Ärzte Zeitung, 04.02.2008

Neue Arzneien zielen auf Lymphozyten

Monoklonale Antikörper und lösliche Rezeptorkomplexe sollen B- und T-Zellen bei MS-Kranken in Schach halten

PRAG (hem). Für Patienten mit Multipler Sklerose (MS) sind neue Therapieoptionen in Sicht. Die Pipeline von Arzneien mit krankheitsmodifizierender Wirkung ist gut gefüllt, wie auf dem ECTRIMS-Kongress in Prag deutlich wurde. Auch der lang gehegte Wunsch nach oral verfügbaren MS-Medikamenten wird bald in Erfüllung gehen.

 Neue Arzneien zielen auf Lymphozyten

Im Visier der MS-Forscher: B-Lymphozyt in einer Computersimulation.

Foto: Hoffmann-La Roche

Allein fünf oral anwendbare MS-Präparate befinden sich in klinischen Studien der Phase III und neun weitere in Studien der Phase II. Darüber hinaus gibt es noch 14 zusätzliche Arznei-Kandidaten in Phase II und III - hauptsächlich monoklonale Antikörper und frei lösliche Rezeptorkomplexe, die subkutan oder intravenös appliziert werden. Alle zählen zu den Disease Modifying Drugs (DMDs) und greifen in die Immunpathogenese der MS ein. Sie wirken immunmodulierend oder immunsuppressiv.

MS-Arzneien kommen meist aus der Onkologie

Die meisten derzeit entwickelten MS-Mittel sind zytostatisch wirksame Arzneien und führen zu einer gezielten drastischen Verringerung von Immunzellen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die neuen Therapieoptionen überwiegend aus der Onkologie stammen und dort vor allem bei lymphatischen Erkrankungen von Bedeutung sind.

So haben es Forscher bei der MS neuerdings auch auf die B-Zellen abgesehen. Bei ZNS-Entzündungen finden B-Zellen anscheinend ein gutes Milieu vor, um langfristig zu überleben. Als Angriffsziel sind B-Lymphozyten deshalb attraktiv, weil sie Autoantikörper ausschütten. Außerdem sind sie in der Kommunikation mit anderen Immunzellen von großer Bedeutung, indem sie diesen Zellen Antigene präsentieren. Um eine gute Selektion bei der Verringerung von Immunzellen sicherzustellen, bedient man sich der charakteristischen Zellmarker aus der CD-Nomenklatur. CD steht für "cluster of differentiation". Therapien mit monoklonalen Antikörpern, die derzeit in Erprobung sind, zielen zum Beispiel auf CD19- und CD20-positive B-Zellen (Rituximab) sowie auf CD52-positive B- und T-Zellen (Alemtuzumab).

Andere Ansätze zielen speziell auf T-Zellen. Hier wird versucht, ihre Mitwirkung an der Krankheitsaktivität zu bremsen. Das gelingt zum Beispiel über eine drastische Verringerung von CD4-positiven T-Lymphozyten (Cladribin). T-Zellen müssen aber nicht unbedingt eliminiert werden, um therapeutische Effekte zu erreichen. Es genügt vermutlich schon, sie an der Zirkulation zu hindern (Fingolimod) oder ihre Aktivierung zu unterbinden (Teriflunomid).

Wenig Erfolg bei MS mit Rheuma-Medikamenten

Anleihen bei anderen Autoimmunkrankheiten wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) oder Rheumatoider Arthritis (RA) konnten Forscher für neue Therapien bei MS bislang kaum ziehen. Vor allem proinflammatorische Zytokine wie TNF-alfa scheinen im Gegensatz zur RA und zu CED bei MS kein geeignetes Ziel zu sein. Ein humanisierter Antikörper gegen den Interleukin-2-Rezeptor (Daclizumab) ist allerdings Erfolg versprechend.

Ein grundlegender Durchbruch in der Behandlung bei Multipler Sklerose kommt wohl nicht ohne einschneidende Eingriffe in das Immunsystem aus. Die neuen Therapieansätze sind umso erfolgreicher, je radikaler sie T- und B-Zellen entfernen. Ohne unerwünschte Arzneimitteleffekte geht das natürlich nicht. Sie reichen von Hepatotoxizität über opportunistische Infektionen bis hin zur Thrombozytopenie.

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