Ärzte Zeitung online, 10.02.2017
 

Dermatologie

Viele Melanome sind auch von Experten nicht zu erkennen

Selbst geübte Dermatologen haben Probleme, Melanome von melanozytären Nävi sicher zu unterscheiden. Das geht aus einer Studie hervor. Daher sollten auch Male mit weniger atypischem Aussehen konsequent überwacht werden.

Von Robert Bublak

WIEN. Das Konzept des dysplastischen Nävus impliziert, dass atypische Hautmale ein höheres Risiko aufweisen, sich schließlich zum Melanom zu entwickeln. Für Patienten mit multiplen Nävi würde das bedeuten, dass Läsionen, die sich im Lauf des dermatologischen Follow-up zu Melanomen entwickeln, schon bei der Eingangsuntersuchung verdächtiger aussehen als benigne Nävi. Eine Studie, an der österreichische und deutsche Dermatologen beteiligt waren, stellt dieses Konzept infrage.

Die Forschergruppe um Philipp Tschandl von der Medizinischen Universität Wien hat 26 Dermatologen digitale dermatoskopische Aufnahmen von 59 Patienten mit hohem Risiko für ein Melanom vorgelegt (J Eur Acad Dermatol Venereol 2017; online 10. Januar). Je Patient waren vier Fotos der Erstuntersuchung zu beurteilen, drei davon zeigten benigne melanozytäre Nävi, eines ein (späteres) Melanom – ein Umstand, um den die beteiligten Dermatologen wussten.

Die benignen Male hatten sich in der Beobachtungszeit von median 15,4 Monaten nicht verändert, die Melanome waren entfernt und die Diagnose dermatopathologisch gesichert worden. Die Invasionstiefe hatte im Median 0,4 mm betragen (Spanne: 0,2–1,3 mm).

Im Durchschnitt erkannten die Dermatologen 24 der 59 Melanome. In der Dermatoskopie mäßig oder sehr erfahrene Hautärzte (1–5 Jahre beziehungsweise > 5 Jahre Erfahrung) diagnostizierten 28, weniger erfahrene Dermatologen (< 1 Jahr dermatoskopische Erfahrung) 17 Melanome korrekt. Es gab kein Bilderquartett, das von allen Dermatologen korrekt beurteilt worden wäre. Und drei Sätze von Bildern wurden von niemandem richtig bewertet.

Der Atypiegrad auf einer Skala von 0 (keine Atypie) bis 5 (schwere Atypie) erreichte bei den Melanomen einen Wert von 3,0 und bei den benignen Nävi von 2,5 (p < 0,001).

Insgesamt wurden 31 Prozent der Melanome als leicht zu diagnostizieren eingestuft, was bedeutete, dass sie im Mittel von 72 Prozent der Dermatologen aller Erfahrungsgrade richtig erkannt wurden. Bei weiteren 34 Prozent lagen nur die erfahreneren Ärzte besser als das Zufallsergebnis. Bei den übrigen Melanomen hatten auch die Experten nicht mehr richtige Diagnosen als ein Zufallstipper. Ein gutes Drittel der Melanome war also selbst für erfahrene Hautärzte nicht von benignen Nävi zu unterscheiden.

"Schon bei der Eingangsuntersuchung handelt es sich bei einem bestimmten Prozentsatz der atypischen Hautmale um Melanome, ohne dass diese klare dermatoskopische Kriterien dafür aufweisen", so Tschandl und Mitarbeiter. Sie empfehlen, bei solchen verdächtigen Läsionen ein kurzes Nachbeobachtungsintervall von drei Monaten einzuhalten.

Veränderten sie sich während dieser Zeit, sollten sie sofort exzidiert werden. Das gelte für flache Male; erhabene oder knotige Läsionen seien gar nicht erst nachzubeobachten, sondern bei Zeichen dermatoskopischer Atypie umgehend zu entfernen.

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