Ärzte Zeitung online, 28.04.2017
 

Centrum für Reisemedizin

Impfung gegen Reisediarrhö – Pro und Contra

Wie lässt sich Reisedurchfall vermeiden? Eine Option ist die Cholera-Impfung. Über den Nutzen sind sich Experten allerdings uneins.

Von Anne Bäurle

BERLIN. Hochrisikogebiete für Reisedurchfall sind nach Angaben des Centrums für Reisemedizin CRM Nordafrika – hier leiden 24 bis 64 Prozent der Reisenden an Diarrhoe –, der indische Subkontinent (21 bis 43 Prozent) sowie Süd- und Ostasien (20 bis 57 Prozent). Dass dabei mittlerweile immer weniger enterotoxinproduzierende E.coli (EHEC) ursächlich sind, bemerkte Robert Steffen, Professor emeritus der Uni Zürich, beim 18. Forum für Reisen und Gesundheit in Berlin. "Wir müssen nach den Erkenntnissen einer aktuellen Studie eher davon ausgehen, dass mehr und mehr Viren Auslöser von Reisedurchfall sind."

Ob sich die Regel "Peel it, cook it, boil it or forget it" tatsächlich für die Vermeidung von Infektionen mit enterotoxinproduzierenden E.coli (EHEC) eignet, bezweifelte Steffen. "Mehrere Studien haben ergeben, dass die Inzidenz der Reisediarrhö ansteigt, je mehr man versucht, sie zu vermeiden." Daher setze sich die Erkenntnis durch, dass diese Form der Vorsorge zum einen nur schwer konsequent durchführbar und zum anderen nicht evidenzbasiert ist. "Es ist sicherlich ratsam, sich in Goa beim Straßenverkäufer nicht mit Austern einzudecken, aber ansonsten habe ich es aufgegeben, Reisenden Ratschläge bezüglich einer Expositionsprophylaxe zu geben." Patienten, die Protonenpumpen-Hemmer einnähmen, rate er freilich zu besonderer Vorsicht bei der Nahrungswahl. Professor Tomas Jelinek vom CRM fügte zustimmend hinzu: "Eine Studie hat gezeigt, dass bei Pauschaltouristen weder das Verhalten, noch Hotelstandard oder Geschlecht eine Rolle spielen."

Als Impfstoff gegen ETEC, den Haupterreger der Diarrhoe, steht die Schluckimpfstoff Dukoral® zur Verfügung. "Es ist unbestritten, dass der Impfstoff eine gewisse Wirksamkeit gegen die hitzelabilen ETEC-Toxine (LT-ETEC) hat, aber diese ist wahrscheinlich beschränkt auf zwei Drittel. Zudem machen die LT-ETEC nur 20 Prozent aller Fälle aus," , so Steffen. Insgesamt liege die Wirkung damit bei geschätzt 20 Prozent.

Für Jelinek ist die Impfung dennoch das effektivste Mittel gegen Reisedurchfall. "Und sie ist besser verträglich als eine präventive Dauer-Antibiose (..)." Er verstehe nicht, warum die Impfung nicht empfohlen werde. Zudem bestünde bei der Antibiose das Risiko von Resistenzentstehungen.

Bei der symptomatischen Therapie habe Tanninalbuminat / Ethacridinlactat einen deutlichen Effekt gezeigt – allerdings nur in zwei Studien, so Jelinek. Kombiniert werden könne der Wirkstoff mit Racecadotril, das zu einer deutlichen Reduktion des Flüssigkeit-Einstroms in den Darm führe.

Von Elektrolytpräparaten riet Jelinek ab, damit übersubstituiere man nur. "Am besten ist Bier, natürlich in Maßen, oder Cola und Salzstangen."

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