerter Zufuhr in einen Zustand der Energienot gerät, d. h. die energiereichen Phosphate schwinden dahin und energieverbrauchende Stoffwechselwege funktionieren nicht mehr. Die Träger der Phosphate (AMP und IMP) werden über den Purinstoffwechsel weiter abgebaut, was zu einer Schwemme von Harnsäure führt. Das ist zweifellos nicht gesund für den Menschen. Für das Tier, z. B. den Bären oder den Zugvogel, das sich auf den Winter oder einen Interkontinentalflug vorbereitet, ist das überlebensnotwendig; denn so kann es sich die notwendigen Fettreserven anfressen, wobei dank der Harnsäure jetzt der Stoffwechselschalter in die Position Fettakkumulation steht.
Bedauerlicherweise ist selbst in den Universitäten das Wissen über diese ganz grundlegenden Stoffwechselvorgänge nicht verbreitet. So wird immer wieder der Unsinn von der Austauschbarkeit von Glukose und Fruktose weitergegeben und die Zuckerindustrie-Lobbyisten haben aufgrund des mittelalterlichen Wissensstandes leichtes Spiel, uns für dumm zu verkaufen.
Zucker ist und bleibt für den Menschen ein völlig verzichtbares Nahrungsmittel. Er sollte daher wie im Mittelalter als Luxusgut behandelt werden. Nur eine saftige Luxussteuer kann das dadurch ausgelöste Elend begrenzen. Es ist an der Zeit, dass von staatlicher Seite die gewaltigen Folgeschäden anerkannt und langfristig bereinigt werden. "Laissez faire" muss ein Ende haben. zum Beitrag »

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