Ärzte Zeitung, 09.03.2005

HINTERGRUND

Depressionen, Ängste, Panikattacken bei Älteren - dann sollten Ärzte auch an den Weltkrieg denken

Von Nicola Siegmund-Schultze

Jetzt kommen sie zurück, die Bilder aus dem zweiten Weltkrieg: Weinende, 16jährige Jungen als Flakhelfer, die in Gefangenschaft genommen werden. Kinder, die mit ihren Geschwistern und einem kleinen Koffer neben sich auf den Trümmern zerstörter Wohngebiete sitzen und darauf warten, in Sicherheit gebracht zu werden. Halbwüchsige, die an der Hand von Erwachsenen aus brennenden Städten fliehen - man fragt sich, wohin.

Kriegskinder sind zwischen 1926 und 1945 geboren

Das Kriegsende jährt sich im Mai zum 60. Mal, und an keinem anderen Jahrestag in der Vergangenheit waren die Folgen des Krieges in den Medien so präsent wie an diesem. "So viel Hitler war nie", wird der Bochumer Historiker Norbert Frei im "Stern" (9/2005) zitiert. Frei sagt einen "Gezeitenwechsel im Umgang mit der Vergangenheit" voraus.

    Störungen von Kriegskindern manifestieren sich im Alter.
   

"Jetzt erst bekommt die Generation der Kriegskinder, also derer, die zwischen 1926 und 1945 geboren worden sind, die Chance, sich auch als Leidtragende sehen dürfen", formulierte es Hartmut Radebold, emeritierter Professor für Psychiatrie und Psychotherapie der Gesamthochschule Kassel, bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie in Frankfurt am Main.

Radebold, Jahrgang 1935 und damit selbst Kriegskind, sieht den Beginn dieses Umdenkungsprozesses in zwei Veröffentlichungen aus dem Jahr 2002: der Novelle "Im Krebsgang" von Günter Grass und der Dokumentation "Der Brand" von Jörg Friedrich.

Diese Bücher scheinen der Generation der über 60jährigen Deutschen die Erlaubnis erteilt zu haben, öffentlich und privat über etwas zu sprechen, was jahrzehntelang verdrängt, verharmlost und verdeckt worden war von dem Gefühl, mit persönlichen Erinnerungen an den Krieg die Verbrechen von Nazi-Deutschland relativieren zu wollen: Bombenangriffe, Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, Aggressivität und Gewalt, Hunger, der Verlust von Familienanhörigen, oft der Väter. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland haben Schätzungen zufolge durch den Krieg einen Elternteil verloren, etwa 150 000 sind Vollwaisen geworden.

20 bis 25 Prozent der damaligen Kinder wuchsen unter dauerhaft geschädigten familiären, sozialen und materiellen Bedingungen auf. Eine Kohortenstudie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim an über 50jährigen belegt laut Radebold: Wenn der Vater länger als sechs Monate abwesend ist, steigt das Risiko für eine seelische Erkrankung des Kindes um den Faktor 2,5.

Bei den Kriegskindern habe es sich als Symptome einer partiellen, posttraumatischen Belastungsstörung manifestiert, speziell nach Ausbombung in Form von fortbestehenden Angstzuständen und Panikattacken. Andere Betroffene leiden an leichten bis mittelschweren Depressionen.

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr habe einen Anteil depressiv verstimmter älterer Menschen von 23 Prozent in München, 18 Prozent in Verona, 17 Prozent in London, 16 Prozent in Berlin, zwölf Prozent in Amsterdam, zehn Prozent in Liverpool und 8,8 Prozent in Island ausgemacht. Diese Verteilung sei umgekehrt proportional mit dem Ausmaß der Zerstörung der Regionen während des Zweiten Weltkriegs.

Auch Bindungsunfähigkeit und unsichere oder eingeschränkte Identität mit geringem Bewußtsein über eigene Interessen und Wünsche hat Radebold unter den Kriegskindern festgestellt, von denen er einige selbst behandelt hat. "Oft sehen die Betroffenen das nicht bei sich selbst, sondern sieht es nur ihre Umwelt", so der Psychoanalytiker, der in Deutschland als Nestor der Psychotherapie älterer Menschen gilt.

Typisch seien zum Beispiel auch ältere Menschen, die Rehamaßnahmen nicht zu Ende brächten, geschweige denn Vorsorgeuntersuchungen ernst nähmen. Nur gegen Widerstände akzeptierten sie Hilfe von anderen. "Da spielt natürlich auch die damalige Erziehung eine Rolle nach dem Motto ,zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl...‘", sagt Radebold. "Für Ärzte und Psychotherapeuten bedeutet das: Bei einem seelischen Problem oder der Diagnose einer seelischen Störung Älterer sollte man auch historisch denken und unter Umständen behutsam nachfragen."

Auf keinen Fall dürften Erfahrungen im Krieg aber mit Traumatisierungen gleichgesetzt werden, so Radebold. "Auch damals gab es, wenn auch in geringerem Maße als erwünscht, schützende Einflüsse wie eine stabile Mutter-Kind-Beziehung, eine Großfamiliensituation und andere männliche Bezugspersonen, später im Leben waren das oft Partnerschaften."

Bewältigungsmechanismen werden im Alter schwächer

Warum aber manifestieren sich seelische Störungen der Kriegs- und frühen Nachkriegsgeneration oft erst im höheren Lebensalter? "Bis zum 40. oder 50. Lebensjahr bleiben die Bewältigungsmechanismen bei einer günstigen beruflichen oder familiären Situation wirksam", erläutert Radebold. Dann aber ließen die Kräfte nach, und das führe im Alterungsprozeß bei vielen zu einer raschen seelischen Ermüdung.

Im April richtet die Uni Frankfurt am Main einen Kongreß aus mit dem Titel: "Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende".

FAZIT

20 bis 25 Prozent der Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs aufwuchsen, lebten unter dauerhaft geschädigten familiären, sozialen und materiellen Bedingungen. Eine Kohortenstudie an über 50jährigen belegt: Wenn der Vater länger als sechs Monate abwesend ist, steigt das Risiko für eine seelische Erkrankung des Kindes um den Faktor 2,5. Bei der Generation der Kriegskinder manifestieren sich seelische Probleme oft erst, wenn im Alter die Bewältigungsmechanismen schwächer werden.

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