Ärzte Zeitung, 29.02.2008
 

HINTERGRUND

Wenn Äpfel Schmerzen verursachen, dann liegt das oft an einer Fruktosemalabsorption

Von Simone Reisdorf

Obst gilt als Inbegriff gesunder Ernährung. Kampagnen wie "Five a day" fordern zu Recht, Obst in "ausreichender" Menge zu genießen. Manchem sind jedoch beim Obstgenuss enge Grenzen gesetzt: Nicht für jeden sind etwa Äpfel eine bekömmliche Mahlzeit. Wer nämlich nach dem Genuss von Äpfeln Beschwerden hat, die denen eines Reizdarmsyndroms ähneln, Bananen jedoch gut verträgt, der kann vielleicht den in Äpfeln reichlich enthaltene Fruchtzucker, die Fruktose, nicht richtig aufnehmen. Dann liegt eine Fruktosemalabsorption vor.

 Wenn Äpfel Schmerzen verursachen, dann liegt das oft an einer Fruktosemalabsorption

Foto: Photodisc

Mehr als zwei Äpfel pro Tag können viele nicht vertragen

Die Dunkelziffer ist hoch: Die Prävalenz der Fruktosemalabsorption wird in Europa auf 35 bis 60 Prozent geschätzt, allerdings entwickelt nur jeder zweite Betroffene klinische Symptome. In einem Beitrag in "Aktuelle Dermatologie" (Akt Dermatol 33, 2007, 373) heißt es: "Etwa die Hälfte aller Erwachsenen kann täglich nicht mehr als 25 g Fruktose absorbieren. Schon ein Apfel mit einem Gewicht von 200 g enthält aber bereits 11,5 g Fruktose. "

Eine kürzlich im Allergo Journal (16, 2007, 350) veröffentlichte Studie bestätigt die offenbar hohe Dunkelziffer einer Fruktosemalabsorption: Von 20 Patienten mit Reizdarmsyndrom und dem Verdacht einer Nahrungsmittelunverträglichkeit hatten 11, also mehr als die Hälfte, eine Fruktosemalabsorption. Nur drei dieser Patienten hatten zusätzlich eine Laktoseintoleranz; eine reine Laktoseintoleranz lag bei vier Patienten vor.

Das Problem der Fruktosemalabsorption beruht nicht auf einem Enzymmangel, wie es bei der Laktoseintoleranz der Fall ist. Vielmehr liegt ein angeborener oder erworbener Mangel des Transportproteins GLUT-5 vor, das spezifisch Fruktose aus dem Darmlumen in die Enterozyten schleust. So bleibt vermehrt Fruktose im Darmlumen und gelangt schließlich ins Kolon. Dort wird sie von der Bakterienflora zu Wasserstoff, Kohlendioxid, Methan und kurzkettigen Fettsäuren verstoffwechselt.

Die Folge sind Schmerzen im Unterbauch, Flatulenz und osmotische Diarrhoen. Auch Schwindel, Übelkeit, Hitzewallungen, Schwitzen, Benommenheit und Kopfschmerzen können zum Krankheitsbild gehören, ebenso eine depressive Verstimmung und ein Heißhunger auf Süßes. Die beiden letzten Symptome werden einer begleitenden Störung der Resorption von Tryptophan, eines Ausgangsstoffs für Serotonin, zugeschrieben. Außerdem wurde eine verminderte Resorption von Zink und Folsäure aus dem Darm beobachtet.

Der im Kolon produzierte Wasserstoff gelangt auch ins Blut und schließlich in die Ausatemluft. Dies macht sich die Diagnostik zunutze: Vor und nach Provokation mit Fruktose wird der Wasserstoffgehalt der Atemluft gemessen. Übersteigt die Differenz einen bestimmten Wert, so gilt dies - zusammen mit einer einschlägigen Anamnese - als Nachweis einer Fruktosemalabsorption. Das funktioniert analog auch mit Laktose. Durch gezielte Provokation lassen sich die beiden Unverträglichkeiten also nachweisen und voneinander abgrenzen.

Fruktose- und Glukosegehalt von Obst
Obstsorte
Fruktose g pro 100g
Glukose
g pro 100g
Verhältnis Fruktose zu Glukose
Birnen
6,7
1,7
4:1
Mango
2,6
0,9
3:1
Äpfel
5,7
2
2,8:1
Wassermelonen
3,9
2
1,9:1
Orangen
2,6
2,3
1,1:1
Bananen
3,7
3,9
1:0,9
Pflaumen
2
3,4
1:1,2
Aprikosen
0,9
1,7
1:2
Papaya
0,3
1
1:3
Kaktusfeigen
0,60
6,50
1:11
Quelle:www.nahrungsmittel-intoleranz.com, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG

Wichtig ist auch die Abgrenzung zu echten, meist IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien, zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und zu systemischen oder intestinalen Mastozytosen. Außerdem ist differenzialdiagnostisch die seltene hereditäre Fruktosemalabsorption auszuschließen, die durch einen Mangel des Enzyms Aldolase B entsteht und bereits bei Kleinkindern zu Gedeihstörungen und zu schweren, lebensbedrohlichen Leber- und Nierenschäden führen kann. Kinder mit hereditärer Fruktosemalabsorption fallen oft dadurch auf, dass sie schon im zweiten Lebensjahr eine Abneigung gegen Süßigkeiten entwickeln.

Ist der Verdacht einer Fruktosemalabsorption erhärtet, sollten Betroffene zunächst alle fruktosehaltigen Lebensmittel aus ihrem Speiseplan streichen. Die Gesamtsumme des aufgenommenen Fruchtzuckers aus Frisch- und Trockenobst, Säften, Rohkost, Honig, Haselnüssen, Zwiebeln, Möhren, roter Beete und Kohl sollte 10 g pro Tag nicht übersteigen.

Problematisch ist, dass Fruktose auch in vielen Fertig- und Diätprodukten, Limonaden und Süßstoffen als Alternative zur Glukose verwendet wird. Auch auf sorbithaltige Süßstoffe und Kaugummis sollte verzichtet werden, denn Sorbit hemmt zusätzlich GLUT-5. Nach diesen Auslassversuchen sollte unter Anleitung eines erfahrenen Ökotrophologen schrittweise ein Katalog verträglicher Nahrungsmittel erarbeitet werden. Das Ergebnis kann interindividuell sehr unterschiedlich sein.

Obst nach einer Mahlzeit ist meist besser bekömmlich

Patienten mit Fruktosemalabsorption müssen aber auf Obst nicht ganz verzichten. Hier helfen ein paar Tricks. So werden fruktosereiche Früchte meist nach einer reichhaltigen Mahlzeit besser vertragen. Auch der gleichzeitige Verzehr von Glukose macht die Fruktose bekömmlicher. Das ist auch der Grund dafür, dass Bananen den Patienten mit Fruktosemalabsorption kaum Probleme bereiten: Das Verhältnis Fruktose zu Glukose in Äpfeln liegt bei etwa 3 : 1, bei Bananen ist es fast ausgeglichen. Die unterschiedliche Verträglichkeit von Äpfeln und Bananen kann damit ein erster Hinweis auf eine Laktosemalabsorption sein.

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