Ärzte Zeitung online, 14.11.2017

Neue Studien laufen

Depressionen: Nutzen von Sport umstritten

Kann man Depressionen buchstäblich davonlaufen? Die Evidenz dazu ist recht widersprüchlich. Neue Studien sollen jetzt für mehr Klarheit sorgen.

BERLIN. Sport, so sollte man meinen, ist ein perfektes Antidepressivum: rascher Wirkeintritt, kaum Kosten und keine Nebenwirkungen – solange man es nicht übertreibt.

Auf dem Welt-Psychiatrie-Kongress in Berlin verwies Dr. Charlotte Huppertz von der Uniklinik in Aachen auf drei Cochrane-Metaanalysen aus den vergangenen acht Jahren. Untersucht wurden jeweils zwischen 23 und 35 Studien; stets ergab sich eine signifikante und moderate Effektstärke im Vergleich zur alleinigen Standardbehandlung oder zu keiner Therapie. Auch zeigte sich ein Dosiseffekt. Wurden allerdings nur die wenigen qualitativ hochwertigen Studien mit einer Intention-to-treat-Analyse und einer wenigstens einfachen Verblindung ausgewertet – die beurteilenden Ärzte wussten also nicht, wer in der Sportgruppe war –, dann ließen sich allenfalls noch geringe Effektstärken nachweisen.

Größtes Problem waren offenbar Dropout-Raten von bis zu 50 Prozent: Wer keinen Sport treibt, kann natürlich auch nicht davon profitieren. Möglicherweise bleiben in solchen Studien vor allem diejenigen bei der Stange, die weniger depressiv sind oder sich aus anderen Gründen auf dem Weg der Besserung befinden, was die Ergebnisse verzerren dürfte. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu umgehen, könnte eine niedrigere Schwelle für körperliche Aktivität sein. Spricht man von Sport, so Huppertz, denken viele Menschen an Marathonläufe oder Fitnessstudio; das sei eher abschreckend. Vielleicht genügt es, wenn sich Depressive überhaupt mehr bewegen, egal wie, um die Genesung zu beschleunigen.

Genau das wird nun in der Studie "SAD – Schritte aus der Depression" unter der Leitung der Charité Berlin getestet. Einbezogen werden randomisiert-kontrolliert 400 Patienten aus acht psychiatrischen Kliniken. Die Depressiven in der Interventionsgruppe sollen ihre Schrittzahl langsam von durchschnittlich 4000 auf das von der WHO empfohlene Maß von mindestens 10.000 Schritte am Tag erhöhen und dann beibehalten. Dazu bekommen sie einen Schrittzähler und ein Schritttagebuch. Jeden Tag können sie notieren, wie viele Schritte sie geschafft haben, jede Woche sollten es 500 mehr sein als in der Vorwoche.

Ziel ist vor allem herauszufinden, ob mehr Bewegung die Symptome reduziert und die Entlassung aus der Klinik beschleunigt. Sechs Monate nach Entlassung wird noch einmal geprüft, ob die Maßnahme einen länger anhaltenden Effekt hat. Die ersten Sechs-Monats-Messungen seien bereits abgeschlossen. Viele Patienten hätten es offenbar auch nach Klinikentlassung geschafft, die 10.000 Schritte am Tag zu erreichen, so Huppertz. (mut)

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