Ärzte Zeitung online, 12.02.2019

Kater nach Alkoholkonsum

„Bier auf Wein, das lass sein“ – ein guter Rat?

Der Spruch „Bier auf Wein, das lass sein; Wein auf Bier, das rat‘ ich dir“ ist sehr bekannt. Doch was ist dran an der Empfehlung? Forscher haben nun untersucht, wie sich die Reihenfolge der getrunkenen Alkoholika auf den Kater auswirkt.

Von Thomas Müller

„Bier auf Wein, das lass sein“ – ein guter Ratschlag?

Hoch die Tassen! Aber Vorsicht: Entscheidend für den Kater ist die konsumierte Alkoholmenge.

© DisobeyArt / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Was verursacht weniger Kopfschmerzen und Übelkeit am nächsten Morgen: Wein auf Bier oder Bier auf Wein?

Antwort: Weder noch – die Alkoholmenge, nicht die Reihenfolge alkoholischer Getränke ist für den Kater entscheidend.

Bedeutung: Wer sich ziemlich betrunken fühlt, hat am nächsten Morgen einen dicken Schädel, egal, ob sich zuerst Bier oder Wein im Glas befand.

Einschränkung: Es ist unklar, ob sich die Schlussfolgerungen auf andere Biersorten und Rotwein übertragen lassen.

WITTEN. Möglicherweise können sich die Ärzte um Dr. Kai Hensel von der Universität Witten/Herdecke ernsthaft Hoffnung auf den diesjährigen Ig-Nobelpreis für Forschungen machen, die Menschen sowohl zum Lachen als auch Nachdenken bewegen.

Denn sie haben eine wichtige Menschheitsfrage im Zusammenhang mit Alkohol geklärt: Für den Kater am nächsten Morgen ist es schnuppe, in welcher Reihenfolge die Alkoholika am Abend zuvor kombiniert wurden. An der Redewendung „Bier auf Wein, das lass sein; Wein auf Bier, das rat‘ ich dir“ ist offenbar nicht das Geringste dran.

Über das Ausmaß des Katers entscheidet letztlich vor allem die Alkoholmenge, konnten die Forscher in einer nach allen Regeln der Kunst konzipierten Dreifach-Cross-over-Studie klar belegen (Am J Clin Nutr 2019;109:345–352).

Alte Weisheit auf Wahrheitsgehalt prüfen

„Einmal in meinem Leben wollte ich eine Studie durchführen, die einfach nur Spaß macht – und gleichzeitig höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, absolut wasserdicht ist“, wird Hensel im Magazin „Spiegel“ zitiert.

Dem Kinder- und Notfallmediziner war aufgefallen, dass der Spruch zu Bier und Wein in vielen Sprachen kultiviert wird. Möglicherweise steckt also doch eine alte Weisheit dahinter, nach der Bier auf den Konsum von Wein unbekömmlicher ist als umgekehrt.

Da ein übermäßiger Alkoholkonsum und der damit verbundene Kater zu erheblichen sozioökonomischen Kosten führen, sei es wichtig, ob sich die Folgen eines Rausches durch die Reihenfolge der konsumierten Getränke abmildern lassen, begründen die Forscher ihre Studie.

Experiment mit 90 Erwachsenen

Um dies zu testen, durften sich 90 Erwachsene verteilt auf drei Gruppen bei zwei verschiedenen Anlässen kontrolliert betrinken. Voraussetzung für die Teilnahme war ein guter Gesundheitszustand – Alkoholiker, Schwangere und Personen mit Leberfunktionsstörungen wurden ausgeschlossen.

In der ersten Gruppe tranken die Teilnehmer Pils bis zu einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille, dann wechselten sie auf einen Gutedel-Bioweißwein (11 Prozent Alkohol) bis die Alkoholwerte in der Atemluft einen Pegel von mindestens 1,1 Promille ankündigten. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Teilnehmer erneut zum Trinken eingeladen, an diesem zweiten Testtag tranken sie die Getränke in umgekehrter Reihenfolge.

In der zweiten Gruppe bekamen die Teilnehmer erst Wein und dann Bier, auch sie wechselten beim zweiten Testtag die Reihenfolge. In der dritten Gruppe blieben die Probanden bei einem Getränk, also Wein oder Bier, und erhielten am zweiten Testtag das jeweils andere.

Auf eine Kontrollgruppe mit alkoholfreiem Bier und Wein hatten die Forscher verzichtet, nachdem dies in einer Pilotstudie schief gelaufen war: Die Teilnehmer einer solchen Gruppe hatten sich bei den anderen Probanden mit Alkohol versorgt, selbst welchen eingeschmuggelt oder waren aus Enttäuschung vorzeitig ausgestiegen.

Mahlzeit als Grundlage

Alle Probanden wurden dazu aufgefordert, eine Woche vor den Interventionen keinen Alkohol zu trinken. Unmittelbar vor dem Experiment erhielt jeder Teilnehmer eine Mahlzeit.

Die Forscher achteten zudem auf eine ausgewogene Zusammensetzung der Gruppen bezogen auf Alter, Geschlecht, Gewicht, BMI und das bisherige Alkoholtraining, also die üblicherweise konsumierten Alkoholmengen.

Hatten die Probanden die erwünschte Promillegrenze überschritten, wurden sie mit einem Trinkwasservorrat ins Bett geschickt und am nächsten Morgen zu ihrem Kater befragt, und zwar anhand der „Acute Hangover Scale“ (AHS). Sie mussten dazu Müdigkeit, Durst, Kopfschmerz, Übelkeit, Magenschmerzen, Benommenheit, Tachykardie und Appetitverlust auf einer Skala von 0 bis 7 Punkten bewerten. Beim schlimmsten Kater sind maximal 56 Punkte möglich.

Die Teilnehmer waren im Schnitt 24 Jahre alt, zur Hälfte Frauen und im Mittel rund 70 kg schwer. Um den erwünschten Alkoholpegel von 1,1 Promille zu erreichen, wurden in den ersten beiden Gruppen zwei bis drei Pils (je 0,5 Liter) und fast eine Flasche Weißwein pro Person über vier Stunden hinweg getrunken; die Kontrollgruppe mit nur einer Alkoholsorte kam auf fünf Pils oder 1,2 Liter Weißwein.

Frauen etwas stärker verkatert

Am Morgen nach dem Rausch lag der AHS-Wert in den einzelnen Gruppen zwischen 15 und 20 Punkten, signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen konnten die Forscher weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Testtag feststellen.

Ebenso traten kaum numerische und keinerlei signifikante Differenzen bei den einzelnen Teilnehmern auf, wurden die AHS-Werte vom ersten und zweiten Testtag verglichen. In anderen Worten: Den Teilnehmern ging es stets ähnlich übel, egal ob sie sich am Tag zuvor erst Bier und dann Wein oder umgekehrt eingeflößt hatten.

Frauen klagten am nächsten Tag über einen stärkeren Kater, allerdings hatten sie auch höhere Alkoholmaximalwerte erreicht, wurde das berücksichtigt, zeigten sich auch hier keine deutlichen Unterschiede mehr.

Teilnehmer, die sich übergeben mussten und besonders betrunken fühlten, hatten am nächsten Tag den stärksten Kater. Dagegen war die maximale Alkoholkonzentration zumindest in diesem Experiment weniger aussagekräftig, vermutlich weil die Werte bei allen Teilnehmern nahe beieinanderlagen, schreiben die Wissenschaftler.

Übelkeit sowie das Trunkenheitsgefühl seien damit gute Gradmesser für den zu erwartenden Kater am nächsten Morgen, dagegen sei die Reihenfolge alkoholischer Getränke eher unbedeutend.

„Unsere Resultate sollten taktischen Trinkern die Gewissheit rauben, dass sie die Folgen einer feucht-fröhlichen Nacht mildern können, indem sie sorgfältig auf die Reihenfolge der Getränke achten“, so das Fazit der Forscher.

Vorteile des kostenlosen LogIns

Auf unserer Webseite finden Sie tagesaktuelle Informationen aus den Themenbereichen Gesundheitspolitik, Medizin und Wirtschaft.

Über ein kostenloses LogIn erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile:

  • Mehr Analysen, Hintergründe und Infografiken
  • Exklusive Interviews
  • Praxis-Tipps zur Abrechnung und Organisation
  • Alle medizinischen Berichte lesen
  • Kommentare lesen und schreiben

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt. Weitere Infos und zum Login.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[13.02.2019, 06:53:50]
Dr.med. Franz Heller 
Und wer bezahlt die Zeche?
Wie wäre es mit einem Hinweis wer diesen Spaß gesponsert hat? Der Steuerzahler? Die anonymen Alkoholiker oder die stadtbekannten Säufer? Oder ist das alles nur ein Faschings-Scherz? zum Beitrag »
[12.02.2019, 17:21:55]
Dr. Stefan Graf 
Soziale Frage
Wir habe in den 1980ern in Physiologie gelernt, dass die "Bier-Wein-Weisheit" nicht auf eine Bekömmlichkeitsfrage zurückgeht, sondern beide Getränke Symbole für die gesellschftliche Stellung darstellten. Wohlhabende tranken früher Wein, die arme Bevölkerung Bier. "Bier auf Wein" stand daher für gesellschftlichen Abstieg. Dagegen entsprach die Wandlung vom armen Biertrinker zum vermögenden Weintrinken einem sozialen Aufstieg. Nichtsdestotrotz finde ich die Bestätigung, dass letzlich "nur" die Alkoholmenge entscheidet und die Trinkreihenfolge pgysiologisch keine Rolle spielt, einer solchen Studie wert. zum Beitrag »
[12.02.2019, 15:38:26]
Dr. Peter Hecking 
Bier auf Wein....
Selten so gelacht.
Hätte sich der Autor der Studie mit der Historie etwas ausgekannt, wäre diese Studie überflüssig gewesen.
Die Bedeutung war eine ganz andere und zwar hatte sie historisch etwas mit sozialem Gefälle zu tun.
Wein war früher das Getränk des höher stehenden Gesellschaft, Bier das Getränk der einfachen Leute.
Also „Wein auf (nach) Bier“ war mit sozialem Aufstieg verbunden, also „Rat ich dir“
Wer den Aufstieg geschafft hatte, konnte sich jetzt teuren Wein erlauben!
„Bier auf (nach) Wein“ war aber wieder der soziale Abstieg, darum „las sein.“
Egal in welcher Reihenfolge man es trinkt: die Dosis macht das Gift und so ist auch das Ergebnis der Studie.
 zum Beitrag »
[12.02.2019, 13:04:17]
Jochen Heumos 
vermutliche Historie dieser Weisheit
Meinen herzlichen Glückwunsch zu diesen brillanten ig-nobelpreiswürdigen Forschungsergebnissen! Ich fühle mich gleich viel souveräner im Umgang mit meinem Kater.
Historisch scheint dieser (durchaus mittelalterliche) Spruch aber etwas anderes aussagen zu wollen: wurde früher tagsüber Bier (alkoholfreie Getränke waren eher die Ausnahme) getrunken - auch während der Arbeit - so konnten Erfolge des Tages abends mit einem guten Glas Wein gefeiert werden. Wer dagegen schon tagsüber die vermeintlichen Erfolge mit Wein feierte und erst abends zum Bier griff, hatte den Spruch "erst die Arbeit, dann das Vergnügen" moralisch, kirchlich und gesellschaftlich nicht ausreichend gewürdigt. "Bier auf Wein" war also unschicklich und sollte sein gelassen werden.
Wie gut das wir diese mittelalterliche Sitte nun auch geklärt haben. Es bleiben aber noch viiiiiele orschungsfelder! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Deutsche haben Angst vor Hautkrebs – und Falten

Eine Umfrage hat ergeben, wie wichtig den Bürgern der UV-Schutz ist. Insbesondere aus Angst vor Karzinomen der Haut schmieren die Deutschen sich fleißig ein – und bekommen trotzdem Sonnenbrand. mehr »

Saufen lässt womöglich Hoden schrumpfen

Je höher der Alkoholkonsum, umso kleiner sind die Hoden junger Männer, haben italienische Forscher festgestellt. Doch was ist Ursache, was Wirkung? mehr »

Grünes Licht für höhere Pflege-Löhne

Die Pflegekräfte in Deutschland dürfen eine bessere Bezahlung erwarten: Das Bundeskabinett hat den staatlichen Eingriff in die Entwicklung der Pflege-Löhne durchgewunken. mehr »