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Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigung

Inklusiver Arbeitsplatz? Warum Praxen von Vielfalt im Team besonders profitieren

Viele Praxen leiden unter dem Fachkräftemangel bei MFA, auch die von Allgemeinärztin Eva Henneken. Bis sie einen Weg, um ihr Team zu entlasten: Sie hat einen inklusiven Arbeitsplatz geschaffen – eine Bereicherung für Team und Patienten.

Rebekka HöhlVon Rebekka Höhl Veröffentlicht:
Eine Reihe von Holzfiguren steht nebeneinander.

Praxisteams, die selbst mehr Inklusion leben möchten, können sich Unterstützung holen. Betriebsintegrierte Arbeitsplätze sind dabei nur eine Möglichkeit.

© MidJen / stock.adobe.com / Generiert mit KI

Das Wichtigste in Kürze

  • Für einen inklusiven Arbeitsplatz müssen Praxen nicht immer groß umbauen. Viel wichtiger ist die Definition der Tätigkeiten.
  • Unterstützung können sich Ärztinnen und Ärzte bei karitativen Einrichtungen und deren Werkstätten holen.
  • Diese vermitteln dann auch potenzielle neue Teammitglieder.
  • Über die Möglichkeit des Betriebsintegrierten Arbeitsplatzes können Praxen eine Beschäftigung eingehen, ohne selbst zum sozialversicherungspflichtigen Arbeitgeber zu werden.

Ein inklusiver Arbeitsplatz? Das muss in einer Arztpraxis doch möglich sein. Die Bonner Allgemeinärztin Dr. Eva Henneken grübelte lange über ihre Vision, eine Mitarbeiterin mit einer Beeinträchtigung einzustellen.

Schlüsselerlebnis war ein Restaurantbesuch im Bretagne-Urlaub. Dort bediente sie und ihre Familie ein junger Mann mit schweren Sprachproblemen. „Ich war beeindruckt, wie gut er das gemacht hat und wie empathisch er war“, erinnert sie sich. Der Gedanke, der folgte: „Dieser junge Mann ist doch eine Bereicherung fürs ganze Team.“

Kliniken locken mit höheren Gehältern

Dennoch habe sie lange mit sich „gezaudert“. „Ich leide sehr unter dem Fachkräftemangel bei den MFA. Meine personelle Besetzung war lange eine große Herausforderung.“ Dass die Praxis mitten in der Stadt liegt, macht es ihrer Erfahrung nach eher schwerer als leichter, weil Praxen nebenan oder Kliniken schnell Angestellte mit höheren Gehältern locken.

Henneken war viele Jahre als Kassenärztin tätig und führt seit rund 2,5 Jahren eine Privatpraxis für ganzheitliche Medizin. Zwar hat sie in ihrer Praxis nicht mehr die hohe Patientenzahl wie in einer Vertragsarztpraxis, aber die intensive Betreuung und Versorgung sorgen dennoch für eine stellenweise hohe Arbeitsbelastung auch bei den MFA. Durchaus eine dreiviertel Stunde kann ein Termin dauern, dabei durchliefen die Patienten je nach Behandlung schon einmal drei, vier Räume.

Davon, dass die Ärztin ihre Vision nicht aufgegeben und es dann „doch einfach probiert hat“, wie sie sagt, profitiert tatsächlich nun das gesamte Team. Seit Ende letzten Jahres arbeitet Frau Gessner, eine Mitarbeiterin mit Beeinträchtigung, in der Bonner Praxis. Vermittelt wurde sie über die Bonner Werkstätten Lebenshilfe Bonn gGmbH, an die sich die Allgemeinärztin nach einiger Suche gewandt hatte.

Eine Assistenz für die MFA

Frau Gessner übernimmt organisatorische Tätigkeiten in der Praxis, wie das Auffüllen von Materialien in den einzelnen Behandlungsräumen, das Frankieren von Briefen, den Briefkasten im Blick behalten, das Belabeln von Atemröhrchen etc. „Sie hält die Praxis mit in Schuss und ist sozusagen die Assistenz der MFA. Dabei ist sie sehr engagiert, sie gibt 150 Prozent“, so Henneken.

Frau Gessner zusammen mit Dr. Eva Henneken

„Sie gibt 150 Prozent“ , Allgemeinärztin Eva Henneken freut sich sehr darüber, dass Frau Gessner (links) seit Ende letzten Jahres zum Praxisteam gehört.

© Dr. Eva Henneken

Der Ärztin ist es wichtig, dass die Tätigkeiten nie degradierend sind. „Also nur Putzen wäre nicht in Ordnung“, stellt sie klar. Aber – ebenso wie die MFA – übernimmt auch Frau Gessner durchaus einmal das Reinigen von Flächen. Sie unterstützte zudem bei der Patientenbetreuung, indem sie etwa Patienten in einen Behandlungsraum begleite oder Decke oder Wärmflasche reiche.

