Ärzte Zeitung, 30.11.2015

Synaptische Plastizität

Depressionen durch schlechte Neuvernetzung

FREIBURG. Warum verlaufen Depressionen in Schüben? Eine mögliche Ursache dafür haben Forscher der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Freiburg gefunden. Sie wiesen nach, dass sich Nervenzellen im Gehirn während der depressiven Episoden langsamer neu vernetzen - und sich damit das Gehirn schlechter an neue Reize anpassen kann (Neuropsychopharmacology 2015; online 28. Oktober).

Um die synaptische Aktivität zu ermitteln, untersuchten die Forscher um Professor Christoph Nissen, Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Uniklinikum Freiburg, je 27 gesunde und depressive Personen, teilt die Uniklinik mit.

Sie reizten mit Hilfe einer Magnetspule über dem Kopf der Probanden ein bestimmtes motorisches Areal im Gehirn, das für die Steuerung eines Daumenmuskels zuständig ist. Dann maßen sie, wie stark der Daumenmuskel dadurch aktiviert wird.

Verschieden starke Reaktionen

Im zweiten Schritt kombinierten sie die Reizung mit einer wiederholten Stimulation eines Nervs am Arm, der Informationen ins Gehirn sendet. Hatte durch die Kopplung ein Lernvorgang in Form einer stärkeren Verknüpfung von Nervenzellen in der Gehirnrinde stattgefunden (synaptische Plastizität), war die Reaktion stärker als zu Beginn des Experiments.

Die depressiven Probanden wiesen eine geringere synaptische Plastizität auf als solche ohne eine depressive Episode. War die depressive Episode bei einer Folgeuntersuchung einige Wochen später jedoch abgeklungen, zeigten sie auch eine normale Hirnaktivität.

"Damit haben wir eine messbare Veränderung im Gehirn gefunden, die zeitlich mit dem klinischen Zustand übereinstimmt", wird Nissen in der Mitteilung zitiert. Die Forscher nehmen an, dass es sich bei der verminderten synaptischen Plastizität um eine Ursache der Depression handelt und nicht nur um eine Folge.

Untersuchungen an Tiermodellen

"Synaptische Plastizität ist ein grundlegender Prozess im Gehirn. Veränderungen könnten einen Großteil der Symptome einer Depression erklären", so Nissen. Vorangegangene Untersuchungen an Tiermodellen und auch weitere Indizien beim Menschen sprechen für eine ursächliche Rolle.

Neben Schlafentzug, einer etablierten Depressionstherapie, haben auch alle gängigen antidepressiv wirksamen Verfahren, einschließlich Medikamente, Elektrokrampftherapie und auch sportliche Betätigung, eine positive Wirkung auf die synaptische Plastizität.

Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien als zuverlässig erweisen, könnten sie, so die Uniklinik, zur weiteren Entwicklung für objektive Verfahren zur Diagnosestellung und Therapiekontrolle dienen.

Zudem könnte die vorliegende Forschungslinie die Entwicklung neuer Therapieverfahren begünstigen, die die synaptische Plastizität noch direkter als bisher beeinflussen. (eb)

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