Ärzte Zeitung online, 18.03.2019

Unterschätzte Infektionsquellen

Fast alle Computertastaturen verkeimt

Die Tastaturen und Computermäuse in Kliniken und Arztpraxen sind meist stark mit Erregern belastet – und nicht wenige mit multiresistenten Keimen.

Von Thomas Müller

Fast alle Computertastaturen verkeimt

Computertastaturen und -mäuse in Kliniken und Arztpraxen sind nicht selten mit pathogenen Erregern kontaminiert. Im Schnitt kleben an jedem siebten Peripheriegerät resistente Keime.

© Kanea / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie stark sind Gerätetastaturen und Computermäuse in Kliniken und Praxen mit Keimen kontaminiert?

Antwort: Harmlose Keime lassen sich an fast allen Geräten nachweisen, Staphylokokken an jedem vierten und MRSA an jedem siebten.

Bedeutung: Peripheriegeräte sind mitunter eine unterschätzte Infektionsquelle.

Einschränkung: Bedeutung der Kontaminationen für nosokomiale Infekte bleibt unklar.

SEATTLE. Nosokomiale Infekte sind bekanntlich ein großes Problem in Kliniken und von vielen Personen genutzte Kontaktflächen wie Türgriffe die idealen Verbreitungswege.

Zu solchen Kontaktflächen zählen auch Tablets und Computerperipheriegeräte wie Tastaturen und Mäuse. Die einzelnen Geräte werden zwar nur von einem limitierten Personenkreis genutzt, dafür ist der Kontakt mit Fingern und Händen umso intensiver.

Kontamination von 2800 Geräten analysiert

Ärzte um Dr. Nicole Ide von der Universität in Seattle haben anhand einer Literaturrecherche geschaut, wie häufig über Kontaminationen solcher Geräte in Kliniken und Praxen berichtet wird.

Sie fanden insgesamt 75 Studien, von denen sich 50 auf eine Analyse der Keime beschränkten, in 25 Studien wurde auch der Nutzen von Desinfektionen geprüft. Insgesamt testeten Forscher in den Untersuchungen die Kontamination von 2800 Geräten – hauptsächlich waren dies Tastaturen. (BMJ Open 2019;9:e026437).

Irgendwelche Keime fanden sie in fast allen Studien an fast allen untersuchten Geräten, die Kontaminationsrate betrug im Schnitt 97 Prozent. In einer Studie auf Intensivstationen waren immerhin nur 24 Prozent der Geräte kontaminiert.

Zumeist handelte es sich bei den Keimen um wenig gefährliche Hautbewohner, doch wurden nicht selten auch potenzielle Pathogene gefunden, am häufigsten Staphylococcus aureus. Diesen Keim fanden die Forscher im Schnitt bei 28 Prozent aller Geräte; die Bandbreite variierte je nach Studie aber beträchtlich und lag zwischen 1 Prozent und 94 Prozent.

Methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA) wurden im Schnitt in 14 Prozent der Proben nachgewiesen, bei einer vergleichbaren Bandbreite: In einigen Kliniken und Praxen waren also fast alle untersuchten Tastaturen und Mäuse MRSA-kontaminiert, in vielen dagegen keine. Vancomycin-resistente Keime entdeckten die Forscher im Schnitt bei knapp 4 Prozent aller Geräte (0 bis 12 Prozent), Clostridium difficile bei 8 Prozent (0 bis 28 Prozent).

Weniger Infekte nach Desinfektion

Von den 25 experimentellen Studien zur Desinfektion berichten 14 über eine signifikante Reduktion der Keimzahl durch diverse Mittel wie Isopropanol, Chlorhexidin oder UV-Licht.

In den übrigen neun Studien gelang dies nicht oder die Forscher konnten die Resultate nicht klar interpretieren.

In fünf der Studien wurde geprüft, ob spezielle Desinfektionsprogramme die Kontamination und Infektion von Ärzten, Pflegekräften sowie Patienten reduzieren.

In drei der Studien gingen mit solchen Programmen Infektionsraten von MRSA und anderen pathogenen Keimen zurück, allerdings sei fraglich, ob es hier einen kausalen Zusammenhang gebe, schreiben Ide und Mitarbeiter.

Unterm Strich zeigten die Studien, dass fast alle Tastaturen und Mäuse in Kliniken und Praxen mit Keimen kontaminiert seien, nicht wenige auch mit Pathogenen. Wie relevant solche Kontaminationen für die Sicherheit von Patienten sind, sei jedoch unklar.

Auch welche Desinfektionsmethoden den größten Erfolg versprechen, lasse sich nicht sagen, dazu seien die Studien zu heterogen, geben die Forscher zu bedenken.

Letztlich könnten Tastaturen und Mäuse aber eine bedeutsame und unterschätzte Kontaminations- oder gar Infektionsquelle darstellen, heißt es in dem Beitrag.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Infektiöse Hardware

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[13.04.2019, 12:56:36]
Dr. Andreas Rahn 
Mikroben sind überall: es gibt aber "gute" und "böse"
Mikroben sind überall - das darf man nicht vergessen, wenn man sie im medizinischen Bereich dann auch überall findet.

Ist das Vorhandensein von Keimen mit einer Übertragung von Krankheiten gleichzusetzen? Natürlich nicht.

Eine gute Hygiene ist wichtig: man muss das praktizieren, was mit wissenschaftlicher Evidenz nachgewiesen ist. Nicht alle Analogschlüsse sind zulässig: man denke daran, dass man Herzrhythmusstörungen mit Medikamenten unterdrücken wollte, was gemeinhin plausibel klang - aber in der CAST-Studie sich nicht als zielführend darstellte...

