Ärzte Zeitung, 17.02.2004

Periphere Verschlußkrankheit ist rasch bestimmt

Praxisstudie belegt hohe Prävalenz in Deutschland / Mit Knöchel-Arm-Index ist Risiko für Infarkte gut abschätzbar / Option sind Plättchenhemmer

BERLIN (gvg). Erste Ergebnisse der großen Praxisstudie getABI (German epidemiological trial on Ankle-Brachial-Index) zur Prävalenz der peripheren arteriellen Verschlußkrankheit (pAVK) belegen: Jeder fünfte ältere Patient in einer Praxis hat eine pAVK, doch das ist nur bei jedem zweiten von ihnen auch bekannt. Je niedriger der in der Studie bestimmte Knöchel-Arm-Index (bestimmt aus Blutdruck am Arm und Fußknöchel), desto höher ist das Risiko für kardiovaskuläre Folgen wie Herz- oder Hirninfarkt. Eine Therapie-Option ist Clopidogrel.

Von allen mit Atherosklerose assoziierten Erkrankungen wird der pAVK in Deutschland die geringste öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Das ist schon daran zu erkennen, daß es in Deutschland bislang keine Studien zur Häufigkeit dieser Krankheit gab.

"Alles was wir hatten, waren Schätzungen", sagte Professor Curt Diehm vom Klinikum Karlsbad-Langensteinbach bei der Verleihung des Robert Koch-Award 2004 an das Unternehmen Sanofi-Synthélabo für den Thrombozytenaggregations-Hemmer Clopidogrel (Plavix®). Diese Schätzungen - bis zu vier Millionen Betroffene in Deutschland - beruhten überwiegend auf Untersuchungen in den USA und Großbritannien.

Nur jeder Fünfte mit pAVK hat Claudicatio-Symptome

Bei bis zu 40 000 Patienten mit pAVK müssen in Deutschland jährlich Beine oder Füße amputiert werden, so Diehm bei der Preisverleihung in Berlin. Eine Million Patienten werden wegen einer pAVK ärztlich behandelt. Das Problem: Die typische Schaufenstersymptomatik, die Claudicatio intermittens, tritt nach neueren Untersuchungen höchstens bei jedem fünften Betroffenen auf. Viele ältere Patienten passen nämlich ihr Bewegungsmuster ganz unbewußt der Erkrankung an, laufen langsamer und damit scheinbar beschwerdefrei.

Unter der Leitung von Diehm und unterstützt durch das Unternehmen läuft in Deutschland jetzt erstmals eine epidemiologische Studie zu pAVK, und zwar nicht in Kliniken, sondern ganz bewußt in 344 Praxen von Allgemeinmedizinern und Internisten. Die Studie ist die größte je in Europa gemachte Studie zur Erfassung der pAVK-Prävalenz.

Der Index kann auch ohne Doppler bestimmt werden

Eine pAVK liegt vor, wenn dieser auch Dopplerindex oder ABI genannte Index, bei dem der systolische Blutdruckwert am Knöchel durch den Wert am Oberarm geteilt wird, kleiner ist als 0,9. "Die Treffsicherheit dieser Messung, die in jeder Praxis auch ohne Ultraschall problemlos machbar ist, liegt bei 98 Prozent", so Diehm.

Der Druck an den Füssen kann auch bestimmt werden, wenn eine Blutdruckmanschette am Knöchel aufgepumpt und der systolische Wert abgelesen wird in dem Moment, wo der Puls einer der Fußarterien wieder zu tasten ist. Für den Index wird der schwächere beider Fußwerte genommen.

Die Studie läuft noch bis Herbst 2004, erste Ergebnisse liegen schon vor. Bisher wurde bei über 6800 zufällig ausgewählten Patienten der Index bestimmt. Fast jeder Fünfte hatte eine pAVK, was den Kollegen nicht einmal bei der Hälfte von ihnen bekannt war.

Doch in getABI wird nicht nur die Häufigkeit der pAVK, sondern auch die Inzidenz kardialer und zerebrovaskulärer Ereignisse in Abhängigkeit vom Index bestimmt. Auch hierfür gibt es erste Daten: Die Wahrscheinlichkeit für Hirn- oder Herzinfarkte, sowie kardiovaskulär bedingtem Tod innerhalb eines Jahres betrug etwa 2,8 Prozent, solange der Dopplerindex größer als 0,9, also normal war.

Bei pathologischem Index steigt dieses Risiko rasant an: Zwischen 0,7 und 0,9 liegt es schon bei sechs Prozent. Bei Werten zwischen 0,5 und 0,7 ist bereits jeder zehnte innerhalb eines Jahres betroffen, unterhalb von 0,5 jeder sechste. Diese Ergebnisse bestätigen die einer ähnlichen Studie aus den USA.

Für Diehm lehrt getABI zweierlei: Vor allem Hausärzten sollten die ABI-Messung als Screening-Methode anwenden, um kardiovaskuläre Risikopatienten frühzeitig zu erkennen. Sei mit dieser einfachen und schnellen Methode ein pAVK-Patient identifiziert, dann müsse er auch behandelt werden: "Eine Hemmung der Thrombozytenaggregation ist dann Pflicht", so Diehm.

Acetylsalicylsäure sei dabei besser als nichts. Nicht wenige Patienten profitierten aber stark von dem potenteren Clopidogrel. Eine Dauertherapie damit sei bei pAVK zum Beispiel immer dann angezeigt, wenn bei einem pathologischen Index zusätzlich weitere atherosklerotische Prozesse wie KHK oder zunehmende Verengungen der hirnversorgenden Karotiden bekannt seien, so Diehm.

FAZIT

Einer periphere arterielle Verschlußkrankheit ist der getABI (German epidemiological trial on Ankle-Brachial-Index)-Studie zufolge auch in Deutschland assoziiert mit einem stark erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen und Sterblichkeit. Die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index ist ein einfaches Mittel, um dieses Risiko abzuschätzen. Der Index kann auch ohne Doppler bestimmt werden. Um Komplikationen vorzubeugen, empfehlen Angiologen Thrombozytenaggregations- Hemmer, etwa Clopidogrel.

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