Ärzte Zeitung online, 07.12.2017
 

Vor allem junge Männer betroffen

Der mörderische Montag ist ein Stresstag fürs Herz

Der Montag ist aus kardiologischer Sicht ein schwarzer Tag. Hier häufen sich offenbar die unerwarteten kardial bedingten Todesfälle. Aber warum sind ausgerechnet junge Männer an diesem Tag gefährdet? Die Auswertung einer Studie gibt Antworten.

Von Elke Oberhofer

Der Mörderische Montag ist ein Stresstag fürs Herz

Höheres Herzinfarktrisiko: Dem Montag blickt wohl manch jüngerer Mann mit gemischten Gefühlen entgegen.

© fatihhoca / iStock

WINNIPEG. Der Rückkehr an den Arbeitsplatz am Montagmorgen sehen die meisten Menschen mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen. Für viele bedeutet der Wochenstart vor allem Stress. Hinweise darauf, dass sich dies auf die Herzgesundheit niederschlägt, liegen aus mehreren Studien vor, allerdings mangelt es an prospektiven Langzeitstudien, welche die genauen Zusammenhänge erhellen.

Von kanadischen Autoren wurde aktuell eine Nachauswertung der Manitoba Follow-up-Study (MFUS) publiziert, einer Kohortenstudie, die sich vor allem dem unerwarteten plötzlichen Herztod (sudden unexpected cardiac death, SUCD) zum Wochenstart gewidmet hatte (Am J Epidem 2017; online 13. November). Der Verdacht fiel dabei unter anderem auf ein Laster, dem vor allem jüngere Männer am Wochenende gerne frönen: das Binge-Drinking.

Jüngere Männer besonders betroffen

In der MFUS wurden zwischen 1948 und 1977 Daten von 3983 männlichen Mitgliedern der Royal Canadian Air Force gesammelt, die zu Beginn der Studie herzgesund waren oder zumindest keine klinische Manifestation einer ischämischen Herzkrankheit aufwiesen. Der ursprüngliche Beobachtungszeitraum hatte bis zum Jahr 1980 gereicht.

21% der Fälle von unerwartetem plötzlichen Herztod traten im Beobachtungszeitraum von 60 Jahren an einem Montag auf. Damit ist der Montag der Wochentag mit den anteilig meisten SUCD-Fällen.

In dieser Zeit hatten sich 63 unerwartete kardiale Todesfälle ereignet, wobei unerwartet bedeutet, dass der Tod innerhalb von 24 Stunden nach Einsetzen der Ischämiesymptomatik eingetreten war. 22 dieser Todesfälle waren an einem Montag passiert.

Professor Robert B. Tate und sein Team vom Max Rady College of Medicine der University of Manitoba legen nun prospektiv erhobene Langzeitdaten vor, die auf jährlichen Nachuntersuchungen der Manitoba-Kohorte bis zum Jahr 2008 beruhen. In dem insgesamt 60-jährigen Beobachtungszeitraum waren 3124 Männer gestorben, dabei lag in 208 Fällen ein SUCD vor. Mit einer Rate von 21 Prozent war auch hier der Montag der Wochentag mit den anteilig meisten SUCD-Fällen.

Bemerkenswerterweise war das Risiko, einen plötzlichen unerwarteten Herztod zu erleiden, bei jüngeren Männern am höchsten und sank mit zunehmendem Alter ab. Einen ähnlichen Trend fanden Tate und sein Team für Todesfälle, die durch ischämische Herzerkrankungen verursacht waren, nicht aber für die Gesamtmortalität.

Alkoholexzess am Wochenende

Bei der Suche nach Erklärungen stießen die Forscher auf zwei Studien aus Litauen: Deren Autoren hatten 2001 herausgefunden, dass die Häufung plötzlicher Todesfälle zu Wochenbeginn wahrscheinlich mit Alkoholexzessen am Wochenende zusammenhing. Auch für die kanadischen Forscher scheint dieser Zusammenhang plausibel. Er würde erklären, warum das SUCD-Risiko mit fortschreitendem Alter abnimmt: Weil nämlich die reiferen Semester in der Regel nicht mehr so hemmungslos "feiern".

Laut Tate und Kollegen gilt es jedoch zu bedenken, dass in der gesamten Studie nur ein einzelner Geburtsjahrgang über 60 Jahre nachbeobachtet wurde. In dieser Zeit haben sich die Arbeitsbedingungen maßgeblich verändert, Präventionsmaßnahmen wurden besser umgesetzt und nicht zuletzt wurden öffentlich zugängliche Defibrillatoren eingeführt, mit denen man theoretisch wiederbeleben kann.

All dies könnte das Ergebnis beeinflusst haben. Fraglich ist zudem die Übertragbarkeit der Ergebnisse, die sich auf ein eng gefasstes Kollektiv von kanadischen Luftwaffenangehörigen beziehen.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass zur Prävention des plötzlichen Herztodes zum Wochenstart vor allem Maßnahmen zur Stressreduktion am Arbeitsplatz gehören: "Die Wiederaufnahme der stressigen Arbeitsroutine nach dem Wochenende, vielleicht auch die erneute Abgasexposition, begünstigen möglicherweise Arrhythmien, von denen man annimmt, dass sie die Basis für den plötzlichen Herztod bilden."

[09.12.2017, 23:05:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Unausgegorene "Montags"-Studie?
Ganz ehrlich, die Studie "Sudden Unexpected Cardiac Death on Monday in Younger and Older Men: The Manitoba Follow-up Study" von Robert B. Tate und Philip D. St. John im American Journal of Epidemiology, Published by Oxford University Press on behalf of the Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health | All rights reserved | ist m. E. eher eine pseudo-wissenschaftliche, unseriöse und wenig fundierte Publikation. Sie erinnert im produktionstechnischen Parallelvergleich eher an ein "Montags-Auto"!

Nicht nur, dass inakzeptable Kaufpreise für diese Publikation aufgerufen werden  ["Sudden Unexpected Cardiac Death on Monday in Younger and Older Men: The Manitoba Follow-up Study - 24 Hours access EUR €33.00 GBP £26.00 USD $42.00"], sondern auch die inhaltlichen Schwächen sind unübersehbar. Von daher Danke an Elke Oberhofer für die kostenfreie und detaillierte Berichterstattung in der Ärzte-Zeitung.

Es geht um eine grundsätzlich nie prospektive "Follow-up"Studie [Manitoba Follow-up-Study (MFUS)], eine Kohortenstudie, die sich vor allem dem unerwarteten plötzlichen Herztod (sudden unexpected cardiac death, SUCD) zum Wochenstart aus dem Erhebungszeitraum 1948 bis 1977 mit Daten bei 3.983 ursprünglich herzgesunden männlichen Mitgliedern der Royal Canadian Air Force widmet.

Vermeintlich prospektiv erhobene Langzeitdaten, die auf jährlichen Nachuntersuchungen der Manitoba-Luftwaffen-Kohorte bis zum Jahr 2008 beruhen, sind in Wahrheit follow-up Angaben. In der insgesamt 60-jährigen Beobachtungszeit waren 3.124 Männer gestorben, in 208 Fällen mit SUCD. Mit einer Rate von 21 Prozent war hier der Montag der Wochentag mit den anteilig meisten SUCD-Fällen. Dabei stellt sich automatisch die Frage, ob das nicht die schlichte Summation der am Wochenende mit arbeitsfreiem Samstag und Sonntag undetektierten SUCD-Fällen waren, welche sich erst am Montag subsummieren ließen?

Oder ob die an Samstagen und Sonntagen auf Grund präklinischer und klinischer Maßnahmen beim akuten Koronarsyndrom (ACS) erfolgten Stabilisierungen dann Montags doch eher in der Dekompensation eines SUCD
mündeten?

Mittels basaler Mathematik beträgt die SUCD-Verteilungs- und Eintrittswahrscheinlichkeit ohne die o.g. Verzerrungsmöglichkeiten 1/7 für jeden einzelnen Wochentag: Das sind 14,3 %. Der "Sudden Unexpected Cardiac Death on Monday" liegt nur 6,7 % über der statistischen Erwartung.

Geradezu belustigend ist die Schlussfolgerung des Forscher-Duos, dass zur Prävention des plötzlichen Herztodes zum Wochenstart vor allem Maßnahmen zur Stressreduktion am Arbeitsplatz gehören: Wie soll sich das bitteschön 60 Jahre später bei 78,43 Prozent verstorbenen (sic!), früher mal herzgesunden männlichen Mitgliedern der Royal Canadian Air Force verifizieren lassen?

Die von den Autoren bemühten Litauische Alkohol-Exzess-Wochenend- bzw. die "binge-drinking-" Hypothesen stünden dazu im Logik-Widerspruch. Denn dies würde bedeuten, SUCD müsste auch Freitag-Nacht, Samstag und vor allem am Sonntag häufiger auftreten.

Außerdem bleiben die im 21. Jahrhundert derzeitig aktuell ACS-begünstigenden Wochenend- und Konsumverhaltensmuster bei der jüngeren und älteren Bevölkerung unberücksichtigt: Nutzung von PDE-5 Inhibitoren bei nicht erkannter KHK, Rauchen-, Alkohol- und/oder Drogenexzesse mit Exstasy, Marihuana, Speed, Designerdrogen, Kokain ö. ä.

Insbesondere zum Thema Kokain-Missbrauch gibt es bei der Berliner Berufsfeuerwehr im Rettungsdienst seit Jahren einen Algorithmus, in jedem Einzelfall die Frage nach zurückliegendem Kokain-Konsum bei pectangiösen Beschwerden und V. a. ACS  auch bei jungen Patienten unter 25 Jahren zu stellen.

Derartige Fragestellungen konnte man bei Studiendaten ab 1948 natürlich nicht berücksichtigen. Dass früher mal herzgesunde männliche Mitgliedern der Royal Canadian Air Force eine sehr spezielle und keineswegs auf die Normalbevölkerung übertragbare Studienpopulation darstellen, mussten selbst die beiden Autoren eingestehen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)
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