Ärzte Zeitung online, 17.02.2014

Forschungsnetz

35 Millionen Euro für die Psyche

Mit Antibiotika gegen Depressionen, mit Cannabinol gegen Schizophrenie und mit dem Smartphone gegen die Sucht: Die Bundesregierung fördert mit Millionen Euro innovative Forschung über psychische Erkrankungen.

35 Millionen Euro für die Psyche

Kopf im Blick.

© Mopic / fotolia.com

BERLIN. Europaweit sind immer mehr Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen. In Deutschland leiden mindestens zwei von fünf Menschen einmal in ihrem Leben an einer Depression, einer Angststörung, an einer Suchterkrankung oder an Schizophrenie.

Schon jetzt sind psychische Erkrankungen der häufigste Grund für Frühverrentungen. In der Arbeitswelt rangieren sie zudem unter den fünf häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle. Sie verursachen nach Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Deutschland Produktionsausfälle in Höhe von 46 Milliarden Euro, europaweit rund 500 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung will daher zum besseren Verständnis der Ursachen des Zuwachses psychischer Erkrankungen beitragen. 35 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den kommenden vier Jahren für den Aufbau des deutschlandweiten Forschungsnetzes zu psychischen Erkrankungen bereit.

"Psychische Erkrankungen zählen unbestritten zu den Volkskrankheiten", sagte Forschungsministerin Professor Johanna Wanka (CDU) bei der Vorstellung des Programms am Montag in Berlin.

"Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Deutschland werden gemeinsam daran arbeiten, diese Erkrankungen besser zu verstehen", sagte Wanka. Aus diesem Wissen sollten neue und wirksame Therapien entstehen.

Wanka kündigte für diese Legislaturperiode eine weitere Verstärkung der Grundlagenforschung an. Allerdings solle der Transfer der Erkenntnisse vom Labor zum Krankenbett beschleunigt werden.

Startschuss fällt im Sommer

Die geförderten Forschungsprojekte wiesen eine klare Ausrichtung auf die Versorgung, sagte Doris Pfeiffer, Chefin des GKV-Spitzenverbands. Die psychischen Erkrankungen gehörten wegen ihrer gravierenden Folgen für die betroffenen Menschen, deren Angehörige und nicht zuletzt auch für die Sozialsysteme zu den versorgungspolitischen Herausforderungen der Gegenwart.

Das Forschungsnetz wird seine Arbeit im Sommer aufnehmen. Insgesamt neun Verbünde sollen in den Genuss der Förderung kommen. Die ausgewählten Netzwerke deckten einen großen Bereich der relevanten Störungen ab, sagte Professor Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.

Wichtigstes Ziel ist die Erprobung neuer Therapien. An der Universität Regensburg soll zum Beispiel die Wirkung des Antibiotikums Minocyclin bei der Behandlung von Menschen mit Depressionen erforscht werden.

In Mannheim steht der Vergleich einer Behandlung von Schizophreniekranken mit Cannabinol mit einem psychotherapeutischen Verfahren auf dem Programm. Weitere Themen sind die bipolaren Störungen und Angststörungen (Universität Dresden), Suchterkrankungen (Charité Berlin), Autismus (Universität Marburg), ADHS (ZI Mannheim), psychotische Störungen (RWTH Aachen) und krankheitsübergreifende Therapien (LMU München).

Beteiligt an den Verbünden sind 30 universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Ein internationales Expertengremium hat die Objekte der Förderung aufgrund der klinischen Relevanz und der wissenschaftlichen Qualität der Konzepte ausgewählt. (af)

[19.02.2014, 20:16:32]
Dipl.-Psych. Wilfried Vogelbusch 
Will's die Regierung wirklich wissen?
Zitat: "Die Bundesregierung will daher zum besseren Verständnis der Ursachen des Zuwachses psychischer Erkrankungen beitragen" - heißt das, sie wollen das Gesellschaftssystem, deren Erfüllungsgehilfen sie sind, ernsthaft in Frage stellen? Die Zunahme psychischer Erkrankungen ist systemimmanent und lässt sich - hoffentlich - vielleicht ein wenig verlangsamen. Das Vorhaben der Bundesregierung müsste man - sofern etwas dabei rauskommt und die Erkenntnisse Konsequenzen hätten - als professionelle Suizidalität begreifen.


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