Ärzte Zeitung, 01.10.2015

Besorgniserregender Trend

Bluthochdruck und Adipositas setzen Jüngeren zu

Adipositas und Hypertonie sind auf dem Vormarsch, zeigt die LIFE-Studie mit 10.000 Teilnehmern. Deutlich wird auch: Es sind immer mehr jüngere Menschen betroffen.

Bluthochdruck und Adipositas werden jünger

Einen BMI von über 30 haben bereits acht Prozent der unter 40-jährigen Studienteilnehmer.

© Kokhanchikov /Photos.com plus

LEIPZIG. Das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen (LIFE) der Universität Leipzig hat im Dezember 2014 seinen 10.000. Teilnehmer bei der Erwachsenenstudie begrüßt und damit das vorgesehene Ziel erreicht.

Danach begann die Datenauswertung. Vor Kurzem stellte das Projektteam unter Leitung von Professor Markus Löffler ausgewählte Ergebnisse der Öffentlichkeit vor.

Bereits in der Zwischenauswertung 2013 berichteten die Forscher, dass Adipositas und Bluthochdruck auf dem Vormarsch sind.

Besonders mit höherem Alter wächst der Anteil an Übergewichtigen. Besorgniserregend ist, dass dieser Trend zunehmend bei den jüngeren Altersgruppen zu finden ist, teilt die Universität Leipzig mit. Bereits acht Prozent der unter 40-jährigen Studienteilnehmer weisen einen BMI von über 30 auf.

Mit der 3D-Bodyscan-Technik wurde in der LIFE-Studie eine neue Methode eingesetzt, um Körperformen und Fettverteilung zu erfassen.

Die Wissenschaftler konnten an dem bisher größten derartigen Datensatz die Einteilung der Körperformen wesentlich verfeinern. "Insgesamt haben wir 17 verschiedene Körperformen ermitteln können", wird Dr. Henry Löffler-Wirth, der die Daten des Bodyscanners ausgewertet hat, in der Mitteilung zitiert.

"Allein für Menschen mit Präadipositas und Adipositas haben wir acht verschiedene Körperformen gefunden. Es reicht also nicht aus, die Menschen nur nach Apfel- und Birnenform zu unterscheiden".

Die Forscher hoffen, mit dieser verfeinerten Einteilung Frühzeichen bestimmter Erkrankungen zu finden und Risikofaktoren für Erkrankungen besser abschätzen zu können.

Einfluss der Gene auf Stoffwechsel

Ein wichtiges Ziel des LIFE-Forschungszentrums besteht in der Aufklärung genetischer Mechanismen, die zu Krankheiten führen können.

In einem sehr aufwändigen Analysegang von Labormedizinern und genetischen Statistikern wurden laut Mitteilung sechs neue genetische Varianten entdeckt, die mit Veränderungen des Energiestoffwechsels im Zusammenhang stehen.

Auch sei es gelungen nachzuweisen, dass die Stoffwechselveränderungen durch veränderte Aktivität der Gene ausgelöst werden. "Dies eröffnet perspektivisch Therapieansätze zur Behandlung von stoffwechselassoziierten Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes oder Herzerkrankungen", sagt Markus Scholz, Professor für genetische Statistik.

In der LIFE-Studie wurde auch das Essverhalten der Teilnehmer untersucht. Die Auswertung der Daten zeige, dass bei sechs Prozent der Probanden das Essverhalten stark gestört ist, so die Uni Leipzig. Dies äußert sich beispielsweise in vermehrtem Essen bei Angst, Anspannung oder in Gesellschaft.

Über 28 Prozent der Probanden kontrollieren ihr Essverhalten bewusst. "Diese Kontrolle ist nicht unbedingt negativ zu sehen. Es handelt sich eher um das Bemühen, Übergewicht zu vermeiden", sagt Ernährungswissenschaftlerin Antje Löffler.

Als schwierig zu kontrollieren wird von vielen Studienteilnehmern das Verlangen nach Süßem betrachtet, von dem 30 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen berichten.

Jeder Zweite hat Bluthochdruck

Ein bedeutendes Gesundheitsproblem stellt der Bluthochdruck dar. 56 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen in der LIFE-ADULT-Studie sind betroffen.

Unter den 70- bis 79-Jährigen haben der Mitteilung zufolge mehr als 75 Prozent einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck.

Hochgerechnet auf die Leipziger Erwachsenenbevölkerung wird die Prävalenz für Männer auf 38 Prozent und für Frauen auf 32 Prozent geschätzt. Bluthochdruck ist die häufigste Indikation für medikamentöse Behandlung in Leipzig. Hoher Blutdruck trägt wesentlich zu einem hohen Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall bei.

Schlafstörungen sind häufig und belasten das Wohlbefinden. Knapp 40 Prozent der LIFE-Teilnehmer beklagen eine subjektiv schlechte Schlafqualität.

