Ärzte Zeitung online, 09.10.2017
 

Kampf gegen resistente Bakterien

Phagentherapie – Startschuss für eine koordinierte Forschung in Deutschland

Bisher konzentrierte sich die Forschung zur Phagentherapie – und deren klinische Anwendung – vor allem auf osteuropäische Länder. Das erste Deutsche Bakteriophagen-Symposium soll den Weg zur Therapie mit den Viren auch in Deutschland ebnen.

Leitartikel von Peter Leiner

Phagentherapie: Startschuss für eine koordinierte Forschung in Deutschland

MRSA: Könnten Bakteriophagen eine Option gegen resistente Keime sein?

© Janice Haney Car / CDC

In der Diskussion über mögliche Alternativen zur Bekämpfung resistenter oder multiresistenter Bakterien, etwa EHEC, Salmonellen und Campylobacter als Auslöser von Enteritiden, taucht seit langem auch die Therapie mit Viren auf, die sich auf Bakterien spezialisiert haben. Es wird geschätzt, dass diese Viren, die sich unter anderem im Darm und auf der Haut tummeln, zehnmal häufiger sind als Bakterien und dass es weltweit mindestens 1031 dieser Winzlinge gibt, in einem Gramm Erde etwa 109.

Seit vielen Jahrzehnten gibt es bereits Institute, die zum Beispiel Phagenlösungen therapeutisch nutzen. Und so gelangen immer wieder Berichte vor allem aus osteuropäischen Ländern zu uns, die von beeindruckenden Erfolgen der Therapie mit Phagen künden. An solchen, vor 100 Jahren von Professor Felix d'Herelle vom Institute Pasteur in Paris entdeckten Bakteriophagen wird zwar auch in Deutschland intensiv geforscht, etwa am Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. Sie werden dort gesammelt und charakterisiert.

Inzwischen wird in Braunschweig darüber hinaus auch eine Phagenbank mit speziell solchen Viren aufgebaut, die sich therapeutisch nutzen lassen könnten. Bisher gibt es darin Phagen, die Yersinien, Pseudomonaden oder Enterococcus faecium attackieren. Allerdings weisen die DSMZ-Experten darauf hin, dass es in Deutschland derzeit noch keine Ärzte gibt, die eine Phagentherapie standardmäßig vornehmen. Stattdessen verweisen sie auf Ärzte in Polen und Georgien.

Mehr als 1500 Patienten mit Phagen behandelt

Das bekannteste Zentrum ist das vor knapp 100 Jahren von d'Herelle mitgegründete Eliava-Phagentherapie-Zentrum in Tiflis in Georgien mit den Chefärztinnen Dr. Dea Nizharadze und Dr. Naomi Hoyle. In Polen haben sich Ärzte um Professor Andrzej Gorski am Ludwig-Hirszfeld-Institut in Breslau auf die Phagentherapie spezialisiert und eigenen Angaben zufolge seit 1980 bereits mehr als 1500 Patienten, die mit antibiotikaresistenten Keimen infiziert waren, meist erfolgreich mit Bakteriophagen behandelt. Mehr als 80 Prozent der antibiotikaresistenten Staphylococcus-aureus- und Pseudomonas-aeruginosa-Keime seien für die Phagentherapie empfindlich gewesen, so das Institut.

Stark beeindruckt von Berichten über Therapieerfolge ist auch die Virologin und HIV-Forscherin Dr. Karin Mölling, inzwischen emeritierte Professorin der Universität Zürich. Kürzlich berichtete sie in einem Beitrag für die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft": "Zu meinen eindrucksvollsten Kongresserlebnissen zählt ein amerikanischer Vortrag über Phagenheilungen von Gangränen, also Nekrosen der Füße und Beine. (…) Mit Sondererlaubnissen wurden in den USA Betroffene im Rahmen einer systematischen Studie namens "PhagoPied" mit Phagencocktails gegen Staphylococcus aureus behandelt. Bei dem Vortrag sahen wir gruselige Bilder der brandigen Zehen von einem Dutzend Patienten – und dann Fotos derselben Zehen zwei Monate später: Bei allen waren die Wunden zugeheilt. Amputationen erübrigten sich."

Für eine Phagentherapie in Deutschland gibt es Möllings Angaben zufolge jedoch noch immer "nicht leicht überbrückbare Hindernisse". Sie erinnert daran, dass die Vorschriften für Medikamentenprüfungen in der EU und in USA genau definiertes, identisches Ausgangsmaterial forderten, was im Zusammenhang mit der Phagentherapie nicht möglich sei, weil man die Phagen spezifisch auf die Keime eines einzelnen Patienten abstimmen müsse.

Forschung im Verborgenen

In den vergangenen Jahrzehnten verlief die Phagenforschung in Deutschland eher im Verborgenen und wenig koordiniert, zumal sich das Interesse pharmazeutischer Unternehmen an der Unterstützung klinischer Studien in Grenzen hielt. Studien zur Phagentherapie blieben meist in den Anfängen stecken. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass dies sich alles gerade dramatisch verändert, ist das erste Deutsche Bakteriophagensymposium, das ab dem 9. Oktober für drei Tage an der Universität Hohenheim abgehalten wird. Die Teilnehmer kommen unter anderem aus Belgien, den Niederlanden, Irland und der Schweiz – und natürlich aus Georgien und Polen. Organisiert wird es durch das Forschungszentrum für Gesundheitswissenschaften (FZG) der Universität Hohenheim. Ein Schwerpunkt dieses Symposiums wird die klinische Anwendung von Bakteriophagen sein.

Dass das Interesse an der Phagentherapie in Deutschland deutlich gewachsen ist, bezeugt auch die Teilnahme mehrerer Unternehmensvertreter, von Wissenschaftlern des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen und vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin sowie von einer Vertreterin des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bleibt zu hoffen, dass bisherige Hindernisse für den Beginn deutscher beziehungsweise europäischer klinischer Studien mit Phagenprodukten, die nach Kriterien im Sinne der "guten Herstellungspraxis" (GMP, Good Manufacturing Practice) hergestellt werden, schon bald überwunden sein werden. Die geplanten Netzwerke werden die Phagenforschung beschleunigen und damit die Phagentherapie auch in Deutschland in greifbare Nähe rücken.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »

Vorsorge für den Brexit – Ansturm auf das Aufenthalts-Zertifikat

Viele Gesundheitsfachkräfte aus EU-Ländern haben Großbritannien schon verlassen. Diejenigen, die bleiben wollen, versuchen nun, das "Settled-Status"-Zertifikat zu erlangen. mehr »