Ärzte Zeitung, 10.05.2017
 

Schlaganfall

Zehn Risikofaktoren für das Gros der Apoplexien ursächlich

Als wichtigster Risikofaktor für Schlaganfälle ergab sich bei der Auswertung von Daten aus verschiedenen Ländern der Erde die Hypertonie. Es folgten mangelnde körperliche Bewegung, Hyperlipidämie, Ernährungsfehler und abdominale Adipositas, psychosoziale Faktoren, Rauchen, Herzerkrankungen, übermäßiger Alkoholkonsum und Diabetes mellitus. Zehn Risikofaktoren sind für 90 Prozent aller Schlaganfälle ursächlich.

Zehn Risikofaktoren für das Gros der Apoplexien ursächlich

Als wichtigster Risikofaktor für Schlaganfälle ergab sich bei der Auswertung von Daten aus verschiedenen Ländern der Erde die Hypertonie

© Gina Sanders / Fotolia

HAMILTON. Bereits die erste Phase der INTERSTROKE-Fall-Kontroll-Studie mit 6000 Teilnehmern aus 22 Ländern zeigte, dass zehn beeinflussbare Risikofaktoren für 90 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich sind.

Der aktuell publizierte zweite, aussagekräftigere Teil dieser Studie mit fast 27.000 Teilnehmern aus 32 Ländern hatte zum Ziel, die Hypothese zu verifizieren, dass signifikante Unterschiede hinsichtlich der Region und Kriterien wie Alter, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit bestehen (Lancet 2016; 388: 761 –775).

INTERSTROKE ist eine Fall-Kontroll-Studie. Von 2007 bis 2015 wurden die Daten von knapp 13.500 Patienten mit erstem akuten Schlaganfall mit der gleichen Zahl von Kontrollen ohne Schlaganfallanamnese verglichen. Unterschiede in sieben geografischen und sozioökonomischen Gruppen für die Regionen Westeuropa/Nordamerika/Australien, Ost- und Zentraleuropa/Naher Osten, Südamerika, China, Südasien, Südostasien sowie Afrika wurden analysiert. Strukturierte Fragebögen dienten der einheitlichen Definition und Erfassung der individuellen Risikofaktoren. Arterieller Hypertonus, Rauchen, Diabetes mellitus, körperliche Aktivität, Diät, psychosoziale Faktoren, abdominelle Adipositas (Taille-Hüfte-Verhältnis), Alkoholkonsum, kardiale Erkrankungen und Apolipoproteine wurden erfasst.

Hypertonie an erster Stelle

Endpunkte waren die Odds Ratio (OR) und das populationsattributable Risiko (PAR), mit dem sich quantifizieren lässt, wie hoch prozentual gesehen in der jeweiligen Bevölkerung der Beitrag eines bestimmten Risikofaktors am Gesamtrisiko – in diesem Fall für einen Schlaganfall – ist. Dabei kann die Summe aller PAR höher als 100 Prozent sein, da sich einige Risikofaktoren gegenseitig beeinflussen.

Risikofaktoren für Schlaganfall

- Das bedeutendste Risiko war der Hypertonus mit einem populationsattributablen Risiko (PAR) von 47,9 Prozent.

- Es folgten mangelnde körperliche Bewegung, Hyperlipidämie, Ernährungsfehler und abdominale Adipositas.

- Weitere Risiken waren psychosoziale Faktoren, Rauchen, Herzerkrankungen, übermäßiger Alkoholkonsum und Diabetes.

Das bedeutendste Risiko bei der weltweiten Gesamtbetrachtung aller Schlaganfälle war der Hypertonus mit einem PAR von 47,9 Prozent. Es folgten mangelnde körperliche Bewegung mit 35,8 Prozent, Hyperlipidämie (Quotient aus Apolipoprotein B zu A1) mit 26,8 Prozent, Ernährungsfehler mit 23,2 Prozent und abdominale Adipositas (Taille-Hüft-Verhältnis) mit 18,6 Prozent. Weitere mit einem Schlaganfall assoziierte Risiken waren psychosoziale Faktoren (17,4 Prozent), Rauchen (12,4 Prozent), Herzerkrankungen (9,1 Prozent), übermäßiger Alkoholkonsum (5,8 Prozent) und Diabetes mellitus (3,9 Prozent).

Diese Risikofaktoren waren in allen geografischen Regionen für beide Geschlechter und Altersgruppen bedeutsam. Während es keine Unterschiede in den Trends der Risikofaktoren gab, unterschieden sich das Ausmaß und das Vorhandensein in den verschiedenen Regionen teils erheblich: Das PAR der Hypertonie betrug für die Gesamtheit aller Schlaganfälle der INTERSTROKE-Analyse zufolge in Südostasien knapp 60 Prozent, in Westeuropa, Nordamerika und Australien bei etwa vergleichbarer Hypertonieprävalenz nur etwa 39 Prozent. Abdominelle Adipositas hingegen spielt in Westeuropa, Nordamerika und Australien mit einem PAR von 32,1 Prozent eine erheblich größere Rolle als etwa in China, wo der PAR-Wert für das Taille-Hüfte-Verhältnis bei lediglich 7,8 Prozent lag. Markante regionale Unterschiede gab es auch beim Alter, in dem ein Schlaganfall auftritt: So betrug der Anteil der juvenilen Schlaganfallpatienten (< 45 Jahre) für Westeuropa, Nordamerika und Australien 7,4 Prozent, während er in Afrika mit 21 Prozent fast dreimal so hoch lag.

Regionale Unterschiede

Relevante Unterschiede fanden sich bei der Verteilung von ischämischen und hämorrhagischen Insulten: In den westlichen Industrieländern waren mehr als neun von zehn Schlaganfällen (93,3 Prozent) ischämisch bedingt, in Südostasien jedoch nur zwei von drei. Sieben Risikofaktoren spielten sowohl beim ischämischen als auch beim hämorrhagischen Schlaganfall eine Rolle, wobei der Hypertonus besonders kritisch für die zerebrale Blutung war. Rauchen, Diabetes und erhöhte Blutfette hatten nur für ischämische Insulte eine Relevanz. Rauchen und Alkohol waren bei den Männern die größeren Risikofaktoren, während die abdominelle Adipositas und Herzkrankheiten bei den Frauen mehr ins Gewicht fielen.

Die Autoren folgern, dass zwar weltweit betrachtet zehn Risikofaktoren 90 Prozent des PAR erklären, es aber dennoch bedeutsame regionale Unterschiede in der Gewichtung der Risikofaktoren gibt und daher neben globalen Präventionsprogrammen auch regional angepasste Vorsorgemaßnahmen eine Rolle spielen.

"Die breite Datenbasis der INTERSTROKE-Studie erlaubt differenzierte Aussagen zur Bedeutung der einzelnen Risikofaktoren in unterschiedlichen geografischen Regionen, für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sowie nach Art des Schlaganfalls (ischämisch bzw. hämorrhagisch)", kommentiert Professor Joachim Röther, Chefarzt der Abteilung für Neurologie, Asklepios Klinik Altona in Hamburg. Wenn zehn Risikofaktoren 90 Prozent des PAR erklären, so bedeute das natürlich nicht, dass eine effektive Behandlung oder Vermeidung derselben 90 Prozent aller Schlaganfälle verhindern könnte; aber es sei dennoch ein starker Verweis darauf, dass sich das Schlaganfallrisiko erheblich reduzieren lässt, wenn eine konsequente Lebensstiländerung und medikamentöse Sekundärprophylaxe optimal durchgeführt werden, so der Experte. Diese Informationen sind auch in der Interaktion mit dem Patienten wichtig und können dazu beitragen, die Compliance zu verbessern. Interessant an dieser Studie findet Röther auch die Aufschlüsselung der einzelnen Risikofaktoren, die zum Beispiel zeigt, dass das Rauchen einer Schachtel Zigaretten pro Tag die Gefahr eines ischämischen Schlaganfalls mehr als vervierfacht. Dass der Hypertonus den bedeutsamsten Risikofaktor für den hämorrhagischen Schlaganfall darstellte und in Südostasien ein Drittel aller Schlaganfälle ausmachte, ist einerseits genetisch bedingt, wird aber auch mit der Effzienz der Blutdruckkontrolle in der breiten Bevölkerung zusammenhängen. Der hohe Anteil junger Schlaganfallpatienten in Afrika dürfte auf eine schlechte Risikokontrolle und geringe Kenntnisse von Risikofaktoren zurückzuführen sein.(eb)

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