Direkt zum Inhaltsbereich

Neue Studien laufen

Depressionen: Nutzen von Sport umstritten

Kann man Depressionen buchstäblich davonlaufen? Die Evidenz dazu ist recht widersprüchlich. Neue Studien sollen jetzt für mehr Klarheit sorgen.

Veröffentlicht:

BERLIN. Sport, so sollte man meinen, ist ein perfektes Antidepressivum: rascher Wirkeintritt, kaum Kosten und keine Nebenwirkungen – solange man es nicht übertreibt.

Auf dem Welt-Psychiatrie-Kongress in Berlin verwies Dr. Charlotte Huppertz von der Uniklinik in Aachen auf drei Cochrane-Metaanalysen aus den vergangenen acht Jahren. Untersucht wurden jeweils zwischen 23 und 35 Studien; stets ergab sich eine signifikante und moderate Effektstärke im Vergleich zur alleinigen Standardbehandlung oder zu keiner Therapie. Auch zeigte sich ein Dosiseffekt. Wurden allerdings nur die wenigen qualitativ hochwertigen Studien mit einer Intention-to-treat-Analyse und einer wenigstens einfachen Verblindung ausgewertet – die beurteilenden Ärzte wussten also nicht, wer in der Sportgruppe war –, dann ließen sich allenfalls noch geringe Effektstärken nachweisen.

Größtes Problem waren offenbar Dropout-Raten von bis zu 50 Prozent: Wer keinen Sport treibt, kann natürlich auch nicht davon profitieren. Möglicherweise bleiben in solchen Studien vor allem diejenigen bei der Stange, die weniger depressiv sind oder sich aus anderen Gründen auf dem Weg der Besserung befinden, was die Ergebnisse verzerren dürfte. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu umgehen, könnte eine niedrigere Schwelle für körperliche Aktivität sein. Spricht man von Sport, so Huppertz, denken viele Menschen an Marathonläufe oder Fitnessstudio; das sei eher abschreckend. Vielleicht genügt es, wenn sich Depressive überhaupt mehr bewegen, egal wie, um die Genesung zu beschleunigen.

Genau das wird nun in der Studie "SAD – Schritte aus der Depression" unter der Leitung der Charité Berlin getestet. Einbezogen werden randomisiert-kontrolliert 400 Patienten aus acht psychiatrischen Kliniken. Die Depressiven in der Interventionsgruppe sollen ihre Schrittzahl langsam von durchschnittlich 4000 auf das von der WHO empfohlene Maß von mindestens 10.000 Schritte am Tag erhöhen und dann beibehalten. Dazu bekommen sie einen Schrittzähler und ein Schritttagebuch. Jeden Tag können sie notieren, wie viele Schritte sie geschafft haben, jede Woche sollten es 500 mehr sein als in der Vorwoche.

Ziel ist vor allem herauszufinden, ob mehr Bewegung die Symptome reduziert und die Entlassung aus der Klinik beschleunigt. Sechs Monate nach Entlassung wird noch einmal geprüft, ob die Maßnahme einen länger anhaltenden Effekt hat. Die ersten Sechs-Monats-Messungen seien bereits abgeschlossen. Viele Patienten hätten es offenbar auch nach Klinikentlassung geschafft, die 10.000 Schritte am Tag zu erreichen, so Huppertz. (mut)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Risikofaktoren im Blick

So spüren Sie eine Post-Stroke-Depression auf

Robert Koch-Institut

Fast jeder dritte Erwachsene hört schlecht

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Deutscher Rheumatologiekongress startet

Rheumatoide Arthritis: Eingreifen, bevor sie ausbricht!

Überblick

Zu unserer Themenseite Medizin

Lesetipps
Eine Tafel mit digitale Ziffern und in der Mitte steht "KI"

© 3dkombinat / stock.adobe.com

Interview zum Urologie-Kongress

Wie wird KI die Urologie verändern, DGU-Präsidentin Krege?

Roboter schreibt mit einem Stift

© Shafay / Stock.adobe.com

Diagnostik, Dokumentation und Co

KI in der Medizin: Diese Limitationen sollten Ärzte im Blick haben