Ärzte Zeitung online, 05.12.2017
 

"Cholesterin – der große Bluff"

Kardiologen kritisieren Sender ARTE wegen "gefährlicher Desinformation"

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) geht mit dem deutsch-französischen Fernsehkanal ARTE hart ins Gericht, nachdem der Sender seinen Beitrag aus dem Vorjahr "Cholesterin – der große Bluff" zur besten Sendezeit ausgestrahlt hat.

Von Peter Overbeck

Kardiologen kritisieren Sender ARTE wegen "gefährlicher Desinformation"

Gefäßverengung durch Plaques. Vor allem das LDL-Cholesterin gilt als Risikofaktor, dass es zu solchen gefährlichen Ablagerungen kommt.

© MAN AT MOUSE / Fotolia

NEU-ISENBURG. Auch wenn die wissenschaftliche Datenlage keinen Zweifel mehr daran zulässt, dass erhöhte Cholesterinspiegel in kausalem Zusammenhang mit der Entstehung von atherosklerotisch bedingten Gefäßerkrankungen steht, ist das Thema der "Cholesterinlüge" nicht totzukriegen. Und so nahm sich kürzlich der Sender ARTE erneut dieses Themas an, indem die Dokumentation "Cholesterin – der große Bluff" aus dem Jahr 2016 ausgestrahlt wurde.

Schon die Vorankündigung zur Sendung macht klar, in welche Richtung der Beitrag gehen soll. Ungeachtet der realen Studienlage wird der Zusammenhang zwischen der Höhe der Cholesterinspiegel und Ereignissen wie Herzinfarkt und Schlaganfall als hartnäckiges "Dogma" charakterisiert, das angeblich im Widerspruch zu den vorliegenden Studien stehe. Diese sprächen, so wird behauptet, "eine eindeutige Sprache: Cholesterin ist nur ein schwacher "Risikomarker", und ein kausaler Zusammenhang zwischen den Cholesterinwerten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann nicht festgestellt werden.

"In gefährlicher Weise unverantwortlich"

Die Verbreitung dieser von der ESC als üble "Falschinformation" charakterisierten Darstellung stößt bei der kardiologischen Fachgesellschaft auf heftige Kritik. Sie moniert, dass die ARTE-Sendung Ärzte und Patienten dazu ermutige, lipidsenkende Therapien einschließlich Statinen zu stoppen, und entsprechende Therapieempfehlungen der ESC als unangebracht erscheinen lasse.

"Diese Sendung ist in gefährlicher Weise unverantwortlich," wird Professor Fausto Pinto, Ex-Präsident der ESC, in einer aktuellen Pressemitteilung zitiert: "Nach Antibiotika sind es die Statine, die wohl mehr als jede andere Medikation zur Verbesserung der Lebenserwartung beigetragen haben".

Pinto weiter: "Die schlimmste Konsequenz dieser Art von Desinformationskampagne ist, dass Menschen zu Schaden kommen. Wenn Patienten mit Herzerkrankungen die Einnahme von Statinen stoppen, nimmt die Anzahl kardialer Ereignisse, die sie erleiden, signifikant zu. Mit anderen Worten: Viele Menschen werden sterben, weil sie auf die Statin-Leugner gehört haben".

Erinnerung an wissenschaftliche Fakten

Die ESC ruft an dieser Stelle einige wissenschaftliche Fakten in Erinnerung. Studien an Tausenden Patienten hätten gezeigt, dass Statine das Risiko für "schwerwiegende vaskuläre Ereignisse" einschließlich Tod infolge Herzinfarkt oder Schlaganfall dramatisch reduzierten. Wenn 10.000 Patienten mit manifester Gefäßerkrankung fünf Jahre lang ein Statin einnähmen, verhindere diese Therapie bei 1000 von ihnen ein vaskuläres Ereignis. Und dieser Nutzen werde mit jedem Jahr der Medikamenteneinnahme größer. Angesichts der überwältigenden Evidenz komme die Unterstützung der Statin-Therapie weltweit in den Leitlinien der Fachgesellschaften klar zum Ausdruck.

Erst im April 2017 hatte eine Expertenkommission der Europäischen Arteriosklerose-Gesellschaft (EAS) unter Leitung von Dr. Brian Ference ein Konsensuspapier veröffentlicht, in dem die wissenschaftlichen Fakten zur kausalen Rolle des Cholesterins an der Arteriosklerose-Entstehung akribisch aufgearbeitet worden sind. Die Autoren sehen dadurch jegliche Zweifel an einer Kausalität ausgeräumt.

