Ärzte Zeitung, 25.05.2010

Wenn die Seele krank ist - Psychotherapie für alte Menschen

Therapeuten appellieren: Ärzte sollten depressive Erkrankungen nicht als normale Alterungsprozesse interpretieren.

Von Sunna Gieseke

Wenn die Seele krank ist  - Psychotherapie für alte Menschen

Symptome einer Depression sind keine normalen Alterungsprozesse. © Monkey Business / fotolia.com

BERLIN (sun). Bei etwa einem Viertel der älteren Menschen in Deutschland wird eine psychische Störung diagnostiziert - die Suizidalitätsrate ist sogar doppelt so hoch wie bei jüngeren Menschen. "Psychische Krankheiten bei Älteren müssen daher genauso ernst genommen werden wie körperliche Erkrankungen und sollten von der Gesellschaft genauso akzeptiert werden", fordert daher der Chef der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), Dieter Best.

Allerdings erhielten bereits 60-Jährige viel seltener eine psychotherapeutische Behandlung - 75-Jährige nähmen kaum noch einen Psychotherapeuten in Anspruch, so Best. Eine Entwicklung, die Psychotherapeuten mit Skepsis beobachten: Schließlich ist zum Beispiel bei einer Depression sogar wissenschaftlich empfohlen, die Betroffenen auch psychotherapeutisch zu behandeln. "Zudem ist Psychotherapie - im Gegensatz zu der bisherigen Meinung - auch im höheren Alter wirksam", betont auch die Altersforscherin Professor Ursula Lehr.

Es sei immer noch ein Problem, dass Ärzte viele Symptome einer Depression oder einer demenziellen Erkrankung als "normale Alterungsprozesse" interpretierten. "Demenz ist zum Beispiel keine Abwandlung einer normalen psychischen Altersveränderung", warnt Lehr. Altern müsse nicht "Abbau, Verlust von Fähigkeiten und emotionale Stumpfheit bedeuten." Psychische Störungen sollten deswegen nicht als "normal, zum Alter dazugehörig" abgetan werden. Diese ließen sich oftmals erfolgreich behandeln und dafür sei es nie zu spät.

Daher müssten Studium und Weiterbildung der Ärzte reformiert werden, um diese stärker für geriatisch-psychotherapeutische Aspekte zu sensibilisieren. Das Thema sei sehr komplex. Depressionen seien zum einen ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz.

Es bestehe aber zum anderen die Gefahr, dass eine Depression fälschlicherweise als Demenz diagnostiziert werde.

Gerade Hausärzte könnten eine zentrale Rolle in der psychotherapeutischen Versorgung erhalten, da sie ihre älteren Patienten regelmäßig zu Gesicht bekämen. Sollte eine psychische Störung festgestellt werden, müsse aber ein Psychotherapeut hinzugezogen werden. "Stärkere Depressionen im Alter gehören in die Hand eines Fachmanns", sagt Lehr. Insbesondere in Heimen müssten mehr Psychotherapeuten eingesetzt werden. "Hier wird immer noch zu schnell zu Psychopharmaka gegriffen", kritisiert sie.

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