„Und wir hatten es auch schon, dass ein junges Mädchen Angst vor der Blutabnahme hatte. Dann hat sich Frau Gessner neben sie gesetzt und ihre Hand gehalten. Sie ist eine ausgesprochen feinfühlige junge Frau“, sagt die Allgemeinärztin. „Seit sie in der Praxis ist, ist die Atmosphäre insgesamt viel besser. Meine Patienten und das Team schätzen sie sehr. Sie ist voll integriert ins Team und trägt natürlich auch ein MFA-Outfit“, freut sich die Ärztin.

Außer Frau Gessner und Eva Henneken arbeiten in der Praxis noch eine Ärztin und acht weitere Teammitglieder.

Die MFA gewinnen bis zu zwei Stunden täglich

Für Henneken war die Entscheidung, Frau Gessner zu beschäftigen, zwar primär eine ethisch-moralische. Bereits nach den ersten Monaten sagt sie aber, dass es sich tatsächlich auch wirtschaftlich für die Praxis lohne. „Eine zusätzliche MFA-Stelle hätte ich nicht finanzieren können.“

Durch die Kooperation mit der Bonner Werkstatt, die dazu noch gefördert wird, funktioniere es aber sehr gut. Geschätzt bringe die Unterstützung durch Frau Gessner den MFA täglich eine Zeitersparnis von ein bis zwei Stunden, die die MFA wiederum für ihre Versorgungstätigkeiten nutzen können.

Henneken zahlt für die Stelle von Frau Gessner monatlich einen individuell vereinbarten Betrag an die Bonner Werkstätten. Frau Gessner ist nämlich gar nicht direkt in der Praxis angestellt, sondern weiterhin Mitarbeiterin der Bonner Werkstätten.

„Die Praxis ist der Beschäftigungsgeber auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber nicht der Arbeitgeber“, erklärt Julia Schell, Inklusionsmanagerin und Teamleitung Überleitung beim JOBSTER.team, einer Personalvermittlung und Tochter der Bonner Werkstätten.

Das Gehalt läuft über die Werkstatt und nicht über die Praxis

Es handelt sich bei diesem Modell um einen Betriebsintegrierten Arbeitsplatz (BiAp). Die Werkstatt schließt mit dem Beschäftigungsgeber, in diesem Fall der Praxis von Eva Henneken, eine Vereinbarung über Arbeitsumfang und das Entgelt für die Arbeitsleistung.

Der Betrieb habe dabei die Möglichkeit, den Betrag, den er zahlen wolle bzw. könne, individuell im Gespräch mit dem JOBSTER.team festzulegen. Im konkreten Fall sind dies bei Eva Henneken 500 Euro pro Monat. Die Ärztin weiß, dass das nicht viel ist – es ist aber aktuell der Betrag, den sie finanzieren kann.

Die Beträge würden jährlich festgelegt, erklärt Schell, und das JOBSTER.team würde hier auch nachverhandeln, um die Weiterentwicklung der Beschäftigten entsprechend zu honorieren. Das Gehalt aber wird immer von der Werkstatt ausgezahlt. Frau Gessner arbeitet in der Praxis nämlich 30 Stunden pro Woche.

Individuelle Stundensätze und Teilzeitmodelle möglich

Dabei liegt der wöchentliche Stundenhöchstsatz für die Werkstattmitarbeiter bei 38 Stunden. Je nach Beschäftigtem gebe es hier aber ganz individuelle Stundensätze und Teilzeitmodelle. „Es ist auch möglich, dass Beschäftigte etwa nur zwei Tage in der Woche in einen Betrieb gehen und den Rest der Arbeitstage in der Werkstatt tätig sind.“

Wichtig ist Schell, dass die Betriebe verstehen, dass die Pausenzeiten zur Arbeitszeit gehören. Die Arbeit im Rahmen einer Werkstatt für Behinderte Menschen sei wie eine berufliche Rehabilitation.

Und dass die Beschäftigten im Betrieb einen festen Ansprechpartner haben, also eine Bezugsperson, die bei Fragen unterstützt. Hier ist Kontinuität wichtig, aber in der Arztpraxis könnten das durchaus auch zwei MFA sein, die sich das aufteilen. Um auch hier Teilzeitmodellen und Urlauben gerecht zu werden.

Zwar ist es das übergeordnete Ziel, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Werkstätten in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit und damit den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung ist das aber um ein Vielfaches schwieriger zu erreichen.

Zumal die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Bonner Werkstatt keine reguläre Ausbildung haben, aber zumindest eine Berufliche Bildung absolvieren, die sie auf das Arbeitsleben vorbereitet. In der Werkstatt selbst würden Auftragsarbeiten von Betrieben erfüllt, berichtet Schell. Das seien etwa Arbeiten in der Verpackung, Elektronik, im Gartenbau oder auch Büroarbeiten.

