Ärzte Zeitung App, 17.12.2013
 

Neue Hoffnung

Entwicklungsschub bei MS-Arzneien

Viele neue Medikamente für Patienten mit Multipler Sklerose (MS) befinden sich in der Entwicklung. Neben einer effektiveren Entzündungshemmung stehen dabei vermehrt auch regenerative Ansätze im Fokus.

Von Thomas Müller

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Antikörper - in der MS-Therapie eine der wichtigsten Waffen.

© Springer Verlag

NEU-ISENBURG. Es herrscht so etwas wie Goldgräberstimmung bei der Entwicklung von Medikamenten für Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. In kaum einem anderen Bereich der Neurologie stehen so viele neue Kandidaten auf dem Prüfstand. Die geprüften Substanzen richten sich dabei gegen ganz unterschiedliche Ziele.

Autoaggressive B- und T-Zellen sind eines der Hauptprobleme bei Multipler Sklerose. Mit Alemtuzumab wurde jetzt ein Antikörper zugelassen, der gezielt zirkulierende B- und T-Zellen eliminiert.

Ähnlich wirkt Ocrelizumab, allerdings spezifisch gegen B-Zellen. Dieser Antikörper bindet dann an das CD20-Protein. In einer Phase-II-Studie kam die MS-Aktivität damit weitgehend zum Erliegen, die Schubrate lag zum Teil 80 Prozent unter der von Patienten, die mit Placebo behandelt wurden.

In gleicher Weise (über CD20) zerstört Ofatunumab aktive B-Zellen. Dieser Antikörper wird derzeit ebenfalls in Phase II bei MS geprüft.

Modulation der Lymphozyten

Man muss aggressive Lymphozyten nicht gleich umbringen, um eine gute Wirkung bei MS zu erzielen, oft reicht auch ein weniger gravierender Eingriff.

Nach der Zulassung des Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulators Fingolimod, der Lymphozyten in den Lymphknoten zurückhält, setzen Forscher bereits auf die nächste Generation solcher Wirkstoffe.

Substanzen wie Siponimod und Ono 4641 binden spezifisch an die Rezeptorvarianten S1P-1 und -5. Ähnlich wie beim Wirkstoff Fingolimod verspricht man sich als Zusatzeffekt einen besseren Schutz der Nervenzellen, da diese Rezeptoren auch bei der Astrozytenaktivierung und Demyelinisierung im ZNS von Bedeutung sind.

Noch spezifischer wirkt die Substanz Ponesimod: Das Molekül bindet nur an den S1P-Subtyp 1. In Phase-II-Studien ließ sich die Schubrate mit solchen Mitteln um bis zu 80 Prozent reduzieren.

Wird die Kommunikation von Lymphozyten gestört, schwächt auch dies den Angriff auf die Axone.

Daclizumab blockiert Interleukin 2, indem es an den Rezeptor CD25 bindet. Der Antikörper wurde lange zur Immunsuppression in der Transplantationsmedizin verwendet und wird jetzt zur Therapie bei Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose geprüft. Die Schubrate ließ sich mit der Substanz in einer Studie etwa um die Hälfte reduzieren.

Secukinumab richtet sich direkt gegen Interleukin 17A und wird derzeit in Phase II bei einer ganzen Reihe entzündlicher Erkrankungen getestet. Eine erste kleine Studie bei MS deutete auf eine deutliche Reduktion von Hirnläsionen.

Studie zu Remyelinisierung

Eine effektive Remyelinisierung sollte bleibende Schäden bei Patienten mit Multipler Sklerose verhindern. Offenbar wird dieser Prozess durch das Protein Lingo 1 gebremst. In tierexperimentellen Untersuchungen konnten Wissenschaftler beobachten, dass die Blockade von Lingo 1 die Remyelinisierung beschleunigt und zu einer schnelleren funktionellen Erholung führt.

Nachdem zwei Phase-I-Studien mit einem Antikörper gegen das Protein Lingo 1 bei Gesunden zu keinen Bedenken führten, ist jetzt eine Phase-II-Studie auf dem Weg.

Ein anderer Ansatz wurde Anfang Oktober auf dem ECTRIMS-Kongress (European Committee for Research and Treatment in Multiple Sclerosis) in Kopenhagen vorgestellt: Nach diesem Modell kann das Östrogen-Analogon NDC 1308 sehr effektiv Vorläuferzellen von Oligodendrozyten aktivieren.

Das Molekül bindet an Rezeptoren im Zellkern und sorgt dafür, dass sich die Vorläuferzellen in reife Oligodendrozyten verwandeln. Diese machen sich dann rasch an die Reparaturarbeiten. Im MS-Tiermodell funktionierte das ganz gut: Die Myelinbildung wurde verstärkt, die Entwicklung der Erkrankung verzögert.

In Experimenten konnte auch die Blockade einer bestimmten Hyaluronidase mit der Bezeichnung PH20 die Remyelinisierung forcieren. Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass Verdauungsprodukte dieses Enzyms die Oligodendrozyten an der Reifung hindern.

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