Ärzte Zeitung online, 31.08.2015

Patient mit Sehstörungen

Riesenaneurysma schockt Ärzte

Jahrelang klagte der Mann über Sehbeschwerden. Als endlich die Ursache gefunden wurde, staunten selbst seine Ärzte: Der Patient hatte ein riesiges Aneurysma im Hirn.

Von Thomas Müller

Riesenaneurysma schockt Ärzte

Jahrelang klagte ein Patient über Sehstörungen. Ein riesiges Aneurysma im Hirn war die Ursache.

© Junial Enterprises / fotolia.com

BOSTON. Der 55-jährige Mann hatte schon seit drei Jahren ein Sehproblem mit dem rechten Auge. In dieser Zeit hatten auch seine geistigen Fähigkeiten gelitten, und er entwickelte zunehmend Persönlichkeitsveränderungen.

Als er sich schließlich im Boston Medical Center vorstellte, veranlassten Neurochirurgen um Dr. Nirav Patel eine umfangreiche Untersuchung (N Engl J Med 2015; 373:560).

Tatsächlich konnten sie eine deutliche Beeinträchtigung der Sehschärfe am rechten Auge feststellen, auch schnitt der Mann in neurokognitiven Tests für sein Alter überraschend schlecht ab.

Sieben Zentimeter Durchmesser

Daraufhin nahmen sie das Schädelinnere des Mannes per MRT sowie CT-Angiografie genauer unter die Lupe - und staunten nicht schlecht: Den vorderen Bereich füllte nicht Hirnmasse, sondern überwiegend eine flüssigkeitsgefüllte Kugel mit sieben Zentimeter Durchmesser.

Sie drückte die Frontallappen zur Seite und nach hinten, wobei sie wohl auch den Sehnerv quetschte und zu Ödemen führte. Die kalzifizierte und partiell thrombosierte Hohlkugel erwies sich als ein Aneurysma der Arteria communicans anterior.

Die Ärzte um Patel veranlassten sofort einen Eingriff zur Reparatur des Aneurysmas und entfernten dabei auch die Thromben. Das linderte den Druck auf den Sehnerv und die Frontallappen, der Patient erholte sich nach dem Eingriff vollständig.

Die Sehprobleme verschwanden ebenso wie die kognitiven Defizite - nach einiger Zeit konnte er wieder seiner Arbeit nachgehen. Eine Nachuntersuchung zwei Jahre später zeigte, dass der Aneurysma-Sack komplett kollabiert war.

20-fach erhöhtes Rupturrisiko

Hirnaneurysmen mit einem Durchmesser von mehr als 25 mm sind sehr selten, schreiben die Neurochirurgen um Patel. Unbehandelt ist das Rupturrisiko extrem hoch.

Der Patient hatte also viel Glück, dass er nicht schon längst an einer Hirnblutung gestorben war. Weniger Glück hatte die Schwester des Mannes - sie war bereits an einer platzenden Gefäßaussackung im Gehirn verschieden.

Schätzungsweise 20 Prozent der Patienten mit intrakraniellen Aneurysmen haben auch Verwandte ersten Grades mit einem solchen Problem, berichten die Ärzte aus Boston.

Nach Studiendaten ist bei einem Durchmesser von mehr als 20 mm das Risiko für eine Ruptur etwa 20-mal höher als bei einem Durchmesser unter 5 mm. Die Gefahr einer Hirnblutung scheint mit dem Durchmesser der Aussackung exponentiell zu steigen.

Weitere bekannte Risikofaktoren für eine Ruptur sind Geschlecht, Alter und Nikotinkonsum. Bei Frauen und Rauchern ist das Lebenszeitrisiko für eine Ruptur im Vergleich zu Männern und Nichtrauchern in etwa verdoppelt, bei jungen Patienten (unter 50 Jahren) ist es etwa dreimal höher als bei älteren Betroffenen - bei den Jungen bleibt dem Aneurysma natürlich noch etwas mehr Zeit zum Platzen.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Warum bei Dicken das Hirn hungert

Das Gehirn von schlanken und fettleibigen Personen reagiert unterschiedlich auf Energiezufuhr, so eine Studie. Und: Es gibt dabei eine Parallele zwischen Übergewicht und Depression. mehr »

"Je härter der Knoten, desto höher die Krebs-Wahrscheinlichkeit"

Schilddrüsenknoten werden immer häufiger diagnostiziert. Warum das so ist, welche Untersuchungen zur Abklärung nötig sind und welche Methode immer bedeutender wird, erläutert der Endokrinologe Prof. Matthias Schott. mehr »

Wenn Leitlinien in die Irre führen

Zum Vorgehen bei Patienten mit Mikro- oder Makrohämaturie gibt es verschiedene Empfehlungen – das schafft Unsicherheit. Forscher haben festgestellt, dass Krebs oft unentdeckt bleibt, wenn Ärzte nationalen Leitlinien folgen. mehr »