Ärzte Zeitung, 03.11.2004

HINTERGRUND

Leidet der Mann, der den Kanzler geohrfeigt hat, an einer posttraumatischen Verbitterungsstörung?

Von Nicola Siegmund-Schultze

Jens Ammoser, der Bundeskanzler Schröder geohrfeigt hat, erfüllt einige Kriterien der Verbitterungsstörung. Foto: dpa

Jens Ammoser, der Mann, der Bundeskanzler Schröder eine Ohrfeige verpaßte, dürfte es nun noch schwerer haben als bisher. Das Landgericht Mannheim verurteilte den 52jährigen Pädagogen zu einer viermonatigen Haftstrafe auf Bewährung. Der Gymnasiallehrer, der nie eine feste Anstellung gefunden hatte, ist nun auch noch vorbestraft.

Ammoser erfüllt viele Kriterien einer besonderen Form von Anpassungsstörungen, die Psychiater gerade erst systematisch zu beschreiben versuchen: der posttraumatischen Verbitterungsstörung (PTED, posttraumatic embitterment disorder).

"Seit den sozialen Umwälzungen in Ostdeutschland haben wir es vermehrt mit Patienten zu tun, die als Folge von einschneidenden biographischen Brüchen ausgeprägte psychische Beschwerden mit Krankheitswert haben", sagt Professor Michael Linden von der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité in Berlin.

Berufliche Niederlagen werden als Ungerechtigkeit empfunden

Häufig sind es berufliche Niederlagen wie Kündigungen oder lang anhaltende Arbeitslosigkeit, die die Betroffenen als große soziale Ungerechtigkeit empfinden und die sie verbittert machen (Der Nervenarzt, 1, 2004, 51). "Es gibt Überschneidungen in den Merkmalen zwischen PTED und den posttraumatischen Belastungs- sowie den Anpassungsstörungen", erläutert Linden im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Aber es gibt auch spezifische Unterschiede, auf Grund derer es gerechtfertigt erscheint, die PTED als eigenständiges Krankheitsbild zu sehen."

Als wichtigste diagnostische Kriterien einer PTED nennt Linden:

  • ein schwerwiegendes Lebensereignis als Auslöser für die seelische Störung,
  • der Patient erlebt dieses Ereignis als ungerecht und sieht seinen Zustand als direkte Konsequenz aus dem Ereignis,
  • wird er darauf angesprochen, reagiert er verbittert und mit Erregung, es dominieren Verbitterung, Traurigkeit, Ärger und das Gefühl von Hilflosigkeit,
  • der Patient grübelt viel über seine Situation, teilweise ist es ihm - anders als bei einer Depression - sogar wichtig, nicht zu vergessen,
  • im Unterschied zur Depression läßt er sich bei Ablenkung und bei Rachephantasien in positive Stimmung versetzen,
  • es besteht eine Antriebsunwilligkeit, da die Betroffenen resigniert haben und glauben, es lohne nicht mehr, sich anzustrengen,
  • der Betroffene meidet Orte und Personen, die ihn an das Ereignis erinnern,
  • die meisten Patienten lehnen professionelle Hilfe ab, sie fühlen sich nicht krank, die Störung geht schwer zurück.

"Ob Jens Ammoser unter einer PTED leidet, kann ich ohne Untersuchung nicht beurteilen", sagt Linden, "aber wenn man den Presse-Berichten glauben darf, erfüllt er einige Kriterien für diese Störung."

Typisch sei, daß die Betroffenen sich ungerecht behandelt sähen und klare Rachephantasien entwickelten. Ammoser, der sich immer mit Jobs durchschlagen mußte, macht für seinen enttäuschenden Werdegang die Regierungspolitik verantwortlich.

Schröder habe eine große, historische Schuld auf sich geladen, da er mit Versprechungen ins Amt gekommen sei, die er nicht gehalten habe, so Ammoser in Interviews. Zunächst habe er gegen den Kanzler kandidieren wollen und sei in die SPD eingetreten, dann habe er sich für eine Ohrfeige entschieden. "Das war unanständig, aber nicht ungerecht", so der Lehrer. Er sei stolz auf seine Tat.

In die Rehabilitationsklinik in Seehof bei Berlin, die Linden leitet, sind inzwischen so viele Patienten eingewiesen worden, die eine PTED haben, daß Linden eine Studie gestartet hat. "Meist bekommen wir die Patienten, weil sie längere Zeit arbeitsunfähig waren und ein Rentenantrag gestellt wurde", sagt Linden. Die Diagnosen seien Depression, psychosomatische Störungen, Phobien oder Anpassungsstörungen.

Kombination der Symptome rechtfertigt Krankheitsbild

"Wir glauben, daß die spezifische Kombination der Symptome bei einer PTED die Definition eines eigenen Krankheitsbildes rechtfertigt."

Außerdem wollen die Forscher Therapien entwickeln, die auf diese Zielgruppe abgestimmt sind. "Wir erleben bei den Patienten einen relativen Mangel an Weisheit, auch diese Komponente wollen wir in die Behandlung einbeziehen", so Linden.

FAZIT

Die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) könnte ein eigenständiges Krankheitsbild sein, ausgelöst durch ein tiefgreifendes, aber nicht lebensbedrohliches Ereignis wie Arbeitsplatzverlust, Mobbing, Tod von Familienangehörigen oder Trennungen. Das Ereignis hat den Betroffenen in seinem Selbstwert und Selbstverständnis stark verletzt. Er reagiert verbittert, traurig, resigniert, fühlt sich ungerecht behandelt, entwickelt häufig Aggressions- und Rachephantasien und ist antriebsgehemmt. Viele Betroffene sind arbeitsunfähig. An der Definition der PTED und einer abgestimmten Therapie wird derzeit gearbeitet.

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