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Run aufs Reagenzglas

Wird die IvF zu leichtfertig eingesetzt?

Wird die Indikation für eine In-vitro-Fertilisation heute zu leichtfertig gestellt? Im britischen Fachblatt BMJ erinnert ein Expertenteam an die potenziellen Risiken für Mutter und Kind und plädiert für einen maßvolleren Umgang mit der IvF.

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Heute ist das längst Standard: die künstliche Befruchtung einer Eizelle.

Heute ist das längst Standard: die künstliche Befruchtung einer Eizelle.

© Westermann / imago

AMSTERDAM. Das erste im Reagenzglas gezeugte Baby wurde 1978 geboren. Seitdem hat die In-vitro-Fertilisation (IvF) eine rasante Entwicklung genommen: Während in den ersten 25 Jahren nach Einführung der Methode, also bis 2003, insgesamt rund eine Million Kinder auf diese Weise das Licht der Welt erblickt hatten, waren es nur zwei Jahre später schon zwei Millionen. Bis Ende letzten Jahres ist diese Zahl bereits auf fünf Millionen gestiegen.

Für Esme Kamphuis von der Universität Amsterdam und ihre Kollegen ist diese Entwicklung bedenklich, denn schließlich, so die Experten, steigen bei häufigem Einsatz auch die Komplikationsraten (BMJ 2014; 348: g252).

Kamphuis et al. warnen vor allem vor den möglichen Gefahren einer Mehrlingsschwangerschaft. Dazu zählen Gestationsdiabetes, intrauterine Wachstumsverzögerung, Präeklampsie und Frühgeburt. Aber auch der Transfer eines einzelnen Embryos sei alles andere als sicher: Die Autoren beziffern das zusätzliche Risiko einer Frühgeburt oder angeborenen Fehlbildung mit dieser Methode auf bis zu 70 Prozent.

Die Risiken beschränken sich aber nicht nur auf die Schwangerschaft und die peripartale Phase. Auch langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes sind nach Kamphuis und Kollegen zu befürchten.

Genannt werden Bluthochdruck, Adipositas, erhöhte Blutzuckerwerte und generalisierte Gefäßschäden als mögliche Folgeerscheinungen bei im Reagenzglas gezeugten Kindern.

Vor diesem Hintergrund sehen die Wissenschaftler die beobachtete Liberalisierung der Indikationsstellung für eine IvF kritisch. Die Maßnahme, die früher vor allem bei Eileiterfunktionsstörungen ihren Einsatz fand, wird den BMJ-Autoren zufolge heute immer öfter auch bei Paaren angewendet, bei denen keine offenkundige Ursache für die Kinderlosigkeit vorliegt.

In Großbritannien verdreifachte sich die Zahl der künstlichen Befruchtungen wegen idiopathischer Sterilität innerhalb eines Jahres (zwischen 2010 und 2011). Dies ist für die Forscher ein Indiz dafür, dass die IvF zu häufig bzw. zu früh eingesetzt wird. Die Autoren zitieren eine Studie aus dem Jahr 2005, nach der 95 Prozent der Frauen mit Kinderwunsch innerhalb von zwei Jahren spontan schwanger wurden.

In einer randomisierten Studie aus den Niederlanden hatte sich sowohl in einer IvF-Gruppe als auch in einer Vergleichsgruppe mit ovarieller Hyperstimulation bei 25 Prozent der teilnehmenden Frauen innerhalb von sechs Monaten eine Schwangerschaft eingestellt. Nach drei Jahren waren in beiden Gruppen 75 Prozent der Teilnehmerinnen schwanger.

Hinter dem Run aufs Reagenzglas steckt für die Experten um Kamphuis aber nicht nur Ungeduld oder ein Mangel an Vertrauen in die Biologie. Immer mehr Frauen planten offenbar, erst im späteren Lebensalter ein Kind zu haben, und lassen ihre Eizellen daher einfrieren. Dazu komme die Verlockung immer patientenfreundlicherer IvF-Programme.

Und noch ein ganz anderer Aspekt spielt aus Sicht der Forscher eine Rolle: der Profit. Die künstliche Befruchtung sei heute ein hoch lukrativer Industriezweig; dabei verdienen an der IvF nicht nur Privatkliniken, sondern auch Forschungseinrichtungen.

Enttäuschend in diesem Zusammenhang: Weder die amerikanischen noch die europäischen Fachgesellschaften für reproduktive Medizin haben eine Lösung für das Problem: Leitlinien zum Einsatz der IvF sucht man vergeblich.

"Die IvF hat es vielen unfruchtbaren Paaren ermöglicht, eine Familie zu gründen", das steht auch für die BMJ-Autoren außer Frage. Allerdings müsse man die Ausweitung der Indikationsstellung einer genauen Evidenzprüfung unterziehen.

Hierzu seien langfristige Studien notwendig, die klären sollen, inwieweit die Intervention für Mutter und Kind effektiv und sicher sei. "Wir schulden es allen Paaren mit Kinderwunsch und ihren potenziellen Nachkommen, die IvF maßvoll einzusetzen", mahnen die Experten.

Dazu gehöre vor allem auch, herauszufinden, welche Paare eine realistische Chance haben, auf natürlichem Wege zu empfangen. (EO)

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