Ärzte Zeitung online, 07.03.2017
 

Verzagte Väter

Auch Papa bekommt den "Babyblues"

Die Schwangerschaft der Partnerin, die erste Zeit mit dem neuen Baby: Für Väter kann das ernste Folgen haben, zeigt eine neue Studie.

Von Elke Oberhofer

Auch Papa bekommt den "Babyblues"

Die erste Zeit mit dem neuen Baby ist schön - doch sie kann auch Stressfaktor sein.

© Sandy Schulze / fotolia.com

AUCKLAND. Der "Babyblues" rund um die Geburt ist bei Müttern ein relativ gut untersuchtes Phänomen. Wenig beschäftigt hat sich die Wissenschaft jedoch bisher mit der Seelenlage der Väter in dieser oft nicht ganz einfachen Lebensphase.

Ein Team der Universität Auckland in Neuseeland hat sich konkret der Frage gewidmet, inwieweit sich Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach auf die Stimmung der Väter niederschlagen. Dazu nahmen sich Lisa Underwood und Kollegen die Partner der Frauen vor, die an der "Growing Up in New Zealand"-Studie beteiligt waren (JAMA Psychiatry 2017; online 15. Februar).

Mit den Vätern wurden zwei Interviews geführt, eines im letzten Schwangerschaftstrimester und ein zweites neun Monate nach der Geburt des Babys.

An der ersten Befragung nahmen 3826 werdende, an der zweiten 3549 frisch gebackene Väter teil. Für die Auswertung konnten die Daten von insgesamt 3523 Männern herangezogen werden.

Wie Underwood und ihr Team berichten, zeigten 2,3 Prozent der Teilnehmer vor und 4,3 Prozent nach der Geburt Zeichen einer Depression. Zum Vergleich: Die Raten der Frauen lagen in der "Growing Up in New Zealand"-Studie bei 11,5 bzw. 8,0 Prozent.

Eine Schwachstelle der vorliegenden neuseeländischen Untersuchung ist, dass für die Erfassung der depressiven Symptome vor und nach der Geburt unterschiedliche Skalen verwendet wurden: Für die Stimmungslage ante partum kam die "Edinburgh Postnatal Depression Scale" (EPDS) zum Einsatz, die auch bei Männern validiert ist.

Bei dem 30-Punkte-Score steht das Maximum für die schwerste Symptomatik. Dagegen zog man für die Erfassung von postnatalen Depressionen den "Patient Health Questionnaire" (PHQ-9) heran, bestehend aus neun Fragen mit einem Maximalwert von insgesamt 27.

Depression in der Anamnese

Die Grenze zur "wahrscheinlichen depressiven Störung" zog man bei Punktwerten von 12 (EPDS) beziehungsweise 9 (PHQ-9).

Den Forschern zufolge hatten Männer, die vor oder nach der Geburt des Kindes eine solche Störung entwickelten, signifikant häufiger eine Depression in der Vorgeschichte als solche, die perinatal davon verschont blieben (25,6 Prozent gegenüber 7,8 bzw. 28,1 Prozent gegenüber 7,4 Prozent). Insgesamt berichteten 8,3 Prozent der Teilnehmer über frühere Depressionen.

Sowohl bei den antenatal als auch bei den postnatal depressiven Männern war zudem die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Partnerin zu haben, die ebenfalls mit Stimmungstiefs kämpfte. Die Stimmung bei den Männern, die nicht die Kriterien für eine Depression erfüllten, war im Mittel allerdings deutlich besser als bei den Frauen (3,31 gegenüber 4,59 Punkte im EPDS-Score).

Stress als Risikofaktor

Das Risiko einer Depression in der Zeit der Schwangerschaft hing bei den Männern deutlich mit dem subjektiv empfundenen Stress und dem allgemeinen Gesundheitsstatus zusammen. Bei erhöhtem Stressniveau stieg das Depressionsrisiko um 38 Prozent, bei schlechter bis mittlerer Gesundheit verdoppelte es sich.

Männer, die sich aus Rücksicht auf die schwangere Partnerin das Trinken verkniffen, hatten ein doppelt so hohes Depressionsrisiko wie werdende Väter, deren Alkoholkonsum unverändert blieb.

Risikofaktoren für eine depressive Symptomatik nach der Geburt waren neben einer Depression in der Vorgeschichte (Odds Ratio 2,80) auch Rauchen während der Schwangerschaft der Partnerin (OR 1,72) und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand (OR 1,69). Hinzu kamen Risikofaktoren, die erst nach der Geburt auftraten, vor allem Probleme mit der Partnerin, in der Familie oder im Umfeld sowie Jobverlust.

Mit einer Rate von 2,3 Prozent, so Underwood und ihre Kollegen, unterscheidet sich die pränatale Depressionshäufigkeit bei den werdenden Väter – anders als bei den Müttern – nicht maßgeblich von der in der männlichen Allgemeinbevölkerung.

Man müsse allerdings in Betracht ziehen, dass alle Studienteilnehmer bei der vorgeburtlichen Befragung in festen Partnerschaften lebten; ein Faktor, der das Depressionsrisiko bekanntermaßen senkt.

Auf Vorgeschichte screenen

Das Risiko für eine nach der Geburt des Kindes neu aufgetretenen Depression lag bei 3,8 Prozent. Diese Risikoerhöhung sei möglicherweise auf die ungewohnte Vaterrolle zurückzuführen, spekulieren die Forscher. Andererseits sei es aber auch nicht ausgeschlossen, dass der PHQ-9 einfach empfindlicher sei als der für die antenatalen Depressionen herangezogene EPDS.

Underwood und ihre Kollegen raten dazu, frisch gebackene Väter vor allem dann auf eine Depression hin zu screenen, wenn ein seelisches Problem in der Vorgeschichte bekannt ist und die Männer während der Schwangerschaft sehr gestresst und/oder gesundheitlich angeschlagen waren.

Vor allem bei Jobverlust oder familiären Problemen sollte den Betroffenen möglichst frühzeitig Hilfe angeboten werden. Dies, so betonen die Forscher, sei auch insofern wichtig, als Depressionen bei den Vätern das Wohl und die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen können, sei es direkt oder aber indirekt über den Effekt der Krankheit auf die Mutter.

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