In fast zehn Prozent der Fälle werden Schlafprobleme berichtet, die als klinisch relevant zu bewerten sind, so die Uni Leipzig. Frauen sind stärker betroffen als Männer.

"Eine Besonderheit von LIFE ist, dass nicht nur die Zufriedenheit mit dem Schlaf erfragt wurde, sondern in einer Gruppe von 3000 Probanden auch eine einwöchige objektive Messung des Schlaf-Wach-Verhaltens mit Hilfe von Aktometern erfolgte", berichtet Psychologe Dr. Christian Sander.

Männer haben im Tagesdurchschnitt eine Netto-Schlafdauer von etwa 6 Stunden 30 Minuten und Frauen von ungefähr 6 Stunden 50 Minuten bei jeweils großen individuellen Unterschieden.

Ein wichtiger Parameter ist die Schlafeffizienz (Anteil der schlafend verbrachten Zeit an der gesamten Bettzeit).

"Bei über 35 Prozent der Probanden fand sich eine geringe Schlafeffizienz von weniger als 80 Prozent, was für das Vorliegen von Schlafstörungen spricht. Bei über 12 Prozent ergab sich eine sehr hohe Schlafeffizienz von über 90 Prozent, was auf Erschöpfung und Übermüdung hinweist", erklärt Sander.

Depression besonders bei Frauen

Erwartungsgemäß fielen die Ergebnisse zur Häufigkeit depressiver Symptome aus, heißt es in der Mitteilung. So deuten die Ergebnisse an, dass 6,4 Prozent aller Leipziger zwischen 18 und 79 Jahren depressive Symptome aufweisen, wobei Frauen mit 8,3 Prozent nahezu doppelt so häufig betroffen sind wie Männer mit 4,5 Prozent.

"Auffällig war bei unseren Auswertungen, dass die Häufigkeit depressiver Symptome stark vom sozioökonomischen Status abhängt. Neu für uns ist ein enger Zusammenhang mit der sozialen Isolation", sagt Psychologe PD Dr. Tobias Luck.

Dabei untersuchten die Forscher unter Leitung von Professor Steffi Riedel-Heller, wie viel Kontakt die Probanden zu Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn pflegen oder ob es Vertraute gibt, die sie um Hilfe bitten können. Soziale Isolation stellt einen Risikofaktor für unser psychisches Wohlbefinden und unsere Gesundheit dar.

Wie die Ergebnisse von LIFE zeigen, wiesen 13 Prozent der Erwachsenbevölkerung ein erhöhtes Risiko für soziale Isolation auf. "Spannend war hier zu beobachten, dass sich das Verhältnis Männer-Frauen im Vergleich zur Depression umkehrt. Das heißt, dass Männer (14,6 Prozent) häufiger von sozialer Isolation betroffen waren als Frauen (11,6 Prozent)", so Riedel-Heller.

Analog zur depressiven Symptomatik zeigten auch hier Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status das höchste Risiko für eine soziale Isolation (21,1 Prozent vs. 7,8 Prozent bei hohem Status).

Kognitive Leistungsfähigkeit

Bestätigt wurden frühere vorläufige Ergebnisse bezüglich der kognitiven Leistungsfähigkeit. Diese erfasst mehrere Fähigkeiten wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache und Orientierung.

Diese Fähigkeiten nehmen mit zunehmenden Alter im Mittel ab, aber mit erheblichen Unterschieden zwischen den Probanden. Unter den Teilnehmern hatte jeder Zweite das Gefühl, dass sich das eigene Gedächtnis verschlechtern würde.

"Nicht jeder, der sich selbst ein schlechtes Gedächtnis bescheinigt, hat allerdings auch gleich ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken", erklärt Psychologin Dr. Francisca Then. Nur bei jedem fünften Probanden (20,3 Prozent) über 60 Jahre konnten die Wissenschaftler eine leichte neurokognitive Störung ermitteln, die mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Demenz einhergeht.

Eine eindrucksvolle Auswertung kommt aus dem Max-Planck-Institut für Neurokognition. Mittels bildgebender Verfahren können strukturelle Veränderungen des Gehirns, wie Marklagerläsionen - Schädigungen in Bereichen unter der Hirnrinde - oder das Volumen bestimmter Hirnareale qualitativ und quantitativ bestimmt werden.

Ein interessantes Areal ist zum Beispiel der Hippocampus. Die Auswertung der mehr als 2600 MRT-Bilder zeigt, einhergehend mit der Literatur, dass das mittlere Volumen des Hippocampus in der LIFE-Adult-Kohorte ab einem Alter von etwa 60 Jahren kontinuierlich abnimmt, während die Marklagerläsionen zunehmen.

Gleichzeitig korrelierten ein größeres Hippocampus-Volumen und ein vermindertes Marklagerläsion-Volumen mit einem besseren Abschneiden in kognitiven Aufgaben. (eb)

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