Ärzte Zeitung online, 19.01.2017
 

Ungewöhnlicher Fall

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Damit könnten sich Befürchtungen bestätigen, wonach mehr als zwei Jahrzehnte nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht.

Von Thomas Müller

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

Ein Bild aus der Vergangenheit: Ein Rind mit BSE. Dennoch könnten wieder neue Erkrankungsfälle bei Menschen auftreten, die kontaminiertes Fleisch verzehrt hatten, fürchten Forscher.

© Carsten Rehder/ dpa

LONDON/GB. Noch ist es ein Einzelfall, und niemand weiß, ob weitere folgen. Allerdings haben Experten schon vor 15 Jahren prognostiziert, dass mit ein bis zwei Dekaden Verzögerung auch solche Menschen an der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante (vCJK) erkranken, die bislang aufgrund genetischer Merkmale als immun galten. Nun könnte sich herausstellen, dass es bei ihnen einfach nur länger dauert, bis die tödlichen Prionen das Gehirn in Brei verwandeln. Jedenfalls passte der jüngste vCJK-Fall nicht ins bisherige Muster.

So hing das Erkrankungsrisiko von Menschen, die BSE-kontaminiertes Fleisch verzehrt hatten, bislang vor allem vom Alter und vom Genotyp ab. Offenbar fällt es den BSE-Prionen besonders leicht, bei jungen Menschen über den Darm einzudringen und menschliche Prion-Proteine in eine infektiöse Konformation zu zwingen.

Allerdings gelang dies bisher nur bei Personen mit einem bestimmten Polymorphismus im Prion-Gen: Es musste an Position 129 für Methionin kodieren, und zwar auf beiden Chromosomensätzen. Diese Konstellation ist immerhin bei etwa 40% in der Bevölkerung anzutreffen, die übrigen haben auf einem der beiden oder beiden elterlichen Prion-Genen an Position 129 die Bauanleitung für die Aminosäure Valin.

Alle bisher dokumentierten vCJK-Patienten – weltweit mehr als 230 – waren homozygot für Methionin. Nun ist erstmals ein Erkrankter mit Valin aufgetaucht.

Verlauf wie bei sporadischer CJK

"Noch ist unklar, ob dieser Fall den Beginn einer zweiten Erkrankungswelle markiert, beruhend auf einer längeren Inkubationszeit bei Valin-Trägern", schreiben Dr. Tzehow Mok und Mitarbeiter vom University College in London in einer Mitteilung an das "New England Journal of Medicine".

Über eine solche zweite Welle ist in der Vergangenheit viel spekuliert worden, da auch bei Prion-Erkrankungen wie Kuru zunächst zwar eine Präferenz für den Methionin-Genotyp beobachtet wurde, Valin-Träger aber oft nur deutlich später erkrankten.

Bei dem nun beschriebenen Patienten handelt es sich um einen 36-jährigen Mann, der im August 2015 mit starken Persönlichkeitsveränderungen in das nationale Zentrum für Prion-Erkrankungen in London eingeliefert worden ist. Zuvor war er über neun Monate hinweg zunehmend jähzornig geworden und hatte verstärkt Probleme mit seinem episodischen Gedächtnis.

Später traten eine Gangataxie und Myoklonien auf. Bei der Klinikaufnahme betrug der Wert im Mini-Mental-Status-Test 25 Punkte und markierte damit eine leichte Demenz. Die Neurologen fanden klinisch pyramidale, extrapyramidale, extraokuläre sowie zerebelläre Zeichen. Die Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) offenbarte Auffälligkeiten in Basalganglien, Hypothalamus, medialem Thalamus sowie der Insula.

Der Zustand des Mannes verschlechterte sich zunehmend, er starb im Februar 2016. Bei der Autopsie fanden die Forscher CJK-typische Läsionen und darin einen Prionstamm, der nur bei der neuen BSE-induzierten Variante vorkommt. An Position 129 im Prion-Gen war der Mann heterozygot für Methionin und Valin.

Tickt da eine Zeitbombe?

Erregerstamm sowie Genotyp sind eine Überraschung. Von den Symptomen und dem Verlauf her ähnelte die Erkrankung eher einer sporadisch auftretenden CJK-Form, schreiben die britischen Neurologen. Möglicherweise wurden also bereits in der Vergangenheit CJK-Patienten falsch klassifiziert. "Dieser Fall macht deutlich, wie wichtig eine Autopsie und eine Erregertypisierung bei Prion-Erkrankungen sind", heißt es in dem Beitrag.

Vielleicht ist also auch in Zukunft mit Überraschungen zu rechnen. Nach einer vor drei Jahren veröffentlichten Schätzung tragen etwa 30.000 Briten den vCJK-Erreger in sich. Darauf deutet die Analyse von tausenden Blinddarmproben. Schon damals war aufgefallen, dass auch viele Valin-Träger unter den Betroffenen sind. Bei den allermeisten werden die Prionen das Gehirn wohl nie erreichen. Sicher weiß man dies jedoch erst in einigen Jahrzehnten.

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