Ärzte Zeitung, 16.01.2013
 

Schwangerschaft

SSRI keine Lebensgefahr fürs Baby

Brauchen Frauen in der Schwangerschaft SSRI, riskieren sie damit nicht das Leben der Ungeborenen: Die Rate von Totgeburten und neonatalen Todesfällen ist nicht erhöht.

Von Thomas Müller

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Erkranken werdende Mütter an einer Depression, ist dadurch das peri- und postnatale Sterberisiko des Kindes oft deutlich erhöht.

© Jiri Miklo / shutterstock.com

STOCKHOLM. Es ist ein Dilemma: Unter einer Antidepressivatherapie in der Schwangerschaft wurden in Studien zum Teil vermehrt Fehlbildungen, Fehlgeburten und eine pulmonale Hypertonie beim Baby beobachtet.

Keine Therapie ist aber auch keine Lösung, denn erkrankt die werdende Mutter an einer Depression oder einer anderen psychischen Störung, ist das peri- und postnatale Sterberisiko des Kindes oft deutlich erhöht.

In einer großen Registerstudie haben jetzt Forscher um Dr. Olof Stephansson vom Karolinska-Institut in Stockholm analysiert, ob eine SSRI-Therapie ebenfalls das Risiko von Totgeburten und postnatalen Sterbefällen erhöht (JAMA 2013; 309: 48).

Dazu haben sie Daten aus über 1,6 Millionen Schwangerschaften aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island ausgewertet.

Gut 30.000 der werdenden Mütter (1,8 Prozent) hatten in der Schwangerschaft oder in den drei Monaten davor mindestens ein Rezept für SSRI eingelöst.

Risiko im ersten Trimenon erhöht

Ergebnis: Die Rate von Totgeburten war mit 4,6 versus 3,7 pro 1000 bei den Müttern mit SSRI etwas erhöht, allerdings waren die Frauen mit SSRI älter als solche ohne, rauchten häufiger und hatten vermehrt Diabetes oder Hypertonie.

Wurden die Risikofaktoren berücksichtigt, ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Frauen mit und ohne SSRI in der Schwangerschaft.

Ein ähnliches Bild zeigte sich bei neonatalen Todesfällen in den ersten vier Lebenswochen (2,5 vs. 2,2/1000) sowie bei Todesfällen im ersten Lebensjahr (1,4 vs. 1,0/1000).

Auch hier waren die Raten ähnlich, sobald bekannte Risikofaktoren berücksichtigt wurden. Bei einer zeitlichen Einteilung ergab sich für Frauen eine signifikant erhöhte Rate von Totgeburten, wenn sie in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten oder in den drei Monaten vor Beginn der Schwangerschaft ein SSRI-Rezept eingelöst hatten.

Dies könne mit einer erhöhten Fehlbildungsrate unter SSRI im ersten Trimenon zusammenhängen, letztlich aber auch Zufall sein, da die Zahl der betroffenen Frauen in dieser Gruppe zu klein war, um belastbare Aussagen zu treffen, berichten die Forscher.

Bei den postnatalen Todesfällen ließ sich hingegen kein Bezug zum Zeitpunkt der SSRI-Einnahme herstellen.

Ein Manko der Studie bleibt aber, dass nur das Einlösen von SSRI-Rezepten ausgewertet wurde, nicht aber, ob und in welcher Dosierung die Frauen die Pillen tatsächlich einnahmen.

Hohe Suizidgefahr ohne Therapie

So ist es möglich, dass die Schwangeren wegen Sicherheitsbedenken die Dosis eigenmächtig reduzierten oder die Arzneien nur in den Schrank stellten.

Generell, so die Forscher, müssten daher Vorteile und Risiken einer SSRI-Therapie in der Schwangerschaft sorgfältig abgewogen werden. So seien bei leichter Depression zunächst nicht-pharmakologische Interventionen zu empfehlen.

Kommt man damit nicht weiter, so sei das erhöhte Risiko für Fehlbildungen unter SSRI mit dem erhöhten Mortalitätsrisiko ohne Medikation zu vergleichen.

Deutliche Worte fand hierzu Professor Hans-Christoph Diener von der Neurologischen Universitätsklinik in Essen: "Eine Depression ist eine bedrohliche Erkrankung. Man sollte keiner Frau mit einer Depression eine medikamentöse Therapie aus Furcht vor Missbildungen vorenthalten. Bei sorgfältiger Güteabwägung ist ein Suizid der Mutter im Rahmen einer Depression ein sicher viel schwerwiegenderes Ereignis als eine geringe Zunahme der absoluten Zahl von septalen Herzdefekten" (InFo Neurologie & Psychiatrie 2009; 11: 11).

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