Ärzte Zeitung, 21.02.2007

HINTERGRUND

10 000 junge Menschen bekommen pro Jahr bei uns einen Hirninfarkt

Von Philipp Grätzel von Grätz

So selten, wie viele meinen, ist ein Schlaganfall bei jungen Menschen nicht. "Es stimmt zwar, dass nur drei bis fünf Prozent aller Schlaganfälle bei Menschen unter 45 Jahren auftreten", sagt Professor Arno Villringer von der Neurologischen Klinik der Charité Berlin. Da 200 000 Menschen in Deutschland Jahr für Jahr einen Schlaganfall bekommen, ergibt das 10 000 junge Schlaganfall-Patienten pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es etwa 2500 HIV-Neuinfektionen pro Jahr.

Bei unter 45-Jährigen sei noch immer bei fast jedem vierten ischämischen Schlaganfall nicht herauszubekommen, was eigentlich zu dem Ereignis geführt habe, so Villringer. Grundsätzlich gilt: Eine TIA muss auch bei jungen Leuten ernst genommen werden. Und zu einer TIA-Diagnostik bei jungen Patienten gehört in erster Linie auch eine Ultraschall-Untersuchung des Herzens und eine Doppleruntersuchung der Halsschlagadern.

Jeder zweite Schlaganfall ist durch eine Blutung bedingt

Zu den wichtigsten Schlaganfall-Ursachen bei jüngeren Menschen kann auch Villringer nur grobe Anhaltspunkte geben. Bekannt ist, dass 30 bis 50 Prozent aller Schlaganfälle bei unter 45-Jährigen durch Blutungen bedingt sind, häufig aufgrund von Blutgefäß-Anomalien. Schwieriger wird es bei den anderen 50 Prozent - den ischämischen Schlaganfällen. Fest steht nur: Atherosklerotisch bedingte Gefäßverschlüsse haben hier so gut wie keine Bedeutung.

Drei Ursachen ischämischer Schlaganfälle bei jungen Menschen sind Villringer besonders wichtig: Jedem vierten Schlaganfall dürfte eine Embolie zugrunde liegen, die ihren Ausgang etwa bei einer Thrombose im venösen Gefäßsystem nimmt. Sie wird dann über ein offenes Foramen ovale in den großen Kreislauf befördert. Ein weiteres Fünftel, schätzt der Experte, sind zervikale arterielle Dissektionen, was kaum bekannt ist. Ähnlich wie bei Dissektionen im Bereich der Aorta reißt das Gefäßendothel. Es tritt Blut aus, das sich in der Gefäßwand anreichert und schließlich das Lumen der betroffenen Halsarterie zusammendrückt. Großflächige Hirninfarkte sind die Folge.

Migräne plus Antibabypille: das erhöht das Risiko achtfach

Die dritte große Gruppe - auch das ist wenig bekannt - sind Schlaganfälle bei Migräne-Patienten. Jeder siebte bis achte Schlaganfall bei jungen Menschen gehöre in diese Kategorie. Wodurch diese Art von Schlaganfällen zustande kommt, ist unklar, doch die Zahlen sprechen für sich: "Das Schlaganfall-Risiko ist etwa doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migräne. Werden zusätzlich orale Kontrazeptiva genommen, ist es achtmal so hoch", betont Villringer.

Trotz Migräne, Embolien und Dissektionen: Rund ein Viertel der ischämischen Schlaganfälle bei jüngeren Menschen bleibt bis heute ätiologisch unklar. Bei einem Teil dieser unklaren Schlaganfälle dürfte eine lysosomale Speichererkrankung die Ursache sein - der Morbus Fabry. "Wir gehen davon aus, dass bis zu fünf Prozent der unklaren Schlaganfälle auf M. Fabry zurückzuführen sind", sagte Professor Arndt Rolfs von der Klinik für Neurologie der Uni Rostock bei einer Veranstaltung des von Shire unterstützten Fabry-Network. Wie viele es genau sind, soll jetzt in der europaweiten SIFAP-Studie geklärt werden (wie berichtet). Insgesamt werden innerhalb von 18 Monaten 5000 Schlaganfall-Patienten unter 55 Jahren auf das Vorliegen eines Morbus Fabry untersucht.

"Anders als bei älteren Menschen sind die meisten Schlaganfälle bei jungen Menschen zumindest im Prinzip verhinderbar", so Villringer. Ein offenes Foramen ovale könne verschlossen werden, und ein Gefäßverschluss bei Dissektion geschehe auch nicht über Nacht. Wird das Problem rechtzeitig erkannt, bleibt Zeit für die Antikoagulation. Was fehlt, ist ein standardisiertes Vorgehen, um Risiko-Patienten sicher zu erkennen. Bei wem sollte eine Gefäßdiagnostik erfolgen? Wann ist der Verschluss eines offenen Foramen ovale sinnvoll? Solche Fragen müssen Spezialisten noch klären.

Migräne-Patienten können Kollegen heute schon raten, zusätzliche Risikofaktoren wie orale Kontrazeptiva oder Zigaretten zu vermeiden. Und beim M. Fabry gibt es sogar eine Therapie, bei der das fehlende Enzym alfa-Galaktosidase ersetzt wird. Ob die Therapie auch vor Schlaganfällen schützt, soll der zweite Teil der laufenden Fabry-Studie ergeben.

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