Ärzte Zeitung online, 29.12.2016
 

Körperliche Aktivität mit 85

Was bringt's?

Warum gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Schmerzen und Langlebigkeit? Das gibt Forschern mehr Rätsel auf als die Assoziation von Bewegung und Langlebigkeit auch bei über 85-Jährigen.

Von Robert Bublak

BOLOGNA. Das Ausmaß an körperlicher Bewegung hat selbst im hohen Alter noch prognostische Aussagekraft, melden italienische Forscher. Andere ihrer Ergebnisse sind deutlich skurriler.

Antonio Muscari von der Universität Bologna und eine Gruppe von Forscherkollegen haben 500 zu Hause lebende Senioren im Alter ab 85 Jahren für die Teilnahme an einer Studie gewonnen, in der die Rolle körperlicher Aktivität als möglicher Überlebensparameter bei Hochbetagten untersucht werden sollte. Neben anderen Faktoren wurde das Ausmaß der Aktivität mit der Physical Activity Scale for the Elderly (PASE) erhoben (J Am Geriatr Soc 2016, online 30. November).

Follow-up über sieben Jahre

Das Follow-up der Untersuchung erstreckte sich über sieben Jahre. Im Lauf dieser Zeit starben 365 Teilnehmer.

Dabei war schon in der Übersicht ein signifikanter Unterschied zwischen den später Gestorbenen und den noch Lebenden im eingangs der Studie erhobenen PASE-Score erkennbar: Die durchschnittliche Punktzahl der in der Folgezeit Gestorbenen hatte damals bei 8,6, jene der Überlebenden bei 33,6 gelegen. Das sind zwar beides keine exorbitanten Werte, wenn man bedenkt, dass im PASE optimalerweise 793 Punkte erzielt werden können. Dennoch konnten Muscari und Mitarbeiter sogar ausrechnen, was ein einzelner Punkt an Differenz zwischen den beiden Studiengruppen wert war.

Zählt jede Minute Bewegung?

So gibt es zum Beispiel im PASE zwanzig Punkte für täglich einstündiges Gehen. Drei Minuten sind mithin für einen Punkt gut – und laut den Kalkulationen der italienischen Forscher bedeutete dies für die Studienteilnehmer bereits einen Mortalitätsunterschied von 1 Prozent.

Wer also im Alter von 85 und darüber pro Tag zehn Minuten geht, hat im Vergleich zu jemandem, der den ganzen Tag herumsitzt, über sieben Jahre betrachtet ein um zehn Prozent niedrigeres Sterberisiko.

Männliches Geschlecht bedeutete erhöhte Mortalität

Neben dem Mangel an Bewegung waren männliches Geschlecht (+64 Prozent), höheres Alter (+8 Prozent pro Jahr), Schwierigkeiten mit der Selbstversorgung (+66 Prozent) und ein vorangegangener Schlaganfall (+91 Prozent) mit erhöhter Mortalität verknüpft.

Es gab aber auch schützende Faktoren. Dazu zählte eine als gut eingeschätzte eigene Gesundheit, wobei aber jede Stufe der Verbesserung auf einer Skala von 0 bis 100 weniger ins Gewicht fiel als eine Erhöhung des Bewegungsniveaus um einen PASE-Punkt.

Schmerzgeplagte Langlebige

Ein wesentlicher Überlebensvorteil war es indes, wenn Studienteilnehmer über Nackenschmerzen berichteten. In dieser Gruppe war die Sterblichkeit um 35 Prozent reduziert – wie überhaupt die Überlebenden zu Beginn der Studie deutlich häufiger über Schmerzen an allen möglichen Lokalisationen des Bewegungsapparates geklagt hatten als die später Gestorbenen.

"Das ist nicht leicht zu interpretieren", schreiben die darob verblüfften Wissenschaftler. Am wahrscheinlichsten handle es sich um einen Zufallsbefund, schließlich seien Schmerzen in anderen Untersuchungen ein Hinweis auf höhere Gebrechlichkeit gewesen.

Schmerzen durchs Bewegen?

Es sei freilich möglich, dass nur derjenige Schmerzen am Bewegungsapparat spürt, der sich noch bewegen kann. Dagegen spreche wiederum der Studienbefund, wonach die Schmerzen ein vom PASE-Score unabhängiger Überlebensvorteil waren.

"Alternativ wäre denkbar", so Muscari und sein Team, "dass die alten Menschen, die wenig Schmerzen spüren, dieselben sind, die weniger Zytokine produzieren, weil ihre Immunabwehr nachlässt." Die Folge wäre ein erhöhtes Risiko, an Infektionen oder Krebs zu sterben.

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