Ärzte Zeitung, 23.08.2005

Ist Blutdrucksenkung gleich Blutdrucksenkung?

Zunehmend sprechen Argumente dafür, daß es bei der Blutdrucksenkung auf das Wie ankommt / Losartan hat in der LIFE-Studie Punkte gemacht

MAILAND (sko). Gibt es bei der Bluthochdruck-Therapie einen Nutzen über die Blutdrucksenkung hinaus? Über diese Frage läßt sich trefflich diskutieren, wie einige Kollegen bei einer Veranstaltung zum European Meeting of Hypertension in Mailand bewiesen haben. Den schwersten Stand hatte dabei Professor Massimo Volpe, Mediziner von der Universität Rom: Ihm fiel es bei der Diskussion zu, diese Frage zu verneinen - und er stand damit allein auf weiter Flur gegen seine Kollegen und eine Reihe handfester Argumente.

"Die Blutdrucksenkung ist das wichtigste Ziel bei der Bluthochdruckbehandlung", begann Volpe seinen Vortrag bei der von dem Unternehmen MSD unterstützten Veranstaltung. So bewirke eine größere Blutdrucksenkung auch eine größere Verminderung des kardiovaskulären Risikos. Beim Schlaganfall reduziere die Senkung des Blutdrucks um 10 mmHg die Rate um 31 Prozent ("Stroke" 35, 2004, 776).

Volpe argumentierte weiter, daß es viele große Studien gebe, in denen es keine Unterschiede zwischen den blutdrucksenkenden Mitteln bei der Reduktion des kardiovaskulären Risikos gegeben habe.

Als Beispiel führte er eine Untersuchung aus "The Lancet" (362, 2003, 2527) an: In dieser Studie hat keine der geprüften Substanzen - getestet wurden ACE-Hemmer versus Diuretika und Betablocker, ACE-Hemmer versus Kalziumblocker und Kalziumblocker versus Diuretika und Betablocker - beim kardiovaskulären Risiko einen Vorteil für sich verbucht.

"Es ist sehr schwierig, irgendwelche Unterschiede bei der Wirksamkeit von Medikamenten gegen Bluthochdruck, die in den letzten 20 Jahren getestet wurden, festzustellen", sagte Volpe.

Seine Argumentation wird allerdings durch eine Studie empfindlich gestört, wie er selbst einräumen mußte: In der LIFE-Studie war bei dem AT1-Rezeptorantagonist Losartan (Lorzaar®) im Vergleich zum Betablocker Atenolol die Rate für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Tod bei gleicher Blutdrucksenkung relativ um 13 Prozent verringert. Volpe beendete seinen Vortrag mit der Frage: "Ist LIFE nur die Ausnahme von der Regel oder hat Losartan einen schützenden Effekt zusätzlich zur Blutdrucksenkung?"

Die Antwort seines Gegenredners, Professor Björn Dahlöf von der Universität Göteborg, war eindeutig: "Es gibt einen Nutzen über die Blutdrucksenkung hinaus", war die immer wiederkehrende Schlußfolgerung in seinem Vortrag.

Die LIFE-Studie sei hierfür der stärkste Beweis: Losartan habe unter anderem einen positiven Effekt auf die Entstehung von Atherosklerose, Diabetes oder Vorhofflimmern, auf das vaskuläre und kardiale Remodeling und auf die Endothelfunktion gehabt.

Aber auch andere Studien, etwa die MOSES-Studie, in der die Behandlung mit Eprosartan die Schlaganfallrate in der Sekundärprävention besser gesenkt hat als Nitredipin, führte der schwedische Forscher in seiner Argumentation auf.

Daß gerade Losartan ein gutes Beispiel für den Nutzen einer Therapie zusätzlich zur Blutdrucksenkung ist, wurde auch von den anderen Diskussionsteilnehmern bekräftigt. So wies Dr. Hans Ibsen vom Glostrup-Hospital in Dänemark auf die Reduktion einer Albuminurie durch Losartan hin.

Für Professor Carlos Ferrario von der Wake Forest University im US-Bundesstaat North Carolina waren es die pharmakologischen Eigenschaften, die Losartan von den anderen Medikamenten unterscheidet. "Losartan hat einige ganz spezifische pharmakologische Effekte, die die anderen Angiotensin-II-Antagonisten nicht haben."

Bei dieser geballten Front an Argumenten für den zusätzlichen Nutzen über die Blutdrucksenkung hinaus - "Ich scheine eine Menge Feinde hier zu haben" - mußte Volpe sich dann doch bald geschlagen geben. Und zum Schluß der Veranstaltung räumte auch er ein: "Die LIFE-Studie läßt doch vermuten, daß nicht alle antihypertensiven Behandlungen gleich zu bewerten sind."

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