Ärzte Zeitung, 15.03.2004

HINTERGRUND

Neurologen empfehlen: Patienten mit TIA gehören in die Stroke-Unit

Von Philipp Grätzel

Fast jeder sechste Patient mit einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) erleidet innerhalb von drei Monaten einen Schlaganfall, die Hälfte davon in den ersten 24 Stunden. Neurologen fordern deswegen: Jeder Patient mit einer TIA sollte auf dem schnellsten Weg in die nächstgelegene Stroke-Unit.

"Eine TIA ist ein Notfall", sagt Professor Hans Christoph Diener von der Klinik für Neurologie der Universität Essen. Das massiv erhöhte Schlaganfallrisiko für TIA-Patienten sei in vielen Studien gut belegt. Hausärzte, bei denen sich Patienten mit TIA-verdächtigen Symptomen vorstellen, sollten deswegen nicht zögern, sondern die Einweisung in eine Stroke-Unit veranlassen. Dort können dann als vielleicht wichtigste Differentialdiagnose kardiale Emboliequellen entdeckt und die Patienten gegebenenfalls behandelt werden. Auch hochgradige Stenosen der Arteria carotis interna fallen hier am ehesten auf.

Die Symptome einer TIA allerdings können vielschichtig sein, und das macht die Diagnose mitunter schwierig. Eine echte TIA ist relativ selten: Auf drei Schlaganfälle komme nur ein solches Ereignis, so Diener zur "Ärzte Zeitung".

"Die Amaurosis fugax, also ein zeitweiliger, voll reversibler und meist einseitiger Visusverlust, ist sicher das klassischste aller TIA-Symptome", sagte der Neurologe. Träten diese Beschwerden morgens nach dem Aufstehen auf, dann sei das hochverdächtig auf eine schwere Carotisstenose, die schnellstmöglich abgeklärt werden müsse. Denn sonst drohe hier ein großer Infarkt im Stromgebiet der entsprechenden Arteria cerebri media. Charakteristische Symptome sind auch passagere Hemiparesen oder halbseitige Empfindungsstörungen. Auch hier solle man keine Zeit verlieren, so Diener nachdrücklich.

Schwieriger wird es bei Gefäßprozessen im Bereich der Arteria vertebralis. Um hier die Verdachtsdiagnose einer TIA zu stellen, sind nach Angaben Dieners mehrere Symptome erforderlich: "Wer nur Schwindel hat und sonst nichts, bei dem liegt eher keine TIA vor. Stark TIA-verdächtig allerdings ist eine Kombination aus Drehschwindel und einem Zusatzsymptom, etwa Doppelbildern, einer Ataxie oder Sensibilitätsstörungen".

Wer keine kardiale Emboliequelle und keine hochgradige Carotisstenose hat, der verläßt die Stroke-Unit rasch wieder: Im Durchschnitt blieben die Patienten zwei Tage, schätzt der Neurologe.

Wichtig ist die Sekundärprophylaxe. Sie richtet sich gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) nach dem Risikoprofil der Patienten und eventuellen Grunderkrankungen. Patienten mit nur einem kardiovaskulären Risikofaktor sollten demnach zur Prophylaxe Acetylsalicylsäure erhalten. Bei mehreren kardiovaskulären Risikofaktoren empfiehlt die DGN zusätzlich Dipyridamol.

Liegen bei einem Patienten eine koronare Herzerkrankung oder eine periphere arterielle Verschlußkrankheit vor, dann sind Thrombozytenaggregationshemmer indiziert. Ob eine Kombination von Clopidogrel (in Deutschland als Plavix® und als Iscover® auf dem Markt) und ASS in der Sekundärprophylaxe bei Hochrisikopatienten Sinn macht, wird gerade in der MATCH-Studie untersucht. Deren Ergebnisse werden auf dem Europäischen Schlaganfallkongreß im Mai präsentiert.

Internet-Adresse der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: www.dgn.org

STICHWORT

Transitorische ischämische Attacke - TIA

  • Eine transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende, neurologische Störung, die wenige Minuten, maximal 24 Stunden anhält.
  • Je nach Quelle erleidet jeder dritte bis achte Patient mit einer TIA im Jahr danach einen Schlaganfall, die meisten davon innerhalb von 24 Stunden. Eine TIA muß also ernst genommen werden, um Patienten vor Schlimmerem zu bewahren, aber auch, um vor Kunstfehlerprozessen geschützt zu sein.
  • TIA-Symptome sind allesamt auch Schlaganfallsymptome. Am häufigsten sind vorübergehende Seh- und Hörstörungen, besonders die oft einseitige Amaurosis fugax, eine vorübergehende, einseitige Blindheit.
  • Seltener sind ein plötzlicher Sprachverlust oder auch kurzzeitige Probleme im Sprachverständnis.
  • Auch klassische Halbseitensymptome wie Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen und
    transiente Lähmungen können auftreten. Sie deuten dann auf einen Prozeß im proximalen Strom_gebiet der Arteria cerebri media. Liegt das Problem im Stromgebiet der Arteria basilaris, kann die Symptomatik unspezifischer sein. Es kann zu Schwindel (besonders Drehschwindel) kommen, oft kombiniert mit Doppelbildern, Übelkeit, Schwäche oder einer Gangunsicherheit. (gvg)

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