In der Regel werden Hilfstätigkeiten vermittelt

„Wir haben einige Beschäftigte, die sagen, sie möchten gerne raus aus der Werkstatt und mehr machen, dann kommen wir vom JOBSTER.team ins Spiel. Wir kümmern uns um die Überleitung auf den ersten Arbeitsmarkt.“

Julia Schell und ihre Kollegen schauen dann zunächst, welche Interessen der Mensch hat, dann gehe es an die Akquise eines geeigneten Betriebes. „Dabei suchen wir nach Hilfstätigkeiten. Da es ja Menschen ohne Ausbildung sind, können sie keine Planstelle übernehmen.“

Für Allgemeinärztin Henneken war der Kontakt zu Julia Schell ein Glücksgriff. Bevor Frau Gessner vermittelt wurde, haben sich die Kollegen vom JOBSTER.team die Praxis genau angeschaut. Dann folgten zunächst ein Probe-Arbeitstag und ein Praktikum.

„Das Praktikum im Betrieb kann sechs bis acht Wochen dauern, mit individueller Option auf Verlängerung.“, sagt Schell. Hier gehe es darum, festzustellen, ob die Tätigkeiten und Arbeitswege passen, aber auch darum, ob es wirklich das richtige Team für die Werkstattmitarbeiterin oder den Werkstattmitarbeiter sei.

„Im Praktikum begleite ich unsere Mitarbeiter und bin regelmäßig vor Ort“, so Schell weiter.

Jobcoaches begleiten die Werkstatt-Mitarbeiter

Für Henneken und ihr Praxisteam war das sehr hilfreich. „Wenn ich Frau Gessner eine neue Tätigkeit geben will, dann übt das JOBSTER.team diese mit ihr. Das Wiegen und Bekleben der Briefe haben sie etwa mit ihr trainiert.

Und man erkennt so schneller, welche Tätigkeiten sich nicht eignen und überfordern. Wir haben etwa noch eine Barkasse, das war zu anstrengend für Frau Gessner.“

Und das JOBSTER.team berät auch in Fragen zur Beeinträchtigung. „Manchmal ist es eben doch stressig, dann sind wir alle etwas angespannt und Frau Gessner dachte anfangs, sie sei schuld. Man muss lernen, dann anders zu kommunizieren und man muss sich kümmern.“

Lernen musste das Praxisteam auch, dass Frau Gessner zwischendurch Pausen braucht. „Dann zieht sie sich zurück und wir wissen Bescheid“, so Henneken.

Neben dem Trainieren von Tätigkeiten und dem Vermitteln geht es laut Schell außerdem darum, zu schauen, ob zusätzliche Hilfsmittel benötigt werden. „Wir haben eine blinde Mitarbeiterin, die in der Stadtverwaltung Meckenheim arbeitet und dort die Personalakten digitalisiert. Dafür benötigt sie ein spezielles Scan-Programm. Wir unterstützen auch dabei, solche Hilfsmittel zu organisieren.“

Aber auch in der BiAp-Beschäftigung, also nach dem Praktikum, werden die Werkstattmitarbeiter weiter im Betrieb zusätzlich durch Jobcoaches des JOBSTER.teams betreut. „Mindestens einmal im Monat gibt es eine Begleitung im Betrieb und zusätzlich bei Bedarf“, so Schell.

Allgemeinärztin Henneken: Es war die beste Entscheidung!

Eva Henneken kann jeder Praxis nur empfehlen, es auszuprobieren. „Für mich und mein Team war es die beste Entscheidung, wir sind alle viel entspannter, seit Frau Gessner da ist.“

Tatsächlich ist es das erste Mal, dass eine Arztpraxis mit den Bonner Werkstätten zusammenarbeitet. Auch Julia Schell würde sich daher freuen, wenn mehr Praxen dem Beispiel von Eva Henneken folgen.

Denn die Inklusionsmanagerin ist eigentlich ständig auf der Suche nach Betrieben, die Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance geben wollen. „Ich kontaktiere auch Handwerksbetriebe, deren Fahrzeuge mir auf der Straße auffallen. Viele wissen nämlich nicht, dass es die Möglichkeit des BiAp gibt.“

Betriebsintegrierter Arbeitsplatz

  • Über Betriebsintegrierte Arbeitsplätze – kurz BiAp – können Menschen mit Beeinträchtigung und ohne Ausbildung dennoch im allgemeinen Arbeitsmarkt beruflich tätig sein.
  • Organisation, Betreuung, Entlohnung und Versicherung der Mitarbeiter mit Beeinträchtigung übernimmt weiterhin der Träger der Einrichtung, bei dem sie eigentlich beschäftigt sind. In unserem Beispiel die Bonner Werkstätten Lebenshilfe Bonn gGmbH.
  • Es wird also lediglich der Arbeitsplatz von einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung in einen öffentlichen Betrieb verlagert.
  • Praxen und andere Betriebe zahlen dem Träger für die erbrachten Arbeitsleistungen der Mitarbeiter ein fest vereinbartes Entgelt.
  • Praxen in der Bonner Region, die sich für eine Anstellung auf Basis des BiApP interessieren, können sich direkt an das JOBSTER-Team wenden: info@jobster.team oder https://www.jobster.team/
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