Ärzte Zeitung online, 20.06.2019

Mimik

App hilft autistischen Kindern im Alltag, Emotionen zu erkennen

Verhaltenstherapien sind effektive Maßnahmen für autistische Kinder, um sich besser in der Welt zurechtzufinden. Doch die Wartelisten der Therapeuten sind oft lang. US-Forscher haben nach unterstützenden Alternativen gesucht.

Von Christine Starostzik

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Unverständliche Gesichtsausdrücke verunsichern autistische Kinder.

© LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe

STANFORD. Wearables sind aus unserem Alltag schon fast nicht mehr wegzudenken. Dabei handelt es sich um kleine vernetzte Computer, wie Smart-Watches oder Fitnessarmbänder, die am Körper getragen werden und Körperfunktionen beim Sport messen oder den Weg anzeigen. In der Medizin und der Pflege erleichtern digitale Blutzucker- und Blutdruckmessgeräte die Kontrolle.

Neuerdings scheint auch eine etwas ungewöhnliche Brille – „Google Glass“ – einen neuen Anlauf auf den Markt zu nehmen. Nachdem sie sich bislang im Alltag noch nicht richtig durchsetzen konnte, zielt ihre Anwendung nun auf autistische Kinder.

Für eine aktuelle Studie haben Catalin Voss von der Stanford University und Kollegen untersucht, inwieweit sich soziale Interaktionen von Kindern mit autistischen Störungen durch das Tragen von „Superpower-Glass“ in Verbindung mit einer speziellen App zur Gesichtserkennung verbessern lassen (JAMA Pediatr 2019, 173(5):446-454).

Lange Wartelisten für Verhaltenstherapien

Der Gesichtsausdruck des Gegenübers sagt Kindern mit autistischen Störungen meist nur wenig über dessen Denken und Fühlen. Dies schafft häufig Verwirrung im sozialen Miteinander. In Verhaltenstherapien versuchen die Kinder üblicherweise zu erlernen, wie soziale Interaktion funktioniert. Doch diese Therapien sind langwierig, teuer und häufig bestehen lange Wartelisten.

Diese Lücke soll nun die Google-Brille füllen. Sie soll Kinder mit autistischen Störungen dabei unterstützen, sich besser in der Gefühlswelt ihres Umfeldes zurechtzufinden und sich adäquat verhalten zu können. Die Brille arbeitet mit einer Kamera, deren Bilder per Wifi auf eine Smartphone-App übertragen werden.

Mit künstlicher Intelligenz werden in einem von drei angebotenen Modi beispielsweise Gesichter und Mimik analysiert und dem Kind dann ein passendes Emoji anzeigt. Derzeit kann die App acht Gesichtsausdrücke und die dazugehörige potenzielle Gefühlslage interpretieren: glücklich, traurig, ärgerlich, angewidert, überrascht, ängstlich, verachtend und neutral.

Alternativ kann das dazugehörige Gefühl auch über Sprache vermittelt werden.

Studie: Sechs Wochen lang mit App geübt

Insgesamt 71 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren mit autistischen Störungen nahmen an der randomisierten Studie teil. Alle Patienten erhielten pro Woche eine 15- bis 20-stündige Standard-Verhaltenstherapie.

 Die 40 Kinder der Interventionsgruppe wurden zusätzlich mit der Brille sowie einer Smartphone-App versorgt. Über sechs Wochen sollten die Kinder viermal wöchentlich für jeweils 20 Minuten die Gesichtserkennung per App mit ihren Familienmitgliedern üben. Die Kontrollgruppe bildeten 31 Kinder, die lediglich die übliche Verhaltenstherapie erhielten.

Innerhalb der sechswöchigen Intervention hatte sich die soziale Interaktion der Kinder der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe im Bereich Sozialisation auf der Vineland Adaptive Behaviors Scale (VABS-II) signifikant um 4,6 Punkte gebessert. Auch in anderen Bereichen fanden sich positive Effekte, die Unterschiede zur Kontrollgruppe erreichten allerdings keine Signifikanz.

Insgesamt, so Voss und Kollegen, stützten die aktuellen Studienergebnisse die Hypothese, dass die Intervention mit der „Superpower“-Brille die soziale Kompetenz von Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren mit autistischen Störungen verbessern und als effektive Ergänzung der Standardtherapie dienen könne.

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