Ärzte Zeitung online, 09.08.2019

Kommentar zu den Grenzen des BMI in der Diagnostik

Ein fettes Problem

Der BMI wird viel genutzt für die kardiovaskuläre Risikokalkulation. Die ganze metabolische Wahrheit spiegelt er offenbar nicht.

Von Robert Bublak

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© Springer Medizin

Body-Mass-Index (BMI) gut, alles gut? Keineswegs. Es kommt offenbar nicht nur auf das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße an. Höchst bedeutsam ist vielmehr, wie sich dieses Gewicht, respektive die daran beteiligte Fettmasse, über den Körper verteilt.

Dabei scheint zu gelten: Unten ist besser also oben. Laut Ergebnissen einer US-Studie wirkt sich Fett, das an den Beinen angesetzt wird, eher günstig auf das Herz- und Gefäßrisiko aus, während Fett am Rumpf kardiovaskulär eher nachteilige Effekte hat.

Das gilt selbst bei ganz normalem BMI und unabhängig von der Gesamtmenge des Fetts oder dem relativen Fettanteil an der Gesamtmasse. Und unabhängig davon, ob der Grenzwert für den Bauchumfang noch eingehalten wird.

Es ist das Fett am Körperstamm, das in die metabolische Misere führt. Es verschlechtert die glykämische Kontrolle, die Insulinsensitivität sinkt, der Insulinspiegel steigt, nachweisbar sind Assoziationen zu systemischen Entzündungen und Dyslipidämie. Personen mit ein und demselben BMI können davon in ganz unterschiedlichem Maß betroffen sein.

Schön wär’s, könnte man das alles mit einem einzigen Parameter wie dem BMI erfassen. Doch der ist, wie die Dinge liegen, zu wenig komplex, um dem Fettproblem gerecht zu werden.

Lesen Sie dazu auch:
Kardiovaskuläres Risiko: Entscheidend ist, wo die Fettpölsterchen sitzen

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[09.08.2019, 13:40:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
BMI als Summations- und Surrogatparameter
Zugegeben, ein durch Gewicht und Größe bestimmter "Body-Mass-Index" (BMI) wird von meinem Praxis-PC berechnet und braucht dafür auch keine künstliche Intelligenz (KI). Liegt er unter 18 und über 30 sollte man medizinisch besonders aufmerksam sein.

Doch gerade weil der BMI ein Summations- und Surrogat-Parameter ist, nivelliert er besonders im scheinbar "gesunden" Bereich von 18,5 bis 25 klinisch relevante Unterschiede und mögliche Folgeerkrankungen. Dies belegt z.B. "Association between regional body fat and cardiovascular disease risk among postmenopausal women with normal body mass index" von Guo-Chong Chen et al.
https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehz391/5524773

Dort wurden die für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko (CVD) relevanten Veränderungen der Fettverteilung bei 2.683 normgewichtigen postmenopausalen Frauen ohne Ausgangs-CVD mit einem BMI zwischen 18,5 bis 25 im Langzeitverlauf beschrieben.

Die Verteilung des viszeralen und peripheren Fettes ist ebenso relevant wie die Muskelmassenverteilung, der Trainingszustand, die Fitness und der mentale bzw. metabolische Zustand.

Deshalb sollten als Routinediagnostik neben Blutdruck- und Pulsmessung, Rauchen-, Verhaltens- und Ernährungsgewohnheiten, Atemfrequenz, SpO2-Sätttigung, Waist-to-hip ratio ( WHR) und die Bauchumfangmessung bei der Beurteilung des kardiovaskulären Risikos hinzutreten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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