Ärzte Zeitung, 26.05.2006

HINTERGRUND

Neuer Aktionsplan soll pro Jahr 70 000 Schlaganfälle verhindern

Von Dirk Schnack

Die Risikofaktoren sind erforscht, die Therapiemöglichkeiten verbessert worden, die Versorgung in Stroke-Units wird gelobt - und trotzdem ist der Schlaganfall in Deutschland die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für eine Behinderung bei Erwachsenen.

Ein nationaler Aktionsplan soll das ändern. Spezialisten hoffen, damit jährlich etwa 70 000 Schlaganfälle verhindern zu können - wenn konzertiertes Handeln gelingt. "Hierfür müssen nicht nur Ärzte und Patienten an einem Strang ziehen, sondern auch Forschung, Industrie und Gesundheitspolitik sind zu einem gemeinsamen Handeln aufgefordert", sagt Professor Heribert Schunkert von der Universitätsklinik zu Lübeck.

Zusammen mit anderen Spezialisten hat der Kardiologe den nationalen Aktionsplan in Lübeck vorgestellt. Der sieht vor, das bestehende Wissen um die vermeidbaren Ursachen des Schlaganfalls besser umzusetzen und die Prävention als gesamtgesellschaftliche Herausforderung anzunehmen.

Spezialisten fordern neue Konzepte zur Apoplexprävention

Für Professor Joachim Schrader aus Cloppenburg steht fest: "Es besteht kein Wissensmangel, sondern ein Umsetzungsproblem."

Die Spezialisten forderten bei der von MSD unterstützten Veranstaltung in Lübeck etwa gemeinschaftliche Konzepte, die Förderung von Motivation und Anreizsystemen, Präventionsprogramme und begleitende Versorgungsforschung. Mit diesen Änderungen hoffen sie, bis 2025 die Hälfte aller vermeidbaren Schlaganfälle, etwa 70 000 pro Jahr, in Deutschland zu verhindern. Bis dahin sind aber noch viele Hürden zu nehmen:

  • Sensibilisierung der Bevölkerung: Risikofaktoren für Schlaganfälle sind den meisten Menschen weitgehend unbekannt. Nach Angaben des Berliner Professors Stefan Willich weiß jeder zweite Deutsche nicht, daß Bluthochdruck ein Risikofaktor für Schlaganfall ist. Weitere Faktoren wie Rauchen, Herzrhythmusstörungen, Alkohol oder körperliche Inaktivität sind noch unbekannter. Viele wissen nicht, daß die Kombination der Faktoren gefährlicher ist. "Dadurch vervielfacht sich das Risiko", so Professor Rainer Kolloch aus Bielefeld.
  • Die Therapietreue verbessern: Professor Peter Dominiak aus Lübeck forderte, Patienten besser über Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten aufzuklären - viele Patienten setzten Medikamente aus übertriebener Angst oder Bequemlichkeit ab, ohne die Folgen zu ahnen.
  • Umsetzung der Leitlinien: Zwischen den Leitlinien der Fachgesellschaften und der Behandlungsrealität in den Praxen liegen oft Welten. Und je länger Ärzte niedergelassen sind, um so weniger seien ihnen die Leitlinien bekannt, hieß es in Lübeck. Professor Günther Deuschl aus Kiel erinnerte an die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, die zur Prävention des Schlaganfalls die Behandlung bei Bluthochdruck, das Einstellen des Rauchens, eine Senkung der Blutfette, die Behandlung bei Diabetes mellitus und gesunden Lebensstil (dreimal wöchentlich 30 Minuten Sport und mediterrane Kost) empfiehlt.
  • Neue Präventionsprogramme: Viele bestehende Angebote erreichen die Menschen nicht. Susanne Wiltfang von der AOK Schleswig-Holstein plädierte deshalb für neue Zugangswege, um passive Menschen zu erreichen - etwa über Online-Angebote.
  • Bessere Abstimmung: Ein Tag des Schlaganfalls - und dann ist alles wieder vergessen? Um das zu vermeiden, plädiert Dr. Markus Wagner von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe für konzertierte Aktionen für die Prävention. Er wünscht sich neue Allianzen, die etwa Stiftungen, Ärzte und Kostenträger zusammenbringen.

Deutlich wurde in Lübeck, daß ein Schlaganfall nicht nur eine persönliche und familiäre Katastrophe für den Einzelnen, sondern auch eine erhebliche Kostenbelastung für die Allgemeinheit bedeutet.

Willich rechnete vor, daß bei unveränderten Rahmenbedingungen in Deutschland in den kommenden 20 Jahren rund 3,4 Millionen Menschen einen Schlaganfall erleiden werden. Das bedeutet Behandlungskosten von insgesamt 108 Milliarden Euro. Deshalb sind die Ausgaben für eine verbesserte Prävention gut angelegt, erklären die Initiatoren des Aktionsplans.

FAZIT

In den nächsten 20 Jahren werden in Deutschland etwa 3,4 Millionen Menschen einen Apoplex erleiden. Ein nationaler Aktionsplan soll bis 2025 viele Schlaganfälle verhindern. Mit dem Konzept soll die Bevölkerung sensibilisiert, Therapietreue verbessert und Präventionsprogramme und Abläufe optimiert werden.

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