Ärzte Zeitung, 25.01.2017

Posttraumatische Belastungsstörung

Nach Afghanistan war alles anders

Der Fallschirmjäger Johannes Clair meldete sich 2010 voller Ideale freiwillig für Afghanistan. Die Erlebnisse dort verfolgen ihn bis heute. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Eine Therapie-Bilanz.

Von René Schellbach

Nach Afghanistan war alles anders

Als der Soldat Johannes Clair aus Afghanistan in die Heimat zurückkehrte, ging die Beziehung mit seiner Freundin in die Brüche. Alpträume, Depressionen, Aggressionen – das war zu viel für die junge Frau. Im Hörsaal mit all den Studenten bekam er Ängste.

Johannes Clair brach das Sozialökonomie-Studium im ersten Semester ab. "Die Sichtbarkeit ist ein Riesenproblem", sagt er heute. Veteranen mit einem amputierten Arm müssten sich nicht ständig rechtfertigen.

Früher galt der Bundeswehr-Einsatz mit der Rückkehr als beendet. Heute wüssten die Truppenärzte um mögliche Langzeitfolgen, meint Clair. Die ersten Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) registrierte die Bundeswehr nach dem Einsatz im Kosovo ab 1999.

Gefechte gab es dort weniger als in Afghanistan, aber die Soldaten wurden traumatisiert durch die Konfrontation mit Minen-Opfern und Kriegsgräbern. 2010 war Clair Mitbegründer des Bundes der Einsatz-Veteranen. Er schätzt, dass rund 2000 ehemalige Soldaten von PTBS betroffen sind, "plus die Angehörigen".

Starker Mann kommt an Grenzen

"Die Betreuung beim Bund ist gut, wenn man drin ist", sagt Johannes Clair – und betont das "wenn", denn nicht nur bei ihm habe es lange gedauert, bis die Bereitschaft da war, sich helfen zu lassen.

Clair verließ 2011 die Truppe. Erst zweieinhalb Jahre danach begann er mit der Therapie. Er sagt: "Das war echt hart – vom starken Mann im Einsatz hin zum Menschen, der sich seine Grenzen eingesteht."

Heute lebt der 31-Jährige in einer ehemaligen Bundeswehr-Kaserne in Hamburg mit Offiziers-Anwärtern. Er hat viele Auftritte bei der Bundeswehr, meist in zivil: Vorträge an den Bundeswehr-Unis und Diskussionsrunden mit Kameraden.

Therapie mit den Augen

Clair wurde Anfang 2014 von der Bundeswehr wieder als Soldat eingestellt, aufgrund eines Gesetzes von 2007, welches dies für die Dauer der Therapie vorschreibt.

Nach Afghanistan war alles anders

Über seine Erlebnisse hat Johannes Clair ein Buch geschrieben.

Der Titel "Vier Tage im November" bezieht sich auf jene vier Tage, die ihn bis heute nicht loslassen: Ein Einsatz in einem Dorf mit verwundeten Kameraden, Zivilisten zwischen den Fronten und der eigenen Unfähigkeit zu "funktionieren".

Das Buch stand 37 Wochen auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Clair war dadurch Gast in zahlreichen Talkshows und gab viele Interviews.

Johannes Clair: "Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz

in Afghanistan". Ullstein-Verlag,

413 Seiten, 9,99 Euro,

ISBN: 978-3548375212

Er hat jetzt wöchentlich Gesprächs- und Trauma-Therapie bei einer privaten Therapeutin in Hamburg. Viel verspricht er sich auch von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), einer Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen.

Clair wird betreut vom Bundeswehr-Krankenhaus in Hamburg, braucht aber auch die Auszeiten in Bad Waldsee – "möglichst weit weg von zu Hause". Letzten Sommer war er für zwölf Wochen in der dortigen Akutklinik Urbachtal, dann nochmal acht Wochen um die Jahreswende.

Die Klinik, ein Haus mit 60 Betten, habe "gerade die richtige Größe"; meint Clair; groß genug für viele Therapie-Angebote und klein genug für ein persönliches Verhältnis zu den Medizinern. "Die schöne Landschaft in Oberschwaben kommt dann als Sahnehäubchen dazu."

Soldaten, Lokführer, Lehrer

Die Akutklinik behandelt ausschließlich Privatpatienten und Selbstzahler, vor allem Menschen mit Depressionen. Als weiteren Schwerpunkt nennt Dr. Volker Reinken die Behandlung von Trauma-Patienten: Soldaten, Polizisten, Lokführer, aber auch immer mehr Lehrer. Der Psychiater ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt.

Es gibt ständig zwei Trauma-Gruppen mit je acht Plätzen, getrennt für Frauen und Männer. Die Angehörigen werden nicht behandelt, aber zu Gesprächen eingeladen, damit deren Verständnis für die Erkrankung wächst.

Die Abrechnung mit der Bundeswehr und den Kassen bezeichnet Volker Reinken als bürokratisch, aber problemlos. Das Haus sei "sehr gut ausgelastet". Dazu trage die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen bei.

"Es braucht viel Mut, als Soldat zu kämpfen", sagt Reinken. "Genauso mutig ist es, sich möglichen psychischen Folgen zu stellen." Das sollten Hausärzte den Betroffenen vermitteln, rät er.

Diffuse Symptome

Die Prävalenz für eine PTBS in Deutschland liegt laut aktueller Leitlinien bei 1,5 bis zwei Prozent, aber Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfer entwickeln zu 50 Prozent eine PTBS. Oft kommen die Patienten mit diffusen Symptomen zum Arzt, etwa Schlafstörungen, Stress oder Magen-Darm-Problemen.

"Die niedergelassenen Kollegen sollten bei Polizisten oder Soldaten hellhörig werden und eine PTBS erwägen", empfiehlt Reinken. Aber auch Suizide auf Eisenbahngleisen oder Ereignisse im Schulalltag können Langzeitfolgen haben. Die Akutklinik bietet Schulen in der Region Fortbildungen zum Umgang mit Konflikten an.

Und wie sind die Aussichten für Johannes Clair? Dr. Volker Reinken bescheinigt ihm einen typischen Heilungsverlauf. "Er hat spät angefangen, kommt aber gut voran." Clair kämpft nach wie vor mit den Triggern, also Sinnesreizen, die das Geschehene mit aller Wucht zurück holen.

Er selbst glaubt, dass er noch ein paar Mal nach Bad Waldsee kommen wird, weil ihm Intervall-Therapie empfohlen wurde. Er möchte wieder studieren, einen neue feste Freundin finden.

Weitere Informationen gibt es über die Bundeswehr-Hotline zu PTBS: 08 00-5 88 79 57 und auf den Webseiten

www.angriff-auf-die-seele.de

www.akutklinik.de

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