Ärzte Zeitung online, 08.07.2016
 

Geh-Blockaden

Helfen Daten-Brillen bald schon Parkinson-Kranken?

Mit ungewöhnlichen Methoden Parkinson bekämpfen: Mit dreidimensionalen Illusionen lassen sich Freezing-Episoden überwinden. Und das könnte erst der Anfang sein.

Von Thomas Müller

Gibt es bald Virtual Reality-Brillen für Parkinson-Kranke?

3D-Treppenillusionen: Diese könnten Parkinson-Patienten helfen – realisierbar per Datenbrille.

© eternalcreative / iStock.com

TWENTE/NIEDERLANDE. Patienten mit Freezing haben oft das Gefühl, ihre Füße sind auf dem Boden festgeklebt – obwohl sie die Beine heben wollen, gelingt es ihnen nicht.

Mit visuellen Reizen, etwa farbigen Linien oder Markierungen, die an Türschwellen erinnern, lässt sich die Blockade oft überlisten. Auch ein Kabelbinder, der unten am Gehstock angebracht wird, leistet oft gute Dienste: Bei Freezing-Episoden können die Betroffenen versuchen, über das Plastikbändchen zu steigen und dadurch wieder in Gang zu kommen. Diese Methode hat den Vorteil, dass sie überall angewandt werden kann.

Doch solche Hilfsmittel greifen nicht bei allen Patienten. Manche kommen mit zweidimensionalen Simulationen von Hindernissen klar, andere brauchen offensichtlich die dritte Dimension.

Keine Blockaden beim Treppensteigen

Über einen solchen Fall berichten Biomediziner um Sabine Janssen von der Universität in Twente.

Ein 60-jähriger Mann war bereits seit 15 Jahren an Parkinson erkrankt und litt zunächst vor allem unter Rigor und einem rechtsseitigen Tremor. Mit der Zeit gesellten sich immer öfter auch Freezing-Episoden dazu, vor allem beim Umdrehen oder zum Beginn einer Gehstrecke.

Das Freezing trat vorwiegend in den Off-Phasen auf und führte mit der Zeit zu starken Beeinträchtigungen im Alltag: Die Mobilität verringerte sich, der Mann fühlte sich beim Gehen zunehmend unsicher und fürchtete sich vor Stürzen. Auf zweidimensionale Markierungen sprach er nicht an, allerdings kam es beim Treppensteigen zu keinen nennenswerten Blockaden.

Dies ist einem Verwandten aufgefallen, der als Produktdesigner arbeitet. Er zeichnete daraufhin plastisch wirkende Treppen auf den Boden der Wohnung. Die Treppenillusion hat offenbar einen vergleichbaren Effekt wie eine reale Treppe - der Parkinsonkranke kann mühelos darüber hinweggehen.

Davor und dahinter hat er jedoch deutliche Probleme beim Gehen, wie auch ein Video zeigt, das der Onlinepublikation zu dieser Kasuistik beigefügt ist.

Bald Anti-Freezing-Brillen mit Augmented Reality?

Weshalb bei manchen Patienten zweidimensionale Reize kaum, dreidimensionale hingegen sehr gut wirken, ist nicht ganz klar. Bei dreidimensionalen Hindernissen müssen die Patienten die Füße höher heben – das könnte einen stärkeren Reiz ausüben oder weniger beeinträchtigte alternative motorische Programme aktivieren, vermuten die Experten um Janssen.

Freezing beruht wohl auch auf einer gestörten Gewichtsverlagerung auf das Standbein. Ein dreidimensionales Hindernis setzt vermutlich einen stärkeren Reiz für eine Gewichtsverlagerung.

Bei einem solchen Hindernis wird auch der visuelle Kortex deutlicher aktiviert. Möglicherweise kompensiert dieser die gestörte Kommunikation zwischen Basalganglien und motorischen Arealen.

Überall im Haus dreidimensional wirkende Treppenzeichnungen anzubringen, ist natürlich keine besonders elegante und ästhetisch überzeugende Lösung.

Hilfreich wären künftig vielleicht Datenbrillen, die solche Treppen bei Bedarf in das Blickfeld des Patienten zaubern (Augmented Reality), am besten automatisch dann, wenn Sensoren an den Beinen ein Freezing feststellen, spekulieren die Forscher um Janssen.

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