Richtige Lebensweise

Fast jeder Schlaganfall vermeidbar

Ein Paukenschlag: 90 Prozent der der Schlaganfall-Folgen sind vermeidbar. Aber wie schützt man sich?

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:
Moderne Gesellschaft: Schlaganfälle werden immer häufiger, dabei ließen sie sich vermeiden.

Moderne Gesellschaft: Schlaganfälle werden immer häufiger, dabei ließen sie sich vermeiden.

© freshidea / Fotolia

Weltweit erleiden jährlich etwa 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. Sechs Millionen davon sterben, fünf Millionen bleiben dauerhaft behindert.

Für Deutschland spricht der aktuelle Gesundheitsbericht des Bundes von mehr als 290.000 Patienten, die im Jahr 2013 eine Schlaganfalldiagnose erhalten haben.

Laut den deutschen Daten sterben im ersten Jahr nach dem Insult rund 24 Prozent der Betroffenen, und knapp 36 Prozent sind im ersten Quartal nach einem Schlaganfall einer Pflegestufe zugeordnet.

Schlaganfall? Meistens vermeidbar

Angesichts solcher Zahlen reibt man sich nach der Lektüre einer Studie zu den globalen, durch Schlaganfälle verursachten Gesundheitslasten die Augen. Hiernach sind 90 Prozent der Belastungen durch Schlaganfälle modifizierbaren Risikofaktoren zuzuschreiben.

Geeignete Maßnahmen zur Kontrolle dieser Faktoren vorausgesetzt, könnten drei von vier Insulten vermieden werden.

Wissenschaftler unter Führung von Professor Valery Feigin von der University of Technology in Auckland, Neuseeland, schließen das aus den Daten der Ende 2015 publizierten Untersuchung "Global Burden of Disease", die sie in Bezug auf zerebrale Insulte analysiert haben (Lancet Neurol 2016; online 9. Juni).

Die allermeisten Insulte vermeiden – bedenkt man, dass Schlaganfälle eine der Hauptursachen für Behinderungen im Erwachsenenalter sind, ist das ein atemraubendes Potenzial.

Den Berechnungen von Feigin und Kollegen liegt das Konzept der "Disability-Adjusted Life Years" (DALY) zugrunde. Die deutsche Übersetzung dafür lautet "behinderungsbereinigte Lebensjahre".

Das atmet zwar die Luft einer Welt, in der die Poesie auf Excel-Tabellen geschrieben steht. Und tatsächlich stammt der Ausdruck aus der Finanzwelt, er wurde erstmals vor über 20 Jahren im Weltentwicklungsbericht der Weltbank geprägt. Doch DALY ermöglichen Vergleiche, die sonst kaum möglich wären.

Disability-Adjusted Life Years

Grob gesagt werden DALY aus der Zahl, der mit einer Behinderung zugebrachten Jahre berechnet, multipliziert mit einem Faktor zwischen 0 und 1, je nach Ausmaß der Behinderung. 0 steht dabei für volle Gesundheit, 1 für Tod.

DALY sind damit die Summe aus den Lebensjahren, die durch vorzeitigen Tod verloren gehen, und der verlorenen guten Lebenszeit, die vor dem Tod auf Behinderungen zurückgeht. Maß der Lebenszeit ist die durchschnittliche Lebenserwartung.

Dieses Werkzeug lässt sich für jede Population nach Alter, Geschlecht, Land und Rechnungsjahr zurecht schmieden. So wird es möglich, für einzelne Risikofaktoren regional und global zu ermitteln, wie viel sie zur Insultlast beitragen. Dafür werden die für Schlaganfälle berechneten DALY mit dem Anteil multipliziert, der auf den fraglichen Faktor als Verursacher von Schlaganfällen in der jeweiligen Bevölkerung entfällt.

Hoher Blutdruck ist Gefahr Nummer eins

Allgemein ist der systolische Blutdruck der mit Abstand wichtigste Einzelfaktor. Angenommen wird dabei, dass ein systolischer Druck von unter 120 mmHg das geringste Schlaganfallrisiko birgt.

Je nach den tatsächlich in der Population vorhandenen Werten wirkt sich die systolische Druckerhöhung auf die Insultlast aus: In Deutschland (wie auch global) sind rund 60 Prozent der DALY mit dem systolischen Blutdruck assoziiert.

Andere Faktoren, wie ungesunde Ernährung oder hoher Body-Mass-Index, rangieren deutlich dahinter.

Hohes Risiko auch durch Luftverschmutzung

Global gesehen steht fast ein Drittel der insultbedingten DALY mit der Luftverschmutzung in Verbindung. Während in den hoch entwickelten Ländern die Belastung durch Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 seit 1990 um gut ein Drittel gesunken ist, hat sie in den weniger entwickelten Gegenden zwischen 33 und 50 Prozent zugelegt.

Freilich entfällt in diesen Ländern ein nicht geringer Anteil an dicker Luft auf die Verfeuerung fester Brennstoffe wie Holz im Haushalt. Doch auch in Deutschland, wo kaum noch über offenem Feuer gekocht wird, beträgt der Anteil an den Insult-DALY durch Luftverschmutzung immerhin zehn Prozent.

Nicht berechnen konnten Feigin und Kollegen, wie stark beispielsweise Vorhofflimmern und Drogenmissbrauch bei den Schlaganfall-Zahlen zu Buche schlagen. Für diese Risikofaktoren gab es in den meisten Ländern keine epidemiologischen Daten.

Das Fazit bleibt trotz dieser Lücke bestehen. Denn global ist für fast drei Viertel der Insult-DALY ungesundes Verhalten mitverantwortlich: die Kombination von Rauchen, ungesunder Ernährung und wenig Bewegung.

Ob uns der Schlag trifft und wie viele gute Jahre uns das kostet, hängt damit hauptsächlich davon ab, wie wir leben - und davon, ob wir dieses Leben ändern.

robert.bublak@springer.com

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