Ärzte Zeitung, 02.09.2016
 

Herzrhythmusstörungen

Tragbarer Lebensretter

Wie lässt sich der plötzliche Herztod bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen sicher und wirksam vermeiden? Vielleicht mit einem kleinen, tragbaren Defibrillator.

Von Beate Schumacher

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Plötzlicher Herztod: Eine Defibrillator-Weste für Risiko-Patienten kann Leben reben.

© Friso Gentsch / dpa

Das gilt laut einer retrospektiven Untersuchung des Herzzentrums Dresden auch für WCD-Patienten in Deutschland, wo das Indikationsspektrum etwas anders ist als in den USA, in denen die relevanten Studien durchgeführt wurden.

Die Ärzte um Dr. Natalie Wäßnig konnten für ihre Analyse auf 6043 Krankenakten aus 404 Zentren zugreifen (Circulation 2016, online 25. Juli). Den Patienten (78,5 Prozent Männer) im Alter von 48 bis 68 war zwischen April 2010 und Oktober 2013 ein WCD verordnet worden.

Gute Compliance

Hauptindikation war eine neu diagnostizierte dilatative Kardiomyopathie (DCM, 37 Prozent). Auf Platz zwei folgten ischämische Kardiomyopathien (ICM, 27 Prozent): Die Patienten hatten entweder innerhalb der letzten 40 Tage einen Herzinfarkt erlitten (43 Prozent) oder sich innerhalb der letzten drei Monate einer PCI oder einer Koronar-Bypass-Op unterzogen (44 bzw. 13 Prozent).

Bei jeweils 12 Prozent der Patienten war ein ICD explantiert bzw. eine nichtischämische Kardiomyopathie (NICM) diagnostiziert worden. Weitere 10 Prozent erhielten den WCD wegen einer Myokarditis, die übrigen 2,5 Prozent litten an einer genetisch bedingten Erkrankung (zum Beispiel Long-QT-Syndrom) oder einer chronischen Herzinsuffizienz oder warteten auf eine Herztransplantation.

Die Compliance der Patienten war gut: Im Median trugen sie den WCD 23,1 Stunden am Tag, und das über eine mediane Zeit von 59 Tagen.

93 Prozent waren nach 24 Stunden noch am Leben

Insgesamt kam es bei 120 Patienten zu 163 Schockabgaben. Bei 94 der Patienten wurde der Stromstoß durch eine anhaltende Kammertachykardie (VT) oder ein Kammerflimmern (VF) ausgelöst.

Korrekte Schockapplikationen erfolgten demnach bei 1,6 von 100 Trägern und 8,4-mal pro 100 Jahre Anwendung. Bei ICD-Patienten erreichte die Inzidenz 19,3 pro 100 Patientenjahre, bei Patienten mit DCM, ICM, NICM und Myokarditis waren es 9,7, 8,5, 4,6 und 6,6 pro 100 Patientenjahre.

Bei 88 der 94 Patienten (94 Prozent) mit adäquatem Schock gelang die Konversion in einen langsameren Herzrhythmus. 87 Patienten (93 Prozent) waren 24 Stunden später noch am Leben.

Nicht indizierter Stromstoß führte nicht zum Tod

Von den sieben Todesfällen waren vier die Folge einer nicht ansprechenden monomorphen VT und drei eines VF. Ein weiterer Patient starb aufgrund einer anhaltenden Asystolie. Vier der Todesfälle ereigneten sich bei Patienten mit explantiertem ICD.

Weitere 242 VT-Episoden bei 70 Patienten waren selbstlimitierend und eine Schockabgabe wurde von den Patienten per Knopfdruck verhindert.

Bei 26 Patienten (0,4 Prozent) waren die Schocks nicht durch VT oder VF ausgelöst, sondern primär das Resultat einer Kombination aus Signalartefakten, schnellen supraventrikulären Tachykardien und der Entscheidung der Patienten, die Behandlung nicht abzubrechen. Der nicht indizierte Stromstoß führte aber bei niemandem zu Tode.

Empfehlung zur Anwendung bei Risiko-Patienten

"Die deutsche Erfahrung mit dem WCD stützt die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und der European Society of Cardiology (ESC) für die Anwendung bei Patienten mit hohem Risiko für einen plötzlichen Herztod", betont das Team um Wäßnig.

Danach besteht eine Klasse-IIa-Indikation für einen WCD, wenn ein ICD explantiert wurde und nicht (gleich) reimplantiert werden kann, wenn Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation stehen und keinen ICD haben oder wenn eine akute Myokarditis vorliegt.

Als Klasse-IIb-Indikation gelten Patienten mit Myokarditis oder kurz nach PCI, Bypass oder Herzinfarkt bzw. mit DCM oder NICM, bei denen eine Verbesserung der linksventrikulären Auswurffraktion (LVEF) zu erwarten ist.

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