Ärzte Zeitung, 16.12.2016
 

Synkope als Risikovorbote

Score hilft bei der Beurteilung

Vor allem bei Synkopen- Patienten mit kardialen Auffälligkeiten ist die Gefahr groß, in Kürze ernsthaft zu erkranken. Ein neuer Score könnte helfen, solche Risikopatienten zu erkennen.

Von Thomas Müller

Score hilft bei der Beurteilung

Jeder zehnte bis vierte Patient erleidet nach einer Synkope bald ein ernstes Ereignis.

© photos.com

OTTAWA. Eine Synkope, definiert als transienter Bewusstseinsverlust durch eine vorübergehende zerebrale Minderperfusion, verläuft zwar meistens harmlos, ist aber bei einem kleinen Teil der Betroffenen Ausdruck einer schwerwiegenden Erkrankung. So erleiden nach Studiendaten ein Zehntel bis ein Viertel der Patienten innerhalb eines Monats nach einer Synkope ein ernstes, zumeist kardiales oder vaskuläres Ereignis, berichten Notfallmediziner um Dr. Venkatesh Thiruganasambandamoorthy von der Uniklinik in Ottawa.

Bei etwa der Hälfte von ihnen würde diese Gefahr nicht erkannt – sie würden ohne Befund nach Hause entlassen, schreiben die kanadischen Ärzte.

Anhand einer prospektiven Kohortenstudie wollten die Wissenschaftler herausfinden, welche Patienten besonders gefährdet sind und daher sehr gründlich untersucht werden sollten (CMAJ 2016, online 4. Juli). Die jeweiligen Informationen ließen sie in einen Risikoscore einfließen, dessen Vorhersagekraft sie anschließend analysierten.

Studie mit mehr als 4000 Patienten

Das Team um Thiruganasambandamoorthy gewann etwas mehr als 4000 Synkopenpatienten aus den Notaufnahmen von vier kanadischen Kliniken für die Studie. Voraussetzung war, dass andere Ursachen als eine Synkope für den Bewusstseinsverlust ausgeschlossen werden konnten, also etwa ein epileptischer Anfall, eine Intoxikation mit Alkohol und anderen Drogen oder ein Hirntrauma. Zudem durften die Patienten nicht länger als fünf Minuten bewusstlos gewesen sein.

Im Schnitt waren die Patienten 54 Jahre alt und zu 55 Prozent weiblich. Bei einem Drittel war ein Bluthochdruck bekannt, 10 Prozent hatten einen Diabetes, 26 Prozent litten an kardiovaskulären Erkrankungen wie KHK, Vorhofflimmern oder Herzklappenproblemen.

Bei praktisch allen Patienten wurden in der Notaufnahme EKGs und Blutuntersuchungen angeordnet. 90 Prozent durften anschließend wieder nach Hause, die übrigen überwiesen die Ärzte in eine Klinik.

Extrem hohe oder niedrige systolische Blutdruckwerte

Wie die Forscher um Thiruganasambandamoorthy anhand von Telefonbefragungen und medizinischen Unterlagen feststellten, kam es bei 147 der Patienten (3,6 Prozent ) innerhalb von 30 Tagen zu einem ernsten medizinischen Ereignis. 42 Prozent der Zwischenfälle ereigneten sich außerhalb einer Klinik, 21 Patienten starben.

24 der Patienten benötigten einen Herzschrittmacher, bei 18 wurde eine Sinusknotendysfunktion festgestellt, bei 15 kam es zu einer ventrikulären Arrhythmie, und elf erlitten einen Herzinfarkt. Nichtkardiale Ereignisse betrafen 35 Patienten, am häufigsten wurden gastrointestinale Blutungen festgestellt (zehn Patienten); Lungenembolien traten bei acht Patienten auf.

Die Forscher prüften nun 43 klinische und labordiagnostische Parameter auf ihre Vorhersagekraft für schwerwiegende medizinische Ereignisse. Wie sich zeigte, waren Patienten mit solchen Ereignissen im Schnitt deutlich älter (72 versus 53 Jahre), hatten häufiger eine Herzerkrankung in der Vorgeschichte (60 versus 21 Prozent) und seltener eine Prädisposition für vasovagale Synkopen (13 versus 43 Prozent ) als die übrigen Patienten.

Auch wurden bei ihnen häufiger Troponinwerte über der 99. Perzentile festgestellt (25 versus 3,4 Prozent ), und die Patienten hatten auch vermehrt extrem hohe oder niedrige systolische Blutdruckwerte.

Auffällige QT-Zeit-Verlängerung

Beim EKG fiel gehäuft eine QRS- und QT-Zeit-Verlängerung auf (32 versus 5,1 Prozent ), und die Diagnose lautete deutlich häufiger auf kardiale Synkope (35 versus 5,0 Prozent ) und seltener auf vasovagale Synkope (13 versus 56 Prozent) als bei Patienten ohne gravierende medizinische Ereignisse in den ersten 30 Tagen nach der Synkope.

Aus solchen Parametern bastelten sich die Ärzte um Thiruganasambandamoorthy den "Canadian Syncope Risk Score". Er reicht von –3 bis 11 Punkten. Bei Werten von – 2 und –1 Punkten ist das Risiko für ein schwerwiegendes medizinisches Ereignis innerhalb eines Monat sehr gering (unter 1 Prozent), bei –1 bis 0 Punkten ist es niedrig (1-2 Prozent ), bei 1 bis 3 Punkten moderat (3-8 Prozent ), bei 4 und 5 Punkten hoch (13-20 Prozent ) und bei 6 bis 11 Punkten sehr hoch (29-84 Prozent ).

Der Score muss nun aber erst noch in prospektiven Untersuchungen validiert werden. Anschließend könnte er geeignet sein, um Risikopatienten in der Notaufnahme rasch zu identifizieren und die übrigen früh nach Hause zu entlassen, schreiben die Ärzte um Thiruganasambandamoorthy.

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