Kongress, 23.02.2012

Psychoonkologie setzt auf klinische Studien

Viele Krebspatienten benötigen neben ihrer Krebs- therapie auch eine psychologische Betreuung. Doch welche Methodiken sind für wen ideal? Mehrere Studien versuchen, Antworten zu finden.

Psychoonkologie setzt auf klinische Studien

Eine Krebserkrankung wirkt sich teilweise unmittelbar auf die Paarbeziehung aus.

© Monkey Business Images /shutterstock.com

Ein wichtiges psychologisches Begleitphänomen bei vielen Krebspatienten ist die Depression.

Rüdiger Zwerenz vom Universitätsklinikum Mainz gab beim DKK 2012 einen ersten Zwischenbericht über eine noch laufende Studie bei Brustkrebspatientinnen mit manifester Depression.

In der Studie werden eine psychodynamisch orientierte Kurzzeittherapie mit einer "konventionellen" Betreuung verglichen, bei der sich Patientinnen an den psychosozialen Dienst des jeweiligen Tumorzentrums wenden.

Wohl weit verbreitet: Angst vor Stigmatisierung

"Das Screening für unsere Studie zeigte, dass etwa jede vierte Brustkrebspatientin an einer behandlungsbedürftigen Depression leidet", so Zwerenz. Bei der Mehrheit war die depressive Symptomatik auf einer Standardskala (HADS-D) mittelgradig bis stark ausgeprägt.

Eher unerwartet: Angst vor einer Stigmatisierung durch die zusätzliche psychische Problematik ist offenbar weit verbreitet: Immerhin jede dritte in Frage kommende Patientin verweigerte die Studienteilnahme aus diesem Grund.

Im Interventionsarm der von den Mainzern in Kooperation mit der Universitätsklinik Leipzig organisierten Studie erhalten die depressiven Brustkrebspatientinnen eine relativ intensive, supportiv-expressive Therapie.

Beziehungskonflikte nehmen dabei einen wesentlichen Stellenwert ein. Die Endergebnisse werden in etwa zwei Jahren erwartet.

Schon Daten vorlegen konnte Tanja Zimmermann von der TU Braunschweig, die sich mit der Situation von Paaren beschäftigt, bei denen die Frau an Brustkrebs erkrankt ist: "Hier leidet der Partner einerseits mit, kann andererseits seine Sorgen und Bedürfnisse aber kaum unterbringen, weil von ihm primär Unterstützung erwartet wird."

Das wirke sich teilweise unmittelbar auf die Paarbeziehung aus. So berichte etwa ein Viertel bis ein Drittel aller betroffenen Paare, dass nach der Brustkrebsdiagnose sexuelle Probleme aufgetreten seien.

Zimmermann hat deswegen eine "Seite-an-Seite" genannte Intervention konzipiert, die in zwei randomisierten Studien evaluiert wird, deren erste bereit abgeschlossen ist.

Mit vier Sitzungen ist die auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie basierende Intervention relativ knapp gehalten. Es geht unter anderem um Kommunikation, gemeinsames Coping, Sexualität und Stressmanagement.

"In der ersten Studie konnten wir durch die Intervention zumindest kurzzeitige Effekte im Hinblick auf Angst, Kommunikation und sexuelle Zufriedenheit nachweisen", so Zimmermann.

Angst vor Progredienz kann Lebensqualität schmälern

Nach einem Jahr war dieser Effekt allerdings verflogen und die Gruppen glichen sich an. In der derzeit laufenden Nachfolgestudie werden deswegen nur solche Paare behandelt, bei denen sich in einem Screening ausgeprägte partnerschaftliche Probleme gezeigt haben.

Außerdem setzt die Studie später an, erst nach Abschluss der Tumorbehandlung. Entsprechend unterscheidet sich die Vergleichsgruppe: "Wir haben uns für eine progressive Muskelrelaxation entschieden, weil das vom Umfang her ähnlich ist wie die Paartherapie."

Für die zweite Studie wurden bisher 18 Paare rekrutiert. Erste Zwischenergebnisse deuten darauf hin, dass sich die gezielte Intervention vor allem bei den Frauen sehr positiv auf die partnerschaftliche Zufriedenheit auswirkt.

Bei den Männern gibt es bisher dagegen kaum Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe. "Warum das so ist, wissen wir nicht", so Zimmermann.

Einem anderen speziellen psycho onkologischen Problem hat sich Peter Herschbach vom Roman-Herzog-Krebszentrum in München gewidmet, nämlich der Angst vor einer Progredienz.

"Weil es sich dabei um eine im Prinzip berechtigte Angst handelt, sprechen wir nicht von einer Angststörung", so Herschbach. Trotzdem seien Patienten mit diesen Ängsten dann behandlungsbedürftig, wenn die Lebensqualität darunter deutlich leide.

In einer Studie haben Herschbach und Kollegen eine nondirektive Gesprächstherapie und eine gezielte konfrontative Angsttherapie verglichen. Beide Ansätze funktionierten.

"Die klinische Konsequenz ist, dass wir Patienten aktiv nach diesen Ängsten befragen sollten. Sie sind mit relativ kurzen Therapien gut behandelbar." (gvg)

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