Ärzte Zeitung, 28.07.2017
 

Multicenterstudie

Bei Hautabszessen immer auch ein Antibiotikum?

Kleinere Hautabszesse heilen offenbar besser, wenn man zusätzlich zu Inzision und Drainage ein orales Antibiotikum verabreicht. Dies legt eine placebokontrollierte Studie nahe, in der es sich hauptsächlich um Infektionen mit S. aureus handelt.

Von Elke Oberhofer

Bei Hautabszessen immer auch ein Antibiotikum?

Hautabszesse werden häufig durch S. aureus verursacht.

© tear220828 / stock.adobe.com

CHICAGO. Bei Hautabszessen gilt in der Regel nach wie vor das uralte Postulat: "Ubi pus, ibi evacua" – wo Eiter ist, soll man diesen entleeren. Die Frage, ob sich an Inzision und Drainage eine antibiotische Therapie anschließen sollte, ist dagegen auch heute noch nicht ganz geklärt. Dies herauszufinden, hat sich ein Forscherteam aus den USA zur Aufgabe gestellt.

Dr. Robert S. Daum von der Universität Chicago und seine Kollegen konnten für ihre prospektive placebokontrollierte Multicenterstudie 786 Teilnehmer gewinnen, darunter 281 Kinder (N Engl J Med 2017; 376: 2545–55).

Um aufgenommen zu werden, mussten die Patienten, die sich zur ambulanten Behandlung in einer von sechs US-Kliniken vorgestellt hatten, einen einzelnen kutanen Abszess von maximal 5 cm im Durchmesser (bei Kindern bis acht Jahre maximal 4 cm) aufweisen.

In allen Fällen wurde der Abszess zunächst per Inzision entleert, dann wurde drainiert. Aus dem Abszessinhalt ließen die Forscher Kulturen anfertigen.

Placebokontrollierte Studie

Die Studie war dreiarmig angelegt: Im ersten Arm erhielten die Patienten dreimal täglich zwei 150-mg-Tabletten Clindamycin, im zweiten zweimal täglich zwei Tabletten Trimethoprim-Sulfamethoxazol (80 mg Trimethoprim, 400 mg Sulfamethoxazol).

Bei Kindern wurde die Ration altersentsprechend angepasst. Um die Verblindung zu gewährleisten, wurde der TMP-SMX-Gruppe als Mittagsration ein Placebomedikament gegeben. Die dritte Gruppe erhielt die Placebotablette dreimal täglich.

Die Heilungsraten (nach Auswertung der Intention-to-treat-Population) lagen gut eine Woche nach Beendigung der zehntägigen Therapie bei 83,1 Prozent in der Clindamycin-Gruppe, bei 81,7 Prozent in der TMP-SMX-Gruppe und bei 68,9 Prozent in der Placebogruppe. Damit waren beide Verumstrategien dem Scheinpräparat signifikant überlegen.

In der Gesamtauswertung unterschieden sich die antibiotischen Regime nicht nennenswert in ihrer Erfolgsrate, wohl aber in Teilanalysen: So profitierten vor allem Kinder von der Clindamycin-Therapie deutlich mehr als von dem Kombipräparat, allerdings nur dann, wenn man ausschließlich die Patienten berücksichtigte, die die Studienmedikamente auch tatsächlich über die vorgeschriebene Dauer eingenommen hatten. Durchgehend adhärent waren 343 Teilnehmer.

Bakterienanalyse 

Studienergebnisse

» Patienten mit Hautabszess erhielten entweder dreimal täglich zwei 150-mg-Tabletten Clindamycin, zweimal täglich zwei Tabletten Trimethoprim-Sulfamethoxazol (80 mg Trimethoprim, 400 mg Sulfamethoxazol) oder Placebo.

» Die Heilungsraten lagen gut eine Woche nach Beendigung der zehntägigen Therapie bei 83,1 Prozent in der Clindamycin-Gruppe, bei 81,7 Prozent in der TMP-SMX-Gruppe und bei 68,9 Prozent in der Placebogruppe.

Eine Kultur aus der Abszessflüssigkeit konnte in 781 Fällen angelegt werden. Dabei wurde in 67 Prozent S. aureus isoliert, in knapp 50 Prozent der Gesamtteilnehmerzahl MRSA. Koagulase-negative Staphylokokken fanden sich in 13 Prozent; daneben gab es noch Streptokokken (6,9 Prozent) und weitere Organismen.

Auch bei den S.-aureus-infizierten Patienten waren nach abgeschlossener Therapie in den beiden Antibiotikagruppen signifikant mehr Patienten geheilt als in der Placebogruppe. Das Gleiche galt für Patienten, bei denen man MRSA nachgewiesen hatte.

Bei 13 Patienten mit S.-aureus-Isolaten hatte man Resistenzen gegen Clindamycin festgestellt.

Einen Monat später hatten die Forscher die Patienten noch einmal zur Überprüfung des Therapieerfolgs einbestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren immer noch signifikant mehr Patienten aus der Clindamycin- bzw. der TMP-SMX-Gruppe beschwerdefrei (78,6 bzw. 73,0 Prozent) als in der Placebogruppe (62,6 Prozent).

Von denen, die bei der ersten Kontrolluntersuchung geheilt waren, hatten 6,8 Prozent aus der Clindamycin- und 13,5 Prozent aus der TMP-SMX-Gruppe erneut eine Infektion entwickelt, entweder an derselben Stelle oder an einer anderen. In der Gruppe mit dem Kombipräparat waren es also signifikant mehr, die Rate lag ähnlich hoch wie unter Placebo (12,4 Prozent).

Dafür gab es, wie die Autoren berichten, unter Clindamycin deutlich mehr Nebenwirkungen (21,9 vs. 11,1 vs. 12,5 Prozent). Am häufigsten litten die Patienten unter leichtem Durchfall und Übelkeit, diese sistierten jedoch in der Regel von allein und blieben ohne weitere Folgen.

In einem Fall entwickelte allerdings ein Patient unter TMP-SMX eine Überempfindlichkeitsreaktion mit Fieber, Ausschlag und Thrombozytopenie, die wahrscheinlich mit der Medikamenteneinnahme in Verbindung stand.

Nebenwirkungen in Betracht ziehen

Den Forschern zufolge ist die zusätzliche antibiotische Therapie bei unkomplizierten Hautabszessen letztlich durchaus von Vorteil, wobei sich der Nutzen wohl auf Patienten mit S.-aureus-Infektionen beschränke. Der Keim gehöre allerdings zu den häufigsten Abszessverursachern auf der Haut.

Bei Kindern scheine Clindamycin etwas besser zu wirken als TMP-SMX, vor allem in puncto Re- oder Neuinfektionen sei ein Vorteil zu sehen gewesen. Eventuelle Nebenwirkungen sind nach Daum und Kollegen bei der Therapieentscheidung in Betracht zu ziehen.

Die Forscher weisen insbesondere auch auf mögliche Resistenzen gegen Clindamycin hin. Hier gelte es, lokale Resistenzlagen zu berücksichtigen.

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