Ärzte Zeitung, 08.09.2017
 

"Aortentelefon"

Berliner Konzept rettet Patienten mit Aortendissektion das Leben

Experten des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) gehen davon aus, dass jährlich hunderte Patienten infolge einer Aortendissektion sterben, weil die Diagnose zu spät oder gar nicht gestellt wird. Ein spezielles Konzept des DHZB zur Koordination von Diagnose und Therapie soll die Situation ändern.

Von Christian Maier

„Aortentelefon“: Berliner Konzept rettet Patienten mit Aortendissektion das Leben

Aortendissektion: Die innere Gefäßwand ist eingerissen.

© 7activestudio / stock.adobe.com

Wahrscheinlich doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen, erkranken an einer akut lebensbedrohlichen Aortendissektion. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB). Die Experten gehen davon aus, dass jährlich hunderte Patienten an der Erkrankung sterben, weil sie zu spät oder gar nicht erkannt wird.

Bei einer akuten Typ A-Aortendissektion reißt die innere Wandschicht der Aorta direkt am Herzen ein und löst sich ab. In den Zwischenraum fließt Blut und vergrößert ihn entlang der Aorta immer weiter. So können Abzweigungen – etwa zum Gehirn – verschlossen werden.

Die größte Gefahr der Aortendissektion aber ist die Einblutung in den Herzbeutel, die rasch zum Herzstillstand führen kann. Betroffene müssen deshalb so schnell wie möglich in einem spezialisierten Herzzentrum operiert werden. Unbehandelt verläuft die Aortendissektion in einem Großteil der Fälle innerhalb von 48 Stunden tödlich.

Falsche Verdachtsdiagnose Herzinfarkt

Eine schnelle und sichere Diagnose der akuten Aortendissektion ist allerdings nicht leicht. Die Symptome – vor allem der heftige Brustschmerz – können auch von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des weitaus häufiger vorkommenden Herzinfarktes missdeutet werden.

Wird dann gegen einen Herzinfarkt behandelt, kann das fatale Folgen haben, so Stephan Kurz, Kardioanästhesist und Notarzt am DHZB. Bei der Aortendissektion werde die Blutung durch blutverdünnende Arzneien, wie sie bei Herzinfarkt eingesetzt werden, noch beschleunigt und die weitere Versorgung erheblich erschwert. Häufig sorgt erst eine Untersuchung mit dem Computertomographen (CT) für Klarheit, der aber nicht überall und schnell genug zur Verfügung steht.

Ein Team der Klinik für Herz,-Thorax- und Gefäßchirurgie am DHZB unter der Leitung von Kurz hat die Patientenakten und Notarztprotokolle von über 1600 Patienten analysiert, die wegen einer akuten Typ A-Dissektion am DHZB behandelt wurden. Zusätzlich wurden über 14.000 Autopsieberichte aus dem Institut für Rechtsmedizin der Charité und dem Fachbereich Pathologie des Vivantes-Netzwerks ausgewertet, um zu erfassen, wie viele Patienten in Berlin und Brandenburg an einer Aortendissektion gestorben sind.

Dringender Handlungsbedarf

Die Ergebnisse wurde im "International Journal of Cardiology" (2017, 241: 326–329) veröffentlicht und zeigen dringenden Handlungsbedarf. So wurde ermittelt:

  • dass die mittlere Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation bei über acht Stunden liegt.
  • dass die Aortendissektion mit hoher Wahrscheinlichkeit viel häufiger auftritt als bisher angenommen: Das statistische Bundesamt geht von jährlich 4,6 Fällen auf 100.000 Einwohner aus, die Hochrechnung der in der Studie erhobenen Daten ergibt einen mehr als doppelt so hohen Wert (11,9 Fälle).

"Anhand unserer Daten müssen wir von einer Dunkelziffer von über 200 Menschen ausgehen, die in Berlin und Brandenburg jedes Jahr verstorben sind, weil eine akute Aortendissektion zu spät erkannt oder falsch behandelt wurde", sagt Kurz.

Das DHZB hat deshalb bereits 2015 das europaweit einzigartige Konzept eines "Aortentelefons" ausgearbeitet: Eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärzten rund um die Uhr koordinierend und beratend zur Seite steht. So soll die Zeit vom Ereignis bis zur Op nicht nur entscheidend verkürzt, sondern auch besser genutzt werden.

Infos auf Notfall-Website des Herzzentrums Berlin

Im DHZB steht unter einer einheitlichen Nummer rund um die Uhr ein Facharzt für Anästhesie oder Herzchirurgie als Ansprechpartner für das Personal der regionalen Rettungsstellen zu Verfügung. Er leistet medizinischen wie organisatorischen Support für die Kollegen vor Ort, koordiniert aber auch die Vorbereitung des Eingriffs am DHZB selbst.

Hierzu wurden Standardverfahren zur bildgebenden Diagnostik und Medikation erarbeitet und mit Rettungsdiensten, leitenden Notärzten und den Rettungsstellen der Kliniken in Berlin und Brandenburg abgestimmt. "Dabei ging es uns auch darum, die Kolleginnen und Kollegen weiter für eine Erkrankung zu sensibilisieren, die weit seltener, aber deshalb nicht weniger schwerwiegend ist als ein Herzinfarkt."

Auch die Abläufe von Aufnahme, Anästhesie, operative Versorgung und die Weiterbehandlung auf der Intensivstation am DHZB selbst wurden weiter verbessert und standardisiert. Auf der Notfall-Website des DHZB stehen die entsprechenden Leitlinien und Möglichkeiten zur schnellen und sicheren Übermittlung der Patienten- und Behandlungsdaten zur Verfügung.

Konzept zeigt Wirkung

Das Konzept hat bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Erstversorgung geführt: Die Zahl der am DHZB wegen einer akuten Typ A-Dissektion operierten Patienten stieg von durchschnittlich 80 in den Vorjahren auf 138 in 2016, also um mehr als 70 Prozent.

Auch die Zeitspanne vom Eintreten der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt werden. "Viele dieser Patienten hätten ohne die zügige und effiziente Verlegung ins DHZB nicht überlebt", sagt Klinikdirektor Professor Volkmar Falk "Der beste Ansporn für uns, das Projekt auszubauen und weiter voranzutreiben."

Christian Maier, Pressestelle Deutsches Herzzentrum Berlin

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