Direkt zum Inhaltsbereich

Synkope

Augen zu und lange ohnmächtig - das ist meist psychogen

Geschlossene Augen, kein Schweiß, ungewöhnlich lange bewusstlos, kaum Zuckungen - all das spricht tatsächlich für eine Pseudosynkope, haben Kipp-Tisch-Untersuchungen ergeben.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Eine psychogene Pseudosynkope ist oft nicht ganz einfach von einer Synkope mit physiologischen Ursachen zu unterscheiden.

Eine psychogene Pseudosynkope ist oft nicht ganz einfach von einer Synkope mit physiologischen Ursachen zu unterscheiden.

© Robert Kneschke / fotolia.com

LEIDEN. Sowohl bei Krampfanfällen mit transienter Bewusstlosigkeit als auch bei Synkopen muss damit gerechnet werden, dass diese keine physiologischen oder neurologischen Ursachen haben, sondern psychogen bedingt sind.

Während Epileptologen dieses Phänomen in der Regel gut kennen und bei fast jedem Dritten Anfallspatienten von einer psychogenen Ursache ausgehen können, ist eine psychogene Pseudosynkope seltener und oft nicht ganz einfach von einer Synkope mit physiologischen Ursachen zu unterscheiden, berichten Neurologen um Martijn Tannemaat von der Universität in Leiden.

Bekannt ist zwar, dass Patienten mit psychogenen Pseudosynkopen (PPS) oft die Augen geschlossen haben und in der Regel länger in der scheinbaren Bewusstlosigkeit verharren als dies etwa bei vasovagalen Synkopen (VVS) der Fall ist, bei denen die Betroffenen meist mit offenen Augen umfallen. Allerdings ist unklar, wie gut sich solche Merkmale zur Diagnose eignen.

Jede 20. Synkope ist psychogen

Für eine Studie haben die niederländischen Forscher um Tannemaat nun 800 Synkopen-Patienten auf dem Kipp-Tisch untersucht und auf diese Weise versucht, die Charakteristika von PPS zu ermitteln (Neurology 2013, online 19. Juli).

Mit dem Kipp-Tisch-Test lassen sich PPS in der Regel gut nachweisen: Kann dabei eine Synkope induziert werden, ohne dass sich ein deutlicher Blutdruckabfall, eine Reduktion der Herzfrequenz oder andere Symptome beobachten lassen, die auf eine zerebrale Hypoperfusion deuten, dann geht man von einer psychischen Ursache aus.

Insgesamt fanden die Neurologen 43 Patienten (5,4 Prozent) mit PPS, drei Viertel davon waren Frauen. Bei 31 der Patienten diagnostizierten sie reine Pseudosynkopen: Hier kam es in den Minuten vor dem Ereignis zu einem Anstieg der Herzfrequenz (im Schnitt um 17 Schläge pro Minute) und vor allem des systolischen Blutdrucks (plus 13 mmHg).

Bei den übrigen PPS-Patienten beobachteten sie zwar zunächst einen Blutdruckabfall (im Schnitt minus 39 mmHg) und eine Herzfrequenzreduktion (minus 19 Schläge pro Minute), allerdings nur für sehr kurze Zeit und nicht immer synchron mit der Synkope. Zudem blieben Herzfrequenz und Blutdruck bei weiteren Kipp-Tisch-Tests dann unverändert.

Diese Patienten ordneten sie einem Mischtyp zu, da sich hier psychogene und vasovagale Ursachen offenbar überlagerten. Zum Vergleich schauten sich die Ärzte Kipp-Tisch-Daten von 69 Patienten mit rein vasovagalen Synkopen an.

Bei Pseudosynkope Augen praktisch immer zu

Die Ergebnisse: Patienten mit reiner PPS hatten während der Ohnmacht tatsächlich fast immer die Augen geschlossen (96 Prozent). Dies war auch bei knapp vier von fünf Patienten mit einem Mischtyp der Fall (78 Prozent), aber bei kaum einem Patienten mit VVS (nur 5 Prozent).

Im Schnitt dauerten reine PPS doppelt so lange wie VVS (44 versus 20 Sekunden), noch länger, nämlich im Mittel 73 Sekunden lang, war das Bewusstsein der Patienten mit Mischtyp-PPS getrübt.

Dauerte der Zustand bei VVS maximal 55 Sekunden, konnten Patienten mit PPS vereinzelt mehr als zehn Minuten in der Ohnmacht verharren.

Praktisch alle PPS-Patienten zeigten einen deutlichen Muskeltonusverlust mit Beginn der Ohnmacht: Sie ließen entweder ihren Kopf zur Seite rollen oder rutschten teilweise den Kipptisch hinunter.

Dies war bei Patienten mit VVS kaum der Fall, dafür wurden bei 60 Prozent der VVS-Patienten Zuckungen beobachtet, die wiederum bei den PPS-Patienten weitgehend fehlten.

Auffallend war auch, dass fast alle VVS-Patienten vor und nach der Synkope deutlich schwitzten (93 Prozent) und ziemlich bleich waren (80-90 Prozent), während diese Zeichen in beiden Gruppen mit PPS komplett fehlten (0 Prozent).

Das Fazit: Augen auf, Schwitzen, bleiches Gesicht, Zuckungen und eine Ohnmacht von nur wenigen Sekunden - all das spricht für eine vasovagale Synkope.

Hingegen weisen geschlossene Augen, normale Gesichtsfarbe, kaum noch Muskeltonus, kein Schweiß und Ohnmachtsphasen über einer Minute sehr deutlich auf eine psychogene Pseudosynkope hin.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Amyotrophe Lateralsklerose

Deutlich erhöhtes ALS-Risiko bei Atherosklerose

Ungewöhnliche Studie

Konsequente Blutdrucksenkung – ein Ansatz zur Demenzprävention

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Cardisio

© Cardisio

Cardisio

Cardisiographie mit LVEF-Erkennung

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Meist Adenokarzinome

Tipps zur Früherkennung: Warnzeichen für Pankreaskrebs erkennen

AMD-Prävention

Altersabhängige Makuladegeneration: Leitlinie gibt Empfehlungen zum Screening

Lesetipps
Eine Tonsillektomie wird im OP durchgeführt.

© ShvedKristina / stock.adobe.com

Verschiedene Verfahren

Vergleichsstudie: Weniger Schmerzen nach intrakapsulärer Tonsillektomie

Eine Frau zieht einen Kompressionsstrumpf auf ihr rechtes Bein.

© Itana / Stock.adobe.com

Leitlinien-Update

Welcher Kompressionsstrumpf ist der richtige?