Weitere Infos unter kardiologie.org

[07.12.2017, 18:41:56]
Mag. Mona Ziegler 
Diffamierung nicht zielführend
Solange es Studien gibt, die das eine 'beweisen' und Studien, die etwas anderes 'beweisen' bringen uns Diffamierungen nicht weiter. Das verwirrt nur die Öffentlichkeit und bald weiß niemand mehr, was er/sie glauben soll.
Das Einzige was helfen würde wäre gemeinsam zu forschen, um die wahren - wohl sehr komplexen - Ursachen (angefangen beim Zellstoffwechsel!) herauszufinden und um kausale (!) Therapiemöglichkeiten zu erarbeiten. Egal, ob das dann verkäufliche Medikamente sind, oder kostenlose und unpatentierbare Lebensstiländerungen oder Supplementierungen von fehlenden Stoffen.

Allerdings sollte diese Forschung vollkommen unabhängig von Zuwendungen aus der Industrie, der industriehörigen Politik und konzernnahen Pseudoforschungsinstituten sein. Nur: wo gibt es noch solche 'unkäufliche' Forschung? Wem geht es heute noch um die Volksgesundheit und nicht um persönliche/finanzielle oder Macht-Interessen?

Mir scheint, dass Wissenschaftler, die vollkommen unbeinflußbar sind zunehmend von der Bildfläche verschwinden. Oder eben einfach nicht mehr finanziell unterstützt werden, was dann auf das Gleiche herauskommt.

Leben wir noch in einer Demokratie? Ich bezweifle es...

Und solange sind Informationen, die aufrütteln und nachdenklich machen, die Dogmen hinterfragen mehr als nötig! Danke ARTE - das war mutig.

Wir brauchen mehr mündige Patienten und mehr mutige Ärzte. Gott sei Dank gibt es sie schon. Mein Dank geht zB an Prof. S Martin oder Dr. Thomas Georg Schätzler, um nur zwei zu nennen, die sich in hießigen Kreisen trauen, etwas gegen Dogmen zu sagen.

Mag sein , dass Statine ein Risiko senken. Das sagt aber noch nichts aus über einen angeblich kausalen Zusammenhang von Cholesterin. Statistik kann sehr blind machen.

Wenn ein Gymnasiast sich den statistischen Zusammenhang zwischen der Größe von Bränden und der Anzahl der Feuerwehrleute, die im Einsatz sind anschaut: was finder er dann? Einen statistischen signifikanten Zusammenhang zwischen beider Faktoren. Aber würde er daraus schließen, dass die Feuerwehrleute die Brände legen? Wohl kaum... Vllt. ist das Cholesterin tatsächlich nur 'vor Ort', um den Schaden zu bregrenzen? Wir soltlen offen bleiben - Wissenschaft ist - wie wir alle wissen - flüssig.

Mit undogamtischen Grüßen,

Mona Ziegler



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[06.12.2017, 20:14:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Cholesterin, der große Bluff" auf ARTE brandgefährlich!
Fakten gegen die "Cholesterin-Lüge"

1. Zum emeritierten Professor der Chirurgie, Dr. med. Walter Hartenbach, mit seinem Buch von der "Cholesterin-Lüge" schreibt WIKIPEDIA:
"Neben seiner Tätigkeit als Chirurg beschäftigte sich Hartenbach noch mit anderen Bereichen des medizinischen Umfeldes. So begann er 1980 mit der Auswertung von tausenden von Bildern straffälliger Personen und analysierte dabei die Ohrenstrukturen. 1993 veröffentlichte er darüber ein sehr umstrittenes, pseudowissenschaftliches Buch über seine „Methodischen Charakteranalysen anhand der Ohrstrukturen“. Er behauptete darin, dass die Ohrformen die wichtigsten Wesenszüge eines Menschen verraten würden. Im gleichen Jahr kam sein ebenfalls sehr umstrittener „Gesundheitsfahrplan“ auf den Markt. 2002 veröffentlichte der inzwischen 88-jährige Hartenbach das ebenfalls sehr kontrovers aufgenommene Buch "Die Cholesterin-Lüge". Die darin aufgestellten Behauptungen wurden in der Folgezeit weitgehend entkräftet. In diesem Buch stellte Hartenbach unter anderem die These auf, dass zwischen Rauchen und Krebs kein Zusammenhang bestehe." (Zitat Ende) https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hartenbach

2. Eine weitere Außenseiter-Theorie, die offensichtlich Ursache und Wirkung verwechselt bzw. zwei gleichsinnig wirksame Risikofaktoren und Patho-Mechanismen gegeneinander ausspielen will: „Nicht Fette aus dem Blut, sondern Versorgungsstörungen an der Gefäßaußenwand sollen einer neuen Theorie zufolge zu Arterienverkalkung führen. Der Herzchirurg Axel Haverich hat für diese These zur Entstehung von Arteriosklerose nach eigenen Angaben jahrelang Belege gesammelt. Seine Überlegungen veröffentlichte der emeritierte Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in der Fachzeitschrift "Circulation" (2017;135:205-207). Haverich ist überzeugt, dass das Cholesterin, das sich an den Gefäßwänden anlagert, gar nicht aus dem Blut, sondern von abgestorbenen Zellen aus der mittleren Wandschicht stammt. Sterben dort winzige Blutversorgungsgefäße, Vasa vasorum genannt, ab, komme es zu einem Infarkt in der Arterienwand.“ http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/fettstoffwechsel-stoerungen/article/927685/neue-erkenntnisse-blutfette-nicht-ursache-arteriosklerose.html

3. Irreführend falsche Cholesterin-Informationen im TV kommen wiederholt in Zusammenhang mit der Sendung "Cholesterin, der große Bluff" auf ARTE: Dort hatte der französische Arzt und Forscher Dr. Michel de Lorgeril, Wissenschaftler am Centre national de la recherche scientifique (CNRS), Université Joseph-Fourier, Grenoble, als Kardiologe über die angeblich völlig fehlenden Beteiligungen von Cholesterin bei der Entstehung von Herz-
und Hirn-Infarkten als Kronzeuge berichtet. Er reiht sich damit in den naiven Empirismus und vorwissenschaftlichen Naturalismus der Heilpraktiker-Szene ein. Mit ideologischem Eifer verfolgt de Lorgeril geradezu besessen seine Außenseiter-Positionen und legt eine Fülle pseudowissenschaftlicher Publikationen vor. Er zerschlägt nach eigenen Angaben den Cholesterol-Mythos, geißelt die missbräuchliche Verschreibung von Cholesterinsenkern und setzt dagegen auf mediterrane Lebens- und Ernährungs-Interventionen, körperliche Ertüchtigung, Omega 3 Fettsäuren, Immunitäts-fördernde Ernährung und Diabetes-Prävention.

Sein Buch: "DITES À VOTRE MÉDECIN QUE LE CHOLESTÉROL EST INNOCENT, IL VOUS SOIGNERA SANS MÉDICAMENT" besagt, "Sie sollten sich ohne Medikament behandeln" und weiter: "N'ayez pas peur du cholestérol!" - "haben Sie keine Angst vor Cholesterin!" 
Im Text geht es dann fortlaufend weiter: "Un médecin et chercheur français, de renommée internationale pour ses travaux sur les maladies cardiovasculaires, analyse la théorie du cholestérol et montre qu'elle ne repose pas sur des fondements scientifiques et médicaux solides." Er spricht der Cholesterin-Theorie ein solides wissenschaftliches und medizinisches Fundament ab.
"Les maladies cardiovasculaires accablent les sociétés occidentales depuis 50 ans; elles représentent aujourd’hui près de 35% des décès en France et beaucoup plus dans d’autres pays. Le cholestérol étant considéré comme le principal accusé, voilà près de 50 ans qu’on lui mène une guerre sans répit à tel point qu’aujourd’hui une terrible angoisse s’abat sur celui ou celle qui découvre qu’il a un taux de cholestérol élevé.
Or la théorie selon laquelle il vaut mieux avoir un cholestérol le plus bas possible pour éviter de mourir d’une maladie cardiovasculaire ne repose sur rien. Et Michel de Lorgeril le démontre de manière rigoureuse. «Abaisser son taux de cholestérol n’apporte aucune garantie de diminuer son risque de mourir d'une crise cardiaque ou d’avoir une meilleure espérance de vie», dit-il." Als Quintessenz behauptet er: "Die Senkung des Cholesterin-Spiegels erbringt keine Garantie, das Sterberisiko bei einer kardiale Krise zu senken oder Hoffnung auf eine bessere Lebenserwartung zu bekommen."
Es folgen die üblichen Vorwürfe der langjährigen Anti-Cholesterin Medikamenten-Einnahmen, der Generierung von Pharmaindustrie-Profiten und der astronomischen Kosten für die Krankenversicherung: "Dans ces conditions, rien ne justifie que des millions de Français consomment à longueur d’année des médicaments anti-cholestérol. Car cette obsession du cholestérol conduit également à un problème économique: en même temps qu’elle génère des profits considérables pour l’industrie pharmaceutique, elle induit des coûts astronomiques pour l’Assurance maladie."

Gipfel der medizinisch-wissenschaftlichen Verschwörungstheorien von Dr. Michel de Lorgeril ist der Parallelvergleich zwischen infektiologischen Schutzimpfungen mit PCSK-9 Injektionen bei Patienten mit Hochrisiko-Faktoren auf seinem Blog http://michel.delorgeril.info
mit dem speziellen Thema
http://michel.delorgeril.info/cholesterol/vaccins-connections

Aber die Erfolgsgeschichte der Cholesterin-Senkung kann man seit der 4-S-Studie nicht leugnen: Randomised trial of cholesterol lowering in 4444 patients with coronary heart disease: the Scandinavian Simvastatin Survival Study (4-S-Study) | https://www.ncbi.nlm.nih.gov | 1994 Nov 19;344(8934):1383-9.

Ob Atherosklerose, Cholesterin, LDL-Cholesterin, Plaques, Plaque-Ruptur, ischämischer Myokardinfarkt, ischämischer Hirninfarkt, alle Studien dazu können nicht mehr wissenschafts- und erkenntnistheoretisch ignoriert bzw. populistisch umgedeutet werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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