Ärzte Zeitung online, 06.10.2017
 

Zöliakie

Glutenfreie Diät gegen epileptische Anfälle?

Es kann sich lohnen, bei Epilepsie eine glutenfreie Diät zumindest zu versuchen. Denn Zöliakie macht sich nicht nur im Gastrointestinaltrakt oder an der Haut bemerkbar. Auch für neurologische Erkrankungen kann ein Zusammenhang gezeigt werden.

Von Beate Fessler

Glutenfreie Diät gegen epileptische Anfälle?

Glutenfreies Brot scheint nicht nur gastrointestinale Beschwerden zu bessern.

© Johanna Mühlbauer / Fotolia

KÖLN. Mit einer Zöliakie werden zuvorderst gastrointestinale Beschwerden assoziiert. Auch Hauterkrankungen liegen nahe. Was dagegen oft übersehen wird, ist der Zusammenhang mit dem Nervensystem. "Das klinische Spektrum der Zöliakie betrifft vor allem den Gastrointestinaltrakt und die Haut, kann aber auch das Nervensystem einbeziehen – auch ohne gastrointestinale Symptome", hat Professor Klaus-Peter Zimmer vom Universitätsklinikum Gießen beim diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Köln erläutert.

Zu den extraintestinalen neurologischen Manifestationen der Zöliakie gehören bei Kindern vor allem die Epilepsie und der Kopfschmerz. Beobachtet werden auch Läsionen der weißen Substanz. Bei Erwachsenen konnte zusätzlich ein Zusammenhang mit der zerebellären Ataxie sowie mit der peripheren Neuropathie gezeigt werden.

Häufig sei die Assoziation zwischen Zöliakie und Epilepsie bei Erwachsenen zwar deutlicher ausgeprägt, aber es gebe genügend Hinweise, dass dieser Zusammenhang bereits in früheren Lebensjahren besteht, sagte Zimmer. Der Pädiater verwies dabei auf Daten einer schwedischen Studie mit 28.885 Patienten, bei denen eine Zöliakie bioptisch nachgewiesen worden war. Das mediane Alter der Teilnehmer lag bei 30 Jahren.

Im Vergleich mit einer gematchten Kontrollgruppe von 143.166 Personen war das Risiko für Patienten mit Zöliakie, in der Zukunft eine Epilepsie zu entwickeln, deutlich erhöht (HR 1,42). Das absolute Risiko lag bei 92/100.000 Personenjahren. Dieser Anstieg war in allen Altersgruppen zu sehen. Konkret lag die Hazard Ratio bei Kindern und Jugendlichen (Alter < 20 Jahren) bei 1,58 und war damit hochsignifikant (p<0,001) (Neurology 2012, 78(18): 1401-1407).

Was liegt deshalb näher, als bei Epilepsie eine glutenfreie Diät zumindest zu versuchen. Dass sie einen therapeutischen Effekt haben kann, zeigte Zimmer am Beispiel eines sieben Jahre alten Mädchens, das zwei Jahre lang über Kopfschmerzen, refraktäre Anfälle mit postiktaler Hemiparese und Aphasie litt. Nach zwei Jahren glutenfreier Ernährung war das Kind anfallsfrei, die MR-Läsionen hatten sich aufgelöst. "Auch die morphologischen Änderungen bessern sich", kommentierte der Pädiater. Weiterhin bestanden allerdings eine Hemiparese und Wortfindungsstörungen.

An das Vorliegen einer Zöliakie sollte aber auch bei Kopfschmerzen im Kindesalter gedacht werden. So klagte von insgesamt 354 Kindern mit Zöliakie in einer Studie etwa ein Viertel über Kopfschmerzen, dagegen jedoch nur acht Prozent von 200 Kontrollpersonen.

Mit einer glutenfreien Diät gelang es auch hier, die Kopfschmerzen zu beheben. Nicht zuletzt betonte Zimmer den Zusammenhang von Zöliakie und Depression. Und auch hier lässt sich ein positiver Effekt einer glutenfreien Ernährung auf die Stimmung erkennen.

42 % erhöht war das Risiko für Patienten mit Zöliakie, in der Zukunft eine Epilepsie zu entwickeln, im Vergleich zu Kontrollpersonen.

[07.10.2017, 16:08:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bei bestehender Zöliakie werden Kopfschmerzen/Epilepsie nur häufiger detektiert!
Eine erhöhte Co-Inzidenz oder gar Co-Prävalenz bleiben fragwürdig:
"Increased risk of epilepsy in biopsy-verified celiac disease - A population-based cohort study" von J.F. Ludvigsson et al. http://www.neurology.org/content/78/18/1401.full
hat als rein populations-basierte Studie eine äußerst geringe Aussagekraft.

Dass selbst die Schlussfolgerung ["Conclusion: Individuals with CD (Celiac disease) seem to be at a moderately increased risk of epilepsy"] auf schwachen Füßen steht, ergibt sich aus dem "moderat erhöhtem Risiko einer Epilepsie" bei Zöliakie. Von Kopfschmerzen ist im Abstract gar nicht mehr die Rede.

Das Signifikanzniveau wurde, wie in letzter Zeit häufiger zu beobachten (1, 2), durch einen simplen statistischen Trick erreicht: "...we calculated hazard ratios (HRs) for epilepsy (defined as a diagnosis of epilepsy in the Swedish National Patient Register) in 28,885 individuals with CD and 143,166 controls matched for age, sex, calendar period, and County" bedeutet, dass 28.885 Zöliakie-Betroffene mit einer extrem auf 143.166 aufgeblähten, fünffach (Faktor 4,96) größeren Kontrollgruppe verglichen wurden.

Hier wurde ganz offensichtlich eine klinisch häufiger kontrollbedingt nachvollziehbare, höhere Detektionsrate von Epilepsie und Kopfschmerzen bei Zöliakie-Morbidität mit erhöhter Co-Inzidenz oder gar Co-Prävalenz einer davon unabhängigen Zweit-Morbidität verwechselt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

(1) Vgl. meine Kommentare zu https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/?sid=943192
(2) https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/article/943193/hinweise-bevoelkerungsstudie-reicht-lithium-trinkwasser-demenzprophylaxe.html
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