Ärzte Zeitung, 15.09.2004

Eine laxe Compliance können sich HIV-Infizierte nicht erlauben

Ein neues Projekt soll helfen, die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten zu standardisieren / Motivation statt Wecken von Schuldgefühlen

KÖLN (ple). Gerade bei HIV-Infizierten ist die Compliance, hier als Adhärenz bezeichnet, besonders wichtig, damit der Erfolg der medikamentösen Therapie nicht gefährdet wird. Ein neues Projekt soll nun helfen, die erforderliche Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten zu standardisieren.

Damit die antiretrovirale Therapie erfolgreich ist, muß die Adhärenz mehr als 90 Prozent betragen. Das bedeutet: Mehr als 90 Prozent der erforderlichen Dosen müssen eingenommen sein. Daran hat Dr. Birger Kuhlmann aus Hannover beim 14. Deutschen Workshop der Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ) in Köln erinnert.

Das Besondere an der Therapie bei einer HIV-Infektion sei, daß resistente Viren entstehen, wenn die Medikamente nicht regelmäßig eingenommen werden. Gerade in der ersten Phase der Behandlung sei die Adhärenz aus diesem Grunde besonders wichtig. Die Patienten - es handele sich meist um junge Menschen - müßten eher motiviert und nicht in die Defensive gedrängt werden. Es dürften in ihnen keine Schuldgefühle hervorgerufen werden.

Wie schwierig es ist, die HIV-Infizierten zur regelmäßigen Einnahme der Medikamente zu bewegen, machen die Ergebnisse einer Umfrage deutlich, über die Kuhlmann berichtet hat. Danach hätten 30 Prozent der Befragten schon einmal an Therapiepausen gedacht, und 22 Prozent hätten sie aus eigener Entscheidung sogar schon gemacht.

Nach Ansicht von Kuhlmann müßten die Patienten unbedingt gut über die Infektion und die Therapiemöglichkeiten informiert werden. Man könne ihnen zum Beispiel genau erklären, was Blutspiegel seien oder der Begriff "minimale Hemmkonzentration", am besten mit Hilfe einer Grafik oder mit Comics. Auch was unter "hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART)" zu verstehen ist, müsse erklärt werden. "Außerdem muß mit den Patienten über Resistenzentwicklung, Adhärenz, Therapieversagen und dessen psychosoziale Situation geredet werden", so Kuhlmann.

Den HIV-Infizierten sei zudem zu verdeutlichen, daß die bei der Betreuung der Kranken verwendeten Meßinstrumente von ihnen nicht als Kontrolle mißverstanden werden dürften, "sondern als Partnerschaftshilfsmittel" gesehen werden sollten. Die DAGNÄ bereitet derzeit ein Adhärenz-Projekt vor, mit dessen Hilfe die Maßnahmen zur Verbesserung der Compliance standardisiert werden sollen.

Weitere Infos zu HIV und Aids finden Sie unter www.dagnae.de

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