Kommt vielleicht am Ende heraus, dass es viele "gute" Mikroben gibt, mit denen wir zusammenleben können und sollten (OHNE die wir gar nicht existieren können...), weil sie verhindern, dass für uns schädliche Mikroben (die "bösen") sich vermehren??? Es ergibt sich dann die Frage, ob man alle Mikroben vernichten sollte, oder ob man nicht vielmehr auch die Art der Besiedlung betrachten sollte.

Dies gilt dann besonders für Bereiche wie z.B. Tastaturen. Bei Einhaltung der gebotenen Händehygiene wird man nie direkt von der Tastatur in eine Wunde fassen... Welche Bedeutung hat dann die Besiedlung der Tastatur??? M.E. ist das derzeit noch als offen zu betrachten.

Also keine Panik in Bezug auf Stetoskope, Krawatten, Kittel, Tastaturen usw.!


 zum Beitrag »
[18.03.2019, 12:39:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kontaminationen "allüberall"!
Eine Studie unter dem Titel
"Contamination of Stethoscopes and Physicians' Hands After a Physical Examination" in den Mayo Clinic Proceedings (2014; 89(3):277-280) belegte, dass der Kontaminationsgrad des Stethoskops nach der klinischen Untersuchung eines Patienten substanziell vergleichbar ist mit der Kontamination von Teilen der führenden Hand beim Arzt. Es sind die Ärzte/-innen selbst, die ihr eigenes Stethoskop anfassen, und es manuell den Patientenkörpern nähern. In einem Editorial meldete sich umgehend Dennis G. Maki, MD, Infektiologe an der "University of Wisconsin in Madison"(WI/USA) mit dem Titel "Stethoscopes and Health Care-Associated Infection" dramatisierend zu Wort.

Aber würde ein professionell agierender Mediziner sein frisch gereinigtes Stethoskop in infizierte Wunden hineinhängen, um es danach bei weiteren Patienten über deren Körperöffnungen infektiös auspendeln zu lassen? Eine intakte Hautbarriere des Brustkorbs wäre doch stabil gegenüber aggressiven Keimattacken, die eher nur theoretisch von angreifenden, kontaminierten Stethoskopen ausgeführt werden könnten? Potenziell kontaminierte Stethoskope sollten nicht unnötig angefasst und nach Hautekzem- und Wundkontakt gereinigt bzw. mit alkoholfreiem Octenisept® desinfiziert werden. Keinen Alkohol nehmen! Der greift die Membranen und Kunststoff- bzw. Gummiringe an.

"Molecular analysis of bacterial contamination on stethoscopes in an intensive care unit" von Vincent R. Knecht et al. https://www.cambridge.org/core/journals/infection-control-and-hospital-epidemiology/article/molecular-analysis-of-bacterial-contamination-on untersucht systematisch vergleichend und gezielt Stethoskop-Kontaminationen speziell auf Intensivstationen.

Es gibt weitere Hygieneprobleme
Verschmutzte, selten gewechselte, ungewaschene oder nicht desinfizierbare Arztkittel bzw. die nicht abwaschbare Krawatte, könnten zu größten infektiologischen Bedenken Anlass geben:
www.sueddeutsche.de/leben/arztkittel-vor-dem-aus-dreckschleudern-in-weiss-1.890152
www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hygiene-gefaehrliche-schlipse-556433.html
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/krankenhaus-hygiene-schlips-am-aerztehals-kann-toedlich-sein-a-402255.html
Eine schottische Infektiologin hat sich wohl mehr aus optischen Gründen für das Krawatte-Tragen ausgesprochen: "Put your ties back on: scruffy doctors damage our reputation and indicate a decline in hygiene" BMJ 2013;346:f3211

Doch auch PC-Tastaturen, Tablets, Smartphones und Touchscreens sind für Praxis- und Klinik- Hygiene-Beauftragte bzw. Infektiologen ein "gefundenes Fressen": www.springermedizin.de/so-wird-die-tastatur-nicht-zur- keimschleuder/4938140.html - "Der Tod lauert nicht in der Tastatur, sagte eine Infektionsexpertin dazu, sondern direkt davor. Trotzdem sollte das PC-Zubehör im Hygieneplan von Klinik und Praxis seinen Platz haben. Denn Computer-Tastaturen hätten ständigen Kontakt mit Händen.

Da ist es nicht mehr weit zu obligatorischen täglichen Rachenabstrichen, Blutkulturen, Abklatschproben der Hände bzw. Fragebögen, um potenziell infektiöse Lebensgewohnheiten, moralisch-ethisch einwandfreien Lebenswandel und psychische Verhaltensauffälligkeiten beim gesamten medizinischen Personal zu detektieren? Verwaltungs- und Administrations-Bereiche selbstverständlich ausgenommen. Zugleich werden Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Arztpraxen und medizinische Versorgungszentren von Heerscharen keimtragender Besucherinnen und Besucher heimgesucht, die oft nicht mal elementare Hygiene-Regeln beherzigen ("nach dem Klo und vor dem Essen - Händewaschen nicht vergessen"). Ungeduscht und ungewaschen bzw. n i c h t auf gewaschene oder ungewaschene Kleidung, kurz geschnittene Finger- bzw. Fußnägel untersucht, bevölkern sie die Klinikflure, die Cafeteria, das "Büdchen" am Klinikeingang und die Anmeldetresen der Praxen, um dann in die Kernzonen nosokomialer Infektionsrisiken vorzudringen: In die Krankenzimmer zu ihren kranken Angehörigen, in die Räume der Stationsmitarbeiter, in die Funktionsbereiche und Nasszellen. Von den Patienten selbst ganz zu schweigen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vgl. dazu auch
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/11388-med-fundstueck-der-woche-wc-spuelknoepfe-vs-handytastatur zum Beitrag »

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