Ärzte Zeitung online, 06.07.2018

Tragbare Audiogeräte

Hörverlust aus der Hosentasche

Kinder und Jugendliche, die häufig tragbare Audiogeräte nutzen, um Musik zu hören, sind besonders gefährdet für einen Hörschaden, so eine Studie. Eine Rolle spielt auch das Einkommen der Eltern.

Von Dagmar Kraus

Hörverlust aus der Hosentasche

Viele Kinder und Jugendliche hören offenbar zu laut Musik, wenn sie Kopfhörer tragen.

© aletia2011 / stock.adobe.com

ROTTERDAM. Smartphones und Tablets haben unseren Alltag erobert. Allein in Deutschland besitzen rund 57 Millionen Menschen ein elektronisches Endgerät. Die mobilen Alleskönner können unter anderem als tragbarer Audio-Player verwendet werden. Eine Funktion, die vor allem Heranwachsende gerne und ausgiebig nutzen.

Zu laute Musik kann auf Dauer jedoch das Hörvermögen mindern. Ein Risiko, das besonders beim Musikhören über Kopfhörer besteht. So hörten in einer Erhebung aus dem Jahr 2016 weit mehr als die Hälfte der untersuchten Probanden, vorwiegend junge Erwachsene, die Musik über ihre Kopfhörer in einer Lautstärke weit über das empfohlene Maß hinaus.

Da liegt die Vermutung durchaus nahe, dass die geänderten Hörgewohnheiten bei Kindern und Jugendlichen sich in der Häufigkeit lärmbedingter Schwerhörigkeit in dieser Altersgruppe niederschlagen.

Große Spannbreite in der Prävalenz

Die bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ermittelten Prävalenzen von 0,9 bis 16,8 Prozent bestätigen jedenfalls diese Hypothese und lassen außerdem vermuten, dass die zu laute Beschallung über Kopfhörer bereits bei Kindern Hörverluste bedingt. Belastbare Zahlen dazu gibt es bislang allerdings nicht.

Die liefern nun HNO-Ärzte vom Erasmus University Medical Center in Rotterdam. Sie wollten wissen, wie es um die Prävalenz lärmbedingter Hörverluste bei Kindern steht (JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2018; online 14. Juni).

Dazu nutzten Carlijn le Clercq und ihre Kollegen Daten der Rotterdamer Generation-R-Studie, einer prospektiven bevölkerungsbasierten Kohortenstudie, deren Teilnehmer von Geburt an bis zum jungen Erwachsenenalter begleitet und regelmäßig untersucht werden.

Zwischen neun und elf Jahren wird unter anderem das Hörvermögen der Kinder im Frequenzbereich 0,5 bis 8 kHz mittels einer Reintonaudiometrie untersucht.

Lärmbedingter Hörverlust

Die niederländischen HNO-Ärzte berücksichtigten in ihrer Studie 3116 Kinder der Generation-R-Studie mit normaler Mittelohrfunktion, die zwischen 2012 und 2015 audiometrisch untersucht worden waren. Audiometrische Notches bzw. eine Hochtonschwerhörigkeit fanden sich bei insgesamt 443 Kindern (14,2 Prozent).

Das audiometrische Messergebnis erfüllte bei 140 Kindern die Kriterien eines Notches, bei 238 die einer Hochtonschwerhörigkeit und bei 65 Kindern beides. Von den 443 Kindern mit lärmbedingtem Hörverlust waren 52 beidseits betroffen. Über gehörassoziierte Probleme wie ein Klingeln im Ohr, Geräuschempfindlichkeit oder Verzerrungen berichteten 232 Kinder, wobei bei 16 die Beschwerden dauerhaft bestanden.

Die Befragung der Eltern hinsichtlich der Hörgewohnheiten der Kinder und deren Nutzungsverhalten von tragbaren Audio-Playern (PMP = portable music player) ergab, dass 1244 Kinder keine Erfahrung mit PMPs hatten, 577 Kinder ein- bis zweimal die Woche und 254 Kinder sogar dreimal oder öfter ein solches Gerät nutzten. Von 1041 Kindern gab es keine Informationen zum PMP-Gebrauch.

Rechtzeitig informieren!

Der Gebrauch portabler Audio-Player stand tatsächlich mit einem Hochfrequenzhörverlust im Zusammenhang, das Risiko war beinahe dreimal so hoch. Soziodemografische Faktoren, wie das Bildungsniveau der Mutter oder das Haushaltseinkommen, waren ebenfalls mit den beschriebenen Höreinbußen assoziiert.

Während mit niedrigem Bildungsniveau der Mutter das Schwerhörigkeitsrisiko der Kinder stieg, sank es bei geringeren finanziellen Mitteln.

Überträgt man die Ergebnisse auf die Bevölkerung, muss man davon ausgehen, dass eines von sieben niederländischen Kindern zwischen neun und elf Jahren Einbußen des Hörvermögens aufweist, die mit einer lärmbedingten Schwerhörigkeit korrelieren, so das Resümee der HNO-Ärzte.

Dabei scheint der Gebrauch tragbarer Audio-Player mit einem Hörverlust im Hochfrequenzbereich assoziiert zu sein, wenn auch der endgültige Beweise noch aussteht, wie le Clercq und ihre Kollegen einräumen. Dennoch sehen die Ärzte es als notwendig an, Eltern über die Risiken des PMP-Gebrauchs für Kinder und Jugendliche rechtzeitig zu informieren.

Problem ist gleich Lösung?

Etwas anders beurteilt Dr. Kevin H. Franck, HNO-Arzt aus Boston, die Bedeutung elektronischer Endgeräte für das Hörvermögen. Er gibt zu bedenken, dass seit der Untersuchung von le Clercq die Zeit nicht stillgestanden hat. So wurde beispielsweise 2014 von der Europäischen Kommission geregelt, dass die Standardlautstärkeeinstellung tragbarer Geräte im gesundheitlich unbedenklichen Bereich liegen muss.

Zudem sieht er im Trend zur Selbstvermessung mithilfe elektronischer Endgeräte und den damit verbundenen technischen Innovationen einen Teil der Lösung des Problems: Moderne PMPs könnten aktiv das Hörverhalten steuern und gesundes Hören unterstützen.

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