Ärzte Zeitung, 30.03.2005

Rhythmisches Arm-Training aktiviert Schlaganfall-Patienten

Kompensationsmechanismen im Gehirn werden gestärkt / Lähmungen können noch Jahre nach einem Schlaganfall verringert werden

TÜBINGEN (ars). Für Patienten mit Hemiparese gibt es neue Hoffnung: Selbst Jahre nach einem Schlaganfall können sich ihre chronischen Lähmungen verringern. Der Schlüssel zum Erfolg: ein rhythmisches Training beider Arme, das kompensatorische Mechanismen im Gehirn aktiviert.

Zerebrale Aktivierung, gemessen mit funktioneller Kernspintomographie vor BATRAC-Therapie. Fotos (2): D. Andreas Luft

Beidseitige Zunahme der Aktivierung durch die Therapie deutet auf eine Aktivierung neuer Gehirn-Areale hin.

Jährlich erleiden etwa 120 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Bei zwei Dritteln bleibt eine Störung zurück, meist eine Hemiparese des Armes. Traditionell konzentrierte sich die Rehabilitation auf die ersten drei Monate, die Zeit mit der spontan größten Erholung. Die Rehabilitation bestand bisher hauptsächlich aus passivem Bewegen des gelähmten Arms oder einem Training des gesunden Arms zum Ausgleich.

Neuerdings geht man immer mehr zu einem aktiven Training des beeinträchtigten Armes über. Bei einer Methode wird der gesunde Arm mit einer Schlinge ruhig gestellt wie nach einem Knochenbruch, so daß die Patienten gezwungen sind, den gelähmten Arm zu benutzen.

Die BATRAC (Bilateral Arm Training with Rhythmic Auditory Cueing)-Therapie beruht ebenfalls auf aktivem Training, stützt sich aber auf die Erkenntnis, daß ein Mitführen des gesunden Armes den kranken Arm stärkt, da beide neurophysiologisch eine Einheit bilden. Dazu wurde eigens eine Trainingsmaschine konstruiert: Sitzend bewegt der Proband zwei Gewichte auf Schienen hin und her, als ob er sägen würde - dies soll das Ausstrecken und Heranziehen des Arms beim Greifen nachahmen.

Nach sechs Wochen Training hatten sich bei den Patienten mit chronischer Hemiparese die sensomotorischen Funktionen des gelähmten Armes signifikant gebessert. Dies stellten die Wissenschaftler der University of Maryland in Baltimore zum Beispiel mit standardisierten Skalen fest sowie mit Fragebögen, in denen die Patienten dokumentierten, wie sie im Alltag mit Heben, Tragen oder Essen zurechtkommen.

Die Erfolge waren auch zwei Monate nach Abschluß der Übungen noch vorhanden. "Der Clou daran ist, daß die Besserung nicht etwa von Muskeln, Herz oder peripherem Nervensystem ausgeht, sondern vom Gehirn", sagte Dr. Andreas Luft vom Hertie-Institut für Hirnforschung in Tübingen.

"Denn mit der funktionellen Kernspintomografie hat sich bestätigt, daß dort Veränderungen angeregt wurden." Nun soll BATRAC beim frischen Schlaganfall erprobt werden. Im Gespräch ist ferner, das Training mit Medikamenten zu kombinieren, etwa L-Dopa oder Antidepressiva.

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