Ärzte Zeitung, 19.09.2007

Arznei-Warnung mit unerwünschter Wirkung

Suizidrate bei Jugendlichen nach Rückgang der Antidepressiva-Verordnung stark gestiegen

CHICAGO (mut). Der Schuss ging offenbar nach hinten los: Im Jahr 2003 wurde davor gewarnt, moderne Antidepressiva an Jugendliche zu verschreiben, weil die Arzneien möglicherweise das Suizidrisiko erhöhen. Seither erhalten Jugendliche viel seltener Antidepressiva. Gleichzeitig steigt die Suizidrate drastisch.

Antidepressiva wie SSRI sollten bei Kindern und Jugendlichen nicht angewandt werden. Dieser Warnhinweis steht auch in Deutschland im Beipackzettel der SSRI. Vorausgegangen waren Warnungen der Zulassungsbehörden FDA und EMEA Ende 2003. Sie bezogen sich auf Studien, in denen sich suizidale Gedanken unter SSRI-Therapie verstärkten.

In der Praxis ist aber offenbar genau das Gegenteil der Fall: Die Arzneien können Suizide auch bei Kindern und Jugendlichen verhindern. Darauf weisen Dr. Robert D. Gibbons und seine Kollegen aus Chicago in den USA hin. Die Ärzte analysierten die Verschreibungsdaten von Antidepressiva an Kinder und Jugendliche in den USA und den Niederlanden und verglichen sie mit den Suizidraten.

Das überraschende Ergebnis: In den USA war die SSRI-Verschreibung an Kinder und Jugendliche bis 2003 stetig gestiegen. Zugleich war die Suizidrate in dieser Altersgruppe kontinuierlich gesunken. Nach der FDA-Warnung wurden 2004 aber 22 Prozent weniger SSRI verordnet, und die Suizidrate stieg um 14 Prozent - der größte jemals registrierte Anstieg innerhalb eines Jahres. In den Niederlanden war der Effekt noch drastischer: Die Zahl der Verordnungen bei Jugendlichen fiel 2004 ebenfalls um 22 Prozent, die Suizidrate stieg zugleich um 49 Prozent (Am J Psychiatry 164, 2007, 1356).

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

"Natürliche Cholesterinsenker" bei Statin-Intoleranz?

Nahrungsergänzungsmittel als "natürliche Cholesterinsenker" sind umstritten. Bei Patienten mit Statinunverträglichkeit können sie aber hilfreich sein. Was empfehlen Experten? mehr »

Bei der Digitalisierung viel Luft nach oben

Die KBV hat nachgefragt, was sich in Sachen Digitalisierung in den Arztpraxen schon getan hat. Fazit: Manches ist schon umgesetzt. Wo sind noch ungenutzte Chancen? mehr »

Forscher entdecken Mikroplastik in menschlichen Stuhlproben

12.43Eine Pilotstudie hat winzige Plastikpartikel in menschlichen Stuhlproben gefunden – weltweit. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat unterdessen eine erste Stellungnahme abgegeben